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Vom 27.10.2009

Auferstehung einer vergessenen Kultur

Rund 100000 Gäste besuchen jährlich den Etoscha-Nationalpark, der zu Recht als eines der letzten Refugien gilt, in dem Tiere noch ungestört in freier Wildbahn existieren. Was den wenigsten bekannt ist: Das Naturschutzgebiet war früher Lebensraum der Hai//om, die aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet vertrieben wurden.

© Marc Springer
Die Autorin Dr. Ute Dieckmann mit ihrem Werk.
Ein vom Zentrum für Rechtsbeistand (LAC) verlegtes und von der deutschen Botschaft finanziertes Buch soll nun diese Wissenslücke schließen und das kulturelle Erbe des Parks ins öffentliche Bewusstsein rücken.
„Die Literatur über Etoscha beschränkt sich fast vollständig auf Flora, Fauna oder Naturschutz, aber über die kulturelle Geschichte des Parks wurde bisher nichts veröffentlicht“, sagt Ute Dieckmann. Die Autorin von „Born in Etoscha – Homage to the Cultural heritage of the Hai//om“ hat nun Abhilfe geschaffen und in ihrem Werk auch die ebenso unbeachteten wie unangenehmen Seiten der Park-Vergangenheit beleuchtet, die heute gern ausgeblendet werden.
Das ist die Ethnologin nach eigener Auffassung den marginalisierten Hai//om schuldig, die nach der Gründung des Parks im Jahre 1907 von der deutschen Kolonialmacht zunächst in ihren Lebensgewohnheiten eingeschränkt und 1954 vom südafrikanischen Regime aus ihrem rund 700000 Hektar umfassenden Lebensraum innerhalb des etwa 22270 Quadratkilometer großen Parks verbannt wurden. Durch die Zwangsumsiedlung aus dem Naturreservat vollständig entwurzelt, leben die marginalisierten Hai//om heute in versprengten Gruppen am Rande der Gesellschaft in ärmlichen Verhältnissen und müssen zum Teil als Farmarbeiter oder arbeitlose Townshipbewohner ihre Existenz fristen.
Die aus Köln stammende Dieckmann, die beim LAC unter anderem das Forschungsprojekt Xoms /Omis leitet, das die kulturelle Geschichte der Hai//om dokumentiert, will mit ihrem Buch jedoch nicht nur auf dieses historische Unrecht aufmerksam machen, sondern auch das über Generationen überlieferte Wissen der Ureinwohner Etoschas in Druckform konservieren.
„Seit ihrer Aussiedlung aus dem Park haben die Hai//om wie viele andere San auch aufgrund äußerer Umstände ihre traditionelle Lebensweise weitgehend verloren und damit auch ihr umfangreiches Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt“, erklärt sie. Da die Buschleute wegen des Verlusts ihres angestammt en Grund und Bodens heute nicht mehr als Jäger und Sammler aktiv seien, drohe damit auch ihre wertvolle Kenntnis über Nutzpflanzen und Überlebens-Strategien in Vergessenheit zu geraten.
Damit dies nicht passiert, ist Dieckmann, die ihre Dissertation über die Hai//om geschrieben hat, im Jahre 2000 nach Outjo gezogen und hat dort mit ihren Recherchen für das Buch begonnen. Neben Archiv-Dokumenten, Historikern, Archäologen, Geographen und zahlreichen Hai//om Interviewpartnern waren ihr dabei vor allem ein Team von fünf älteren Hai//om behilflich, die in Etoscha aufgewachsen und von denen inzwischen drei verstorben sind. In Begleitung dieser Zeitzeugen ließ sich die Ethnologin vor Ort über die Lebensweise der Hai//om in Etoscha erzählen und die Überreste der ehemaligen Siedlungen, Gräber und andere Landschaftsmerkmale mit kultureller Bedeutung zeigen.
© National Archives of Namibia
Hai//om-Kinder im Etoscha-Park.
Diese persönlichen Erinnerungen der Projektbeteiligten verleihen dem Buch einen authentischen Charakter, der durch historische Fotos und grafische Darstellungen noch unterstrichen wird. So erfährt der Leser praktisch aus erster Hand, welche kulturelle, spirituelle und existentielle Bedeutung einzelne Wasserstellen und Tiere für die Hai//om hatten, welche Pflanzen sie nutzten, wo sie gejagt, gegessen, gefeiert und geschlafen haben. Diese Detailinformation bietet dem Leser eine faszinierende Reise in die Vergangenheit, bei der er praktisch auf den Spuren der San wandeln kann, ohne selbst laufen zu müssen.
Mit genau diesem Ziel hat Dieckmann ihr Buchprojekt von Beginn angelegt. „Ich wollte dem Etoscha-Besucher einen Leitfaden zur Verfügung stellen, den er bei der Fahrt durch den Park konsultieren kann“, erläutert sie. Damit erfüllt ihre 76 Seiten starke Publikation eine Funktion, die über die bloße Faktenvermittlung eines Geschichtsbuchs hinausgeht. „Ich hoffe, dass die Lektüre zu einem Wegbegleiter für Etoscha-Reisende wird und ihnen nicht nur die Geschichte der Hai//om vergegenwärtigt, sondern sie in eben dem Siedlungsraum lebendig werden lässt, in dem sie sich damals aufgehalten haben“, beschreibt Dieckmann die Erwartungen an ihr eigenes Werk.
Ist das Buch ein Nachruf auf eine vergessene Kultur? Dieckmann hält kurz und inne und denkt dann laut über die Frage nach. „Ich würde es eher als die Hinterlassenschaft der Hai//om bezeichnen, von denen wir viel lernen können. Und als den Versuch ein Geschichtsverständnis zu korrigieren, wonach der Etoscha-Park ein unberührtes Naturparadies ist, in dem nie Menschen gelebt haben.“
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