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Vom  5.07.2007

„Wir sind immer noch da“

Der jährliche Hererotag, genauer der Mahererotag ist eine Feier, die von Jahr zu Jahr größer und nationaler wird. Wenn Ende August der Ahnen der Herero gedacht wird, ist das beschauliche Provinzstädtchen kaum wieder zu erkennen. AZ-Mitarbeiter Matthias Usbeck sprach mit Ripanda Meroro über das anstehende Fest sowie seine Bedeutung. Der persönliche Assistent des Stadtdirektors ist mit der Organisation der Veranstaltung betraut, welche in diesem Jahr am 25. und 26. August stattfindet.

© Matthias Usbeck
Ripanda Meroro, persönlicher Assistent des Stadtdirektors, ist nicht zum ersten Mal für die Organisation des Hererotages in Okahandja zuständig. Oft, berichtet er, sei die Veranstaltung so gut besucht, dass man gar nichts mehr sehen könne.
AZ: Herr Meroro, was genau feiern Sie Ende August?
R. M.: Für uns Herero ist es eine Feier anlässlich der Beisetzung unseres einstigen Oberhauptes Samuel Maherero am 23. August 1923. Alle Herero kommen in diesen Tagen zusammen, um ihrer Ahnen zu gedenken. Darüber hinaus wird es heutzutage immer mehr zu einem nationalen Ereignis.

AZ: Aber gibt es nicht nach wie vor Animositäten zwischen den verschiedenen Lagern innerhalb der Herero?
R. M.: Die gibt es sicherlich. Doch sie äußern sich anlässlich der Festtage lediglich als logis-tische Problemchen, die dann vor allem ich als Organisator zu spüren bekomme. Meinungsverschiedenheiten gibt es etwa zum Inhalt der Festrede. Welche Personen darin besonders willkommen geheißen werden sollten, ist immer wieder eine heikle Debatte – aber eigentlich sind das alles Kleinigkeiten.

AZ: Wer besucht die Feierlichkeiten? Gibt es Gruppen, die weniger willkommen sind?
R. M.: Jeder ist da. Das war vor der Unabhängigkeit lange nicht so ein riesiges Spektakel. Nicht nur Vertreter der Herero, die ausgewandert sind, finden sich hier wieder zusammen. Auch aus anderen Nationen und ethnischen Gruppen sind Stellvertreter sowie zahlreiche Touristen anwesend. Sie alle sind willkommen, können sie doch später unsere Botschafter im Ausland sein. Und auch unsere Jugend nimmt seit der Unabhängigkeit wieder verstärkt an den Zeremonien und Wettkämpfen teil. Denn, wissen Sie, ein alter Mann wie ich kann doch kein Pferd mehr reiten. Das überlasse ich gerne den Jüngeren.

© Az-Archiv
AZ: Was geschieht im Vorfeld der Veranstaltungen?
R. M.: Wir erhalten schon einige Monate vorher Anfragen nach Unterkünften und Veranstaltungsgebäuden. Die Gästebetten sind in dieser Zeit voll belegt. Sogar in unseren Vorgärten zelten die Verwandten von außerhalb. Zudem studiert natürlich jeder seine Tänze und Lieder ein. Alles muss perfekt sitzen, wenn die unterschiedlichen Gruppen gegeneinander antreten.
AZ: Wie bereitet sich die Stadt auf die Veranstaltungen vor?
R. M.: Wir rechnen in diesem Jahr mit bis zu 14000 Gästen. Für eine Kleinstadt wie Okahandja ist das enorm viel. Manchmal ist es so voll, dass man überhaupt nichts mehr sehen kann. Da müssen wir natürlich einiges bieten. Im letzten Monat haben wir etwa die Straßen ausgebessert. Auch privat bedeutet das eine große Herausforderung. Vorräte müssen für den Besuch der Verwandtschaft angelegt werden.

AZ: Wie laufen die Feierlichkeiten ab?
R. M.: Die Leute kommen am Freitag an und werden zunächst am Feuerplatz willkommen geheißen. Dazu bekommen sie Wasser gereicht. Damit wollen wir zeigen, dass sie in unserem Kreis akzeptiert sind. Weiterhin wird damit der Vorfahren gedacht. Dann kommen die Soldaten sowie die Reiter der verschiedenen Abordnungen und wetteifern miteinander in Ihren ausgefeilten Paraden. Danach setzt man sich zusammen, und es werden Geschichten über unsere Vergangenheit erzählt.

AZ: Gibt es Unterschiede, wie Ältere und Jüngere, Männer und Frauen die Festtage begehen?
R. M.: Definitiv. Die Jüngeren haben ihre eigenen Veranstaltungen, Tänze und Konzerte, welche seit acht Jahren sogar auf Otjiherero abgehalten werden. Die Frauen hingegen haben im Vergleich zu den Männern wesentlich mehr Arbeit. Sie müssen nicht nur den Haushalt auf Vordermann bringen und für das leibliche Wohl der Festgesellschaft sorgen. Sie tragen praktisch die ganze Veranstaltung. In ihrer Vorbereitung sind sie noch wesentlich sorgfältiger als wir Männer.

AZ: Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?
R. M.: Vieles hat sich gewandelt, denn Kultur ist ja nie statisch. Früher trugen wir Felle, später nutzten wir die Uniformen der Deutschen. Diese Kleidung wurde im Laufe der Jahre zu unserer eigenen. Früher waren wir gegen die Fotos der Weißen, heute präsentieren wir uns mit Stolz vor der Kamera. In den Jahren seit der Unabhängigkeit haben sich vor allem die Ausmaße der Veranstaltung verändert, doch in den letzten Jahren auch der Inhalt. Die politischen Reden weichen mehr und mehr einem kulturellen Fokus. Dass sich nun auch die Jugend immer mehr einbringt, sagt mir, dass die Dinge sich zwar verändern, die Traditionen aber auf ihre Art weiterleben werden.

AZ: Was bedeutet dieser Feiertag für Sie als Herero?
R. M.: Nun, Ovaherero, das bedeutet ja wörtlich „die weit gewandert sind“. Ich fühle mich als Herero sehr stolz, dass wir so weit gekommen sind und vor allem, dass wir immer noch da sind, nach all dem, was die Geschichte uns für Hindernisse in den Weg gestellt hat. Dieser Tag ist zum einen da, Verwandte wieder zu sehen, aber vor allem auch um unsere Exis-tenz anzuerkennen und zu feiern.

Der Volkstag der Ovaherero
 
Der jährliche Volkstag der Ovaherero findet in der Regel am Sonntag nach dem 23. August statt. Besucher aus anderen Sprachgruppen sind stets willkommen. Der Tag hat seinen Ursprung in der feierlich-zermoniellen Bestattung des Hererochefs Samuel Maharero am 23. August 1923 in Okahandja, der am 14. März selbigen Jahres im Exil in Serowe, Botswana (seinerzeit Britisch-Betschuanaland) gestorben war. Er wurde in einem verzinkten Sarg überführt. Die Bestattung von Samuel Maharero, 1904 im Deutsch-Hererokrieg Hauptgegner der kaiserlichen Schutztruppe, ist in den Folgejahren zum Gedenktag für alle prominenten Ahnen und der Kriegsopfer geworden. Jede Generation gestaltet den Gedenktag neu, wobei die Gastredner wechseln, aber der Ablauf und die Farben der Clans (Königshäuser) konstant bleiben.

Die Häuptlingsdynastie Tjamuaha/Maharero der zentralen Region hat die Farben Schwarz-Rot, wobei Rot dominiert, so dass die Zusammenkunft auch „Red Flag Day“ genannt wird. Die Zeraua-Gruppe von Omaruru/Otjimbingue trägt die Farben Schwarz-Weiß. Die Farben dieser zwei Dynastien sind der kaiserlichen schwarz-weiß-roten Fahne entlehnt. Die Ovambanderu aus dem Osten des Landes treten unter Grün-Weiß-Schwarz an. Sie feiern noch ein getrenntes Gedenken Mitte Juni, ebenfalls in Okahandja und noch einmal Mitte August in Okeseta bei Gobabis oder auf Otjunda (Farm Sturmfeld) bei Epukiro. Das Haus Zeraua begeht seinen speziellen Volkstag jährlich im Oktober in Omaruru.

Etliche traditionell gekleidete Hererofrauen tragen zwar den wilhelminischen Schnitt als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur Gesamtgruppe der Herero, benutzen aber farbenprächtige Stoffe und Muster eigener Wahl, um zu zeigen, dass sie sich nicht mit einer der drei Hauptdynastien identifizieren. In jüngster Zeit reisen auch traditionsgebundene Ovahimba aus dem Kaokoveld an, deren lederne Lendenkleidung und freier Oberkörper an die Hererokultur vor der Missionierung erinnern.
In der Regel sind alle Dynastien im August in Okahandja vertreten, wobei die Schwarz-Roten stets die Mehrzahl bilden. Wenn es zu ernsten Differenzen oder Streit zwischen den traditionellen Häuptlingslinien gekommen ist, signalisiert die gekränkte Gruppe durch ihre Abwesenheit ihre Verdrossenheit und dass die stets angerufene Einheit unter den Herero zu dem Zeitpunkt krankt.

Zum Hererotag in Okahandja treffen die Teilnehmer schon ab Freitag ein und lagern am Ortsrand bis Sonntag-nachmittag rundum den Truppen- oder Kommandoplatz. Die Männer sind mehrheitlich in Uniformen gekleidet, die aus Stilelementen der kolonialen deutschen Schutztruppe, der südafrikanischen Polizei- und des Militärs sowie von der schottischen Nationaltracht stammen. Deshalb spricht man von Fantasie-Uniformen.

Das öffentliche Programm beginnt am Sonntagmorgen mit einer Prozession, bestehend aus berittenen Einheiten, marschierenden Mannschaften und Frauengruppen, die zuerst die Tjamuaha/Maharero-Gräber im Palmenhain besuchen, danach folgt der Gang zu den Gräbern der Chefs Hosea Kutako und Clemens Kapuuo auf dem Gelände der früheren Rheinischen Mission. Abschließend gehen die festlich gekleideten Frauen und uniformierten Truppenspieler über die Straße zu den Grabstätten an der Missionskirche, wo Missionare, deutsche Schutztruppler und weitere prominente Hereroführer der letzten Jahrzehnte bestattet liegen. Die Teilnehmer der Prozession knien vor den Hauptgräbern oder berühren bestimmte Grabsteine im Vorbeigehen.

Die Prozession kehrt dann zum Truppenplatz zurück, wo bis über die Mittagsstunde hinaus ein formelles Programm mit Gebet und Ansprachen abläuft.

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