Ob etwa das kolossale Kapstädter Green Point Stadium bis zum WM-Anfang fertig wird oder die Infrastruktur für den Ansturm der Fußballtouristen aus aller Welt gewappnet ist, diese Fragen beschäftigen die Schlagzeilen vieler Blätter. Staatspräsident Thabo Mbeki hingegen versprach trotz der erwarteten Probleme schon vor einem Jahr in Berlin „die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“.
Doch während sich für die neuen Stadien die ersten Betonmischer sowie die Kritiker rühren, scheint in den Kapstädter Townships das große Ereignis Welten entfernt. Selbst wenn die Erwartungen hoch sind, kaum einer der Bewohner der Cape Flats wird genug Geld für eine Eintrittskarte zu den Spielen haben. Dabei ist es hier in den ärmeren Vierteln, wo seit jeher das Herz des südafrikanischen Fußballs schlägt. In den Townships wachsen die Talente heran, doch es fehlt ihnen der richtige Pass – das große Geld ist in Südafrika weiterhin auf den Spielfeldern von Kricket und Rugby zu holen.

Sizwe Mbembe verbindet viele Erinnerungen mit dem Bolzplatz im Hintergrund. Das Hartleyvale Stadium im Kapstädter Viertel Observatory war früher Austragungsort wichtiger Spiele. Sport-, Unterhaltungs- und soziales Zentrum in einem.
Der Reporter und das Farbenspiel
Wenn Sizwe Mbebe von seinen Erinnerungen zu diesem Platz erzählt, leuchten seine Augen. Er lächelt ein wenig und nickt dann, sich selbst zustimmend: „Ja, ja, damals war das hier wie ein Kampf für unsere Sache.“ Das Hartleyvale Stadium im Kapstädter Viertel Observatory hat viele berühmte Vereine gesehen: die Chiefs, die Pirates... „Dabei haben wir nicht einmal die Kapstädter Mannschaften unterstützt“, sagt der junge Kapstädter, der mittlerweile auf die Reporterseite gewechselt hat. Schließlich seien die Spieler alle „immer nur Coloureds“ gewesen. Lediglich die Seven Stars, welche sich damals aus den sieben Townships von Kapstadt rekrutierten, habe man angefeuert.
Während der Apartheid war Fußball nicht einfach nur ein Spiel, es entsprach mehr einer sozialen Institution. „Hier hatte man die Möglichkeit, sich öffentlich zu versammeln und zu amüsieren“, so Mbembe und schwelgt weiter in der Vergangenheit: „Früher waren Kricket und Rugby die Elitesportarten“, erzählt der Kapstädter, „Kricket der Sport der Weißen, Rugby für Coloureds und Weiße.“ Fußball dagegen sei unter der Apartheid das Spiel der schwarzen Bevölkerung gewesen. Seither kranke der Fußball im Land, unter anderem wegen bestehender Grenzen zwischen Weißen, Coloureds und Schwarzen. Dabei bestehe doch die Hoffnung, dass gerade Fußball – und speziell die WM 2010 – einen Beitrag zur Integration und Verständigung unter den Südafrikanern leisten könne.
Sizwe bleibt da skeptisch, doch auch er hofft auf mehr Beachtung für die Sportart, die für ihn Brot und Butter bedeutet. „Wir brauchen definitiv mehr Investitionen.“ Das Interesse und Talent sei zwar da – gerade in den Townships –, doch ohne Geldmittel könne man weder Spieler richtig fördern, noch die nötige Maschinerie zum Laufen bringen. Umso wichtiger, dass die WM im Land Impulse setzt.

Wenn Trainerlegende Joe Mthimka mit seinen Jungs vom Campsbay Soccerclub spricht, sind Augen und Ohren nur auf ihn gerichtet.
Der Trainer und sein Traum
In den Straßen der Armenviertel gehört Fußball zum Verkehr. „Es ist wesentlich leichter, einen Ball zu organisieren und ein kleines Spielfeld abzustecken“, erklärt Trainer Joe Mthimka, der gerade mit seinem jungen Team vor dem Athlone Stadium in den Cape Flats auf den Anpfiff wartet. Deshalb habe man sich hier in den Townships nie so recht für andere Mannschaftssportarten interessiert.
Joe ist ein alter Hase, eine Legende. Der rüstige Mann, der Schwierigkeiten hat, seinen Fuß richtig zu heben, hat schon in den 1980ern als Trainer begonnen. „Ich war damit wohl der erste Schwarze in diesem Geschäft hier in Südafrika“, grinst er stolz. Wie auch Sizwe Mbebe hat Joe Mthimka einen Traum. Dabei geht es ihm einerseits um die finanzielle Spritze und das wirtschaftliche Make-up der Sportart. Die andere Vision liegt in seiner Natur: Schon einmal wollte der Trainer ein lokales Superteam von ganz unten aufbauen, „im großen Stil“ – und ist daran gescheitert. „Es war immer ein Problem, schwarze Spieler aus den Townships in gemischte Mannschaften zu bekommen“, hat ihn die Erfahrung gelehrt.
Doch Joe ist nicht der Typ, der aufgibt. Auch wenn er sich im Moment sozusagen im Exil befindet und eine Mannschaft von Knirpsen aus dem besseren Kapstädter Viertel, Camps Bay, trainiert. Wenn man genau hinsieht, merkt man: der Fußballalltag hier in den Townships der Cape Flats unterscheidet sich kaum von dem auf der anderen Seite der Stadt, oder gar von dem auf deutschen Rasen. Eltern stehen an den Spielfeldrändern und feuern ihre Jungs an. Der Rasen ist grün, der Ball rund, das Spiel dauert… – für die jüngeren Mannschaften 50 Minuten. Nur im Clubhaus, von dem man bei schlechtem Wetter einen guten Blick über die Spielfelder hat, läuft im Fernseher nicht Fußball, sondern Kricket.
Unten spornt Joe seine Mannschaft an. Die Jungen hängen an seinen Lippen. „Wir werden es nicht leicht haben“, schaut er ernst in die Runde, „in dieser Halbzeit müssen wir gegen den Wind spielen“. Joe ist der geborene Trainer. Es ist fast unmöglich, sich seinen flammenden Worten zu entziehen. Als sei ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit noch nicht genug, stupst einen der vollschlanke Balllehrer mit Sonnenbrille und Baseballkappe unentwegt an. So verleiht er seinen Worten Wirkung. Wie ein gealterter Rap-Poet deklamiert er die Spielzüge. Er macht keine halben Sachen. Voller Einsatz ist bei ihm gefragt. Dabei verlangt er nichts, was er nicht von sich selbst auch fordern würde. Ohne Unterbrechung hat er sich in seinem Leben dem Fußball gewidmet, hat im Grunde alle Talente des Landes selbst einmal trainiert und doch viele Niederlagen einstecken müssen.
Auch an diesem Vormittag läuft es nicht nach seinem Wunsch, er und seine Jungs verfehlen ihn um ein Tor. Doch man merkt es ihm nicht an. Er trägt seinen Traum in sich, der Traum trägt ihn.

Tata Mandela - Onkel Mandela wacht über der Tafel der Trainerin. Dass die Apartheid auch im Fußball überwunden ist, gehört schließlich auch zu seinen Verdiensten.
Die Trainerin und die Furcht vor Fußball
Auch im nahe gelegenen Guguletu hegt man Fußballträume – allerdings in einer anderen Liga. Winnie Qhuma lebt neben dem Fußballplatz des Townships, wo gerade dutzende Plastiktüten und Fußballer gegen den Wind ankämpfen. Die ambitionierte Frau, die hauptberuflich die Lebensmittelqualität in den ländlichen Gebieten des Ostkaps prüft, hat ein Fußballteam für Mädchen gegründet.
„In den 1980ern war so ein Projekt eine fast aussichtslose Herausforderung“, kann sie sich erinnern. Die Leute hätten damals geglaubt, die sportbegeisterten Mädchen würden zu Männern heranwachsen. Doch auch heute muss sie mit Ablehnung und Vorurteilen kämpfen. „Die Unterstützung von Zuhause fehlt“, weiß Winnie. Die Mädchen sollten sich gefälligst um die Hausarbeit kümmern, laute der häufig Spruch. Es herrsche eine regelrechte Fußballphobie bei den Eltern – „die glauben doch glatt, ihre Tochter könne dadurch lesbisch werden“, lacht die Trainerin bitter.
So hat auch sie handfeste Wünsche: „eine professionelle nationale Liga und richtige Sponsoren“, welche dem Frauenfußball ein wenig mehr Anerkennung verleihen würden. „Die reden immer über uns ‚Frauen in der Entwicklungsphase’“, ist ihre Trainerkollegin Sharon Baartman ungehalten, „doch bis wann sollen wir noch warten“?
„Tata Mandela“, der ehrenwerte Onkel der Nation, hängt über ihrem Esstisch und freut sich über das Ende der Apartheid. Ob es jemanden gibt, der Südafrikas Fußball befreien kann? Winnie blickt aus der offenen Tür auf den Bolzplatz gegenüber. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es, jedenfalls nicht vor der WM.