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Vom  5.03.2009

Wenn der Wind Flügel verleiht: Kitesurfen an der Küste

© privat
„Das wird heute wieder nichts“, sagt Rudolf Hass und schaut mit einer Mischung aus Resignation und Frustration auf eine der Palmen, die die Promenade an der Lagune von Walvis Bay säumen und deren Blätter sich behäbig in der leichten Brise wiegen.
Dann wandert sein Blick aufs Meer. Obwohl es Ende Dezember und bereits nach 14.00 Uhr ist, wo hier gewöhnlich starker Wind weht und die Schaumkronen auf der Lagune tanzen, ist die Meeresoberfläche spiegelglatt. So geht das nun bereits seit vielen Tagen. In dem kleinen Container, der dem Unternehmen Wind-Kitesurf-Center (WKC) bis zu dem geplanten Umzug an eine neue, ebenfalls an der Lagune gelegene Station als provisorischer Standort dient, ist die Stimmung gedrückt.
Dort verharren seit gefühlten drei Wochen die Kitelehrer Rudolf Hass, Jade de Pao und An-dreas Hübner und warten auf ein Ende der Flaute. Ab und zu gesellt sich Hübners Frau Nicole zu ihnen, die Unterricht im Windsurfen anbietet und sich um die Verwaltung kümmert.

Die Erfahrung hat sie gelehrt, dass ihre Geduldsprobe heute andauern wird. „Wenn sich der traditionell schwache und wechselhafte Nordwind nicht bis 14.00 Uhr auf den meist starken und konstanten Südwester gedreht hat, dann passiert das für den Rest des Tages meistens auch nicht mehr“, sagt Hass. In einem solchen Fall hält er oder einer seiner drei Kollegen zwar noch bis 16.00 Uhr die Stellung an dem kleinen Container. Sie wissen aber, dass ihre Anwesenheit dort eigentlich umsonst ist.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Hass, der sich wie immer Optimismus verordnet hat. Schließlich kommt auch an windstillen Tagen im Sommer oft spät noch eine Brise von zwischen 15 und 20 Knoten auf.

Dass dies gerade jetzt zur Hochsaison, wo Tausende Besucher aus dem Inland und aus Südafrika an die Küste pilgern, bisher nicht der Fall war, ist für Hass besonders ärgerlich. „Es kommen regelmäßig Interessenten vorbei, die wir leider mit dem Versprechen vertrösten müssen, sie anzurufen, sobald stärkerer Wind aufkommt“, erklärt er.
Dabei könnte alles ganz anders sein. Für gewöhnlich ist die Lagune von Walvis Bay nämlich eine Spielwiese für Extremsportler, Abenteurer und Naturverbundene, denen die Liebe zum Wassersport gemein ist. „Kitesurfen ist Körperertüchtigung, Freizeitgestaltung und soziales Bindeglied in einem“, sagt Andreas Hübner, der aus Deutschland ausgewandert ist und seit 16 Monaten die Firma WKC leitet, die einzige ihrer Art in Namibia. Weil der Sport mehr als nur eine Adrenalin-Quelle ist und die gemeinsame Begeisterung für das Kitesurfen auch Menschen verbindet, will Hübner seinem Hobby in Namibia mehr Geltung verschaffen.
© privat
„In Walvis Bay gibt es zwischen 15 und 20 Kiter und Windsurfer, die regelmäßig aufs Wasser gehen“, sagt er. Damit ist das Drachensurfen derzeit noch eine Randsportart, der es für regelmäßige Regatten und feste Vereinsstrukturen an Breitenwirkung fehlt. Hübner möchte das ändern, indem er vor allem unter jungen Menschen mehr Aufmerksamkeit für seinen Sport weckt. Neben kostenlosen Schnupperstunden an hiesigen Schulen versucht er dabei vor allem durch Zeitungsinserate auf das Unterrichtsangebot seiner Firma hinzuweisen und damit mehr Menschen für das Kiten und Windsurfen zu begeistern.

Diese Initiative richtet sich auch an Touristen, die immerhin rund 30 Prozent seiner Kunden ausmachen. Neben Gästen aus Nachbarländern wie Angola und Südafrika gehörten dazu auch bereits Kunden aus Australien, Russland und den USA. Der größte Anteil ausländischer Besucher stammt aus Südafrika, die das Angebot von WKC besonders schätzen. Das liegt vor allem daran, dass das Kiten auf der Lagune von Walvis Bay gerade für Anfänger besonders leicht und ungefährlich ist, weil kaum Wellengang herrscht und das Wasser an den meisten Stellen nur Stehtiefe hat.

Gegen eine Gebühr von zwischen N$ 350 und N$ 450 pro Stunde pro Person (N$ 450 für Einzelunterricht, N$ 350 für Gruppenschulungen mit zwei bis drei Teilnehmern) können alle Interessenten und Wassersport-Begeisterte das Training von WKC in Anspruch nehmen und dabei die Grundkenntnisse des Kite- und Windsurfen erlernen. In der Regel benötigen Schüler vier bis zehn Stunden Unterricht, bis sie selbständig in beide Richtungen fahren können.
Der Unterricht beginnt zunächst an Land mit theoretischen Anweisungen. „Je nachdem, ob ein Kunde etwas Erfahrung im Surfen, Wakeboarden oder Wasserski fahren mitbringt, dauert eine komplette Schulung unterschiedlich lang“, erläutert Hübners Kollege Rudolf Hass, der in Windhoek geboren wurde und in Swakopmund aufgewachsen ist. Bei der ersten Einweisung werden dem Kunden generelle Sicherheitshinweise erteilt und der Umgang mit dem Drachen (Kite) erklärt.

Dann geht es aufs Meer, wo der Lehrer bis zu dem Hüften im Wasser steht und dem Schüler zunächst beibringt, wie der Kite kontrolliert wird. Wurden diverse Übungen erfolgreich absolviert, ist der letzte Schritt der Umgang mit dem Kite-Board. Die Bretter sind zwischen 1,20 Meter und 1,65 Meter lang und zwischen 26 und 45 Zentimeter breit, wobei die kürzeren eher für Fortgeschrittene sind, die in starkem Wind spektakuläre Kunststücke vollführen oder eine möglichst hohe Geschwindigkeit erzielen wollen.
Generell gilt: Je stärker der Wind und je leichter der Kiter, desto kleiner der Drachen, der ihn mit einer Geschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern übers Wasser zieht. Grundsätzlich kann jeder das Kitesurfen erlernen und muss dafür nur wenige Voraussetzungen erfüllen. Er oder sie sollte mindestens zwölf Jahre alt und körperlich fit sein. Außerdem sollte der Schüler schwimmen können. Ein Höchstalter gibt es nicht.

Das Gewicht des Schülers spielt nur eine untergeordnete Rolle, weil der Kiteboarder durch ein Trapez mit dem Lenkdrachen verbunden ist. Er muss die Zugkraft des Schirms also nicht allein mit den Armen halten, sondern kann und muss dabei das gesamte Körpergewicht einsetzen. Der Kitesport eignet sich also auf für Personen, die nicht besonders kräftig sind.
Der Auftrieb des Bretts entsteht allein durch die Fahrt über das Wasser. Gesteuert wird das Kiteboard durch Gewichtsverlagerung mit den Füßen, die in der Regel mit Schlaufen auf dem Brett fixiert sind. Der Kite, dessen Fläche je nach Windstärke zwischen fünf und 16 Quadratmetern (den meist genutzten Größen in Walvis Bay) beträgt und der optisch einem Fallschirm ähnelt, wird mittels Leinen gesteuert, die an einer Lenkvorrichtung (auch Bar genannt) befestigt sind. Durch das Verschieben der Bar kann der Kitesurfer den Winkel des Drachens zum Wind variieren und damit auch die Richtung und Zugkraft verändern.

Was in der Theorie vergleichsweise einfach klingt, erfordert viel praktische Übung. Obwohl sich der Laie mit Hilfestellung von Fortgeschrittenen wie Hübner und Hass nach etwa sechs Stunden Übung zumindest auf dem Brett halten und etwas Fahrt aufnehmen kann, ist es bis zum Profi-Kiter ein weiter Weg.
Dem Experten stehen beim Kitesurfen drei Bereiche offen, wobei geübte Routiners sämtliche dieser Disziplinen beherrschen. Die eine davon bietet die Verheißung des Temporausches – bei der so genannten Speedweek, die über viele Jahre in Walvis Bay und zuletzt in Lüderitzbucht abgehalten wurde, haben Kitesurfer Geschwindigkeiten von bis zu 50 Knoten (92 km/h) erreicht.

Bei der zweiten Disziplin, dem so genannten Freestyle ist Akrobatik und Gleichgewichtssinn gefragt. Diese besonders spektakuläre Form des Kitesurfens zeichnet sich dadurch aus, dass die Kiter auf dem Wasser Sprünge und Salti vollführen, wobei der Kiter oft Höhen von einigen Metern erreicht und dabei oft mehrere Sekunden wie schwerelos durch die Luft fliegt. Als dritte Disziplin verlockt das Kiten in der Brandung, wo der Kiter ähnlich wie ein Wellenreiter auf den Brechern surft.

Ein Faktor, der die von Hübner gewünschte Ausdehnung des Kite-Sports in Namibia bremsen könnte, sind die relativ hohen Anschaffungskosten für das nötige Zubehör, das je nach Hersteller Ausgaben von mindestens N$ 14000 erfordert. Hübner, der beim Wind-Kitesurf-Centre nicht nur Material vermietet, sondern auch verkauft, versucht seinen Kunden zwar preislich entgegenzukommen. Da er die Ausrüstung jedoch aus Südafrika bezieht, wo deren Preise allein in den letzten fünf Monaten um 45 Prozent gestiegen sind, bleibt dafür nur wenig Spielraum.
„Der finanzielle Aspekt spielt für Viele zwar eine Rolle, aber keine entscheidende“, sagt Hübner. „Wer erstmal die Leidenschaft für diesen aufregenden Sport entdeckt hat, der wird für die Investition in die Ausrüstung mit unvergesslichen Stunden auf dem Wasser belohnt.“
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