
Eine Mischung aus Fahrspaß und Lehrstunde.
Die Worte des bärtigen Quadbike-Cowboys in diesem liebenswerten afrikanser Akzent verhallen natürlich nicht ungehört in unseren gespannten Gehörgängen. Mit den vierrädrigen Gefährten wollen wir heute die Dünen um Walvis Bay, also jene wandernden Sandberge erkunden, welche sich an der malerischen Skelettküste entlang ziehen. Und das auch gerne mit Vollgas.
Doch die ersten paar hundert Meter unserer Strecke sind ein Schlachtfeld. Kreuz und quer haben sich alle möglichen Freizeitmaschinen in dem feuchten Lehmboden verewigt. Kringel, so genannte Donuts, zieren die Ebene vor und zwischen den ersten Dünen und zeugen von den fragwürdigen Fahrkünsten der Raudis. Fanie ist bestürzt. Die empfindliche Fauna und Flora der Dünen an der Küste leidet extrem an rücksichtslosen Freizeitbikern, deren Spuren zudem noch viele Jahrzehnte nicht verschwinden werden. Seinen Tourteilnehmern erklärt unser Kolonnenführer deshalb stets, wie wichtig es ist, auf den vorgegebenen Spuren zu bleiben.
Nach den ersten paar Hügeln jedoch beginnt Fanies Reich. Hier dürfen nur er und seine Gäste ihre Spuren hinterlassen. Hinter uns rückt das Wahrzeichen von Walvis Bay, die gigantische Bohrinsel, immer weiter in die Ferne. Vor uns breitet sich eine Landschaft scheinbar unberührter Sandberge aus. Soweit das Auge reicht, nur Sand. Wir düsen über kleine Kuppen, stemmen uns halbstark gegen Anhöhen nach vorne und ziehen den Oberkörper wieder etwas nach hinten, wenn wir die Abhänge hinunter müssen. „Immer zur Düne lehnen“, so lautet die Regel, die Fanie uns mit auf den Weg gibt.

Die Natur passt sich den lebensfeindlichen Umstände an und bringt überall neues Leben hervor.
Die Wüste lebt
Langsam beherrschen wir die Pferdestärken unter uns, drücken auf graden Strecken auch mal so richtig auf die Tube und nehmen die Kurven ohne zu zögern. Gebremst wird nur noch, wenn wir schon den Sand des Vordermanns fressen. Es ist ein erhebendes Gefühl, durch den Wind und auf dem weichen Sand dahinzupreschen. Schier endlos scheinen die Weiten, und sogar die Sonne zeigt sich nun endlich.
Zwischen den Sandbergen jedoch tauchen nun kleine lehmige Flächen auf: Mal kommt nur die vertrocknete Kruste zum Vorschein, die mit ihren Rissen wie eine breite, vom Sand überwehte Pflasterstraße wirkt, mal sind die Ebenen von Grasbüscheln und weit rankenden Pflanzen bewachsen. Doch das ist nur der erste Eindruck, den wir von den grünbraunen Tupfern im Sandmeer erhalten. Plötzlich bremst unser Kolonnenführer, erhebt sich von seinem Sattel und richtet sich auf. Er scheint etwas zu wittern, wie er da auf seinem Quad steht und wie ein alter Fährtenleser in die Ferne späht.
Absteigen ist angesagt. Schließlich sind wir nicht nur zum reinen Fahrspaß hier. Fanie will auch etwas von seinem Wissen preisgeben. Ein Feld voller Spuren liegt vor uns. Die so genannte Buschmannzeitung liefert dem erfahrenen Fährtenalphabeten eine Menge an wertvollem Lesestoff. Gazelle, Löwe, Elefant, „alle Tiere Etoschas haben sich auch auf dieser Ebene verewigt“, erklärt uns Fanie begeistert. Doch Moment – wir sind schließlich in der Wüste. „Wo sollten sich die besagten Tiere denn hier aufhalten und wovon ernähren?“ fragen wir uns. Es sind Fährten aus einer längst vergangenen Zeit.Einst hat der Kuisebfluss hier eine reiche Vegetation gedeihen lassen. „Heute“, so Fanie, „wird er durch die Dünen blockiert“. Äußerst selten stoße er noch bis zur Küste vor.
Wir folgen seiner überwehten Lauf landeinwärts, graben unsere Spur in die wellenförmigen Sandberge. Immer karger zeigt sich die Namib, nur vereinzelt thront dorniges Gestrüpp auf ihren wandernden Ausläufern. „Doch die Wüste lebt tatsächlich“, bemüht unser Tourleiter den etwas abgedroschenen Spruch, während er eine handvoll Sand durch seine Finger rieseln lässt. Aber erst nach zahlreichen weiteren Lehrpausen Fanies wird uns klar, was er eigentlich genau damit meint: Überall kreucht und fleucht es.
Ein dicker schwarzer Käfer hat auf seinem Panzer Nebeltropfen gesammelt. Das Hinterteil in die Höhe gereckt, lässt er das Nass einfach zu seinem Mund laufen. Doch als wir uns nähern, huscht er geschäftig davon und verschwindet in einem eigenartigen Strauchgewächs: Mit bis zu 40 Meter langen Wurzeln trotzt die !Nara-Melone der Hitze und Trockenheit der Namib. Fanie lässt uns probieren. Doch die grünen Früchte der wunderlichen Pflanze sind alles andere als ein Genuss. Bitter ist der Nachgeschmack des einzigartigen Wasserspeichers. Erstaunlich, wie sich all die zahlreichen Pflanzen, Insekten, Reptilien, und Vögel an die lebensfeindlichen Verhältnisse angepasst haben.

Vom Wind freigelegte uralte Menschenschädel.
Ungewöhnliche Funde
Und sogar Menschen können in dieser Gegend überleben. Schon seit rund 8000 Jahren behaupten sich die Topnaars in diesem Streifen der Namib. Manchmal begegne unser Quadbikeführer sogar jemandem dieses ehemaligen Nomadenvolkes auf seinen Touren – „mitten aus dem Nirgendwo scheinen sie dann zu kommen“, erzählt Fanie, „und auch wieder zu verschwinden“. An diesem Tag sichten wir allerdings nur ihre Gräber.
Vom Wind freigelegt, blicken uns uralte Schädel entgegen. Perlenhaufen und Überreste von Waffen und Werkzeugen sind überall auf dem Gelände verstreut. Doch schon nach wenigen Tagen werden die unzähligen Knochen von den Wanderdünen meist aufs Neue begraben.
Beladen mit Eindrücken und Fotos – Fanie achtet streng darauf, dass auch keiner seiner Gäs-te etwas von den Gräbern der Topnaars mitgehen lässt – treten wir den Rückweg an. Noch einmal voll das Gas aufgedreht, folgen wir unserem Tourleiter, der uns die Spur millimeternah am Abhang der Dünen vorgibt. Gekonnt rutschen wir nun mit angezogener Bremse sogar die 62 Grad steilen Hänge hinunter. Die Mischung aus Fahrspaß und Lehrstunde hält uns in ihrem Bann, an ein Ende möchte kaum einer denken.
Doch der bittere Anblick der Ebene vor Walvis Bay mit den abertausenden Spuren der Freizeitbiker entreißt uns nach einigen Kilometern wieder der Welt der Topnaars und ihrer unberührten Dünen. Widerwillig heizen wir die letzten Meter bis zu Fanies Anlage. Auch unser routinierter Tourleiter selbst wirkt so, als wolle er noch gar nicht zurück in die städtische Zivilisation. Wenn er sich täglich in diese Welt am Rande von Walvis Bay begebe, so sagt Fanie du Preez, komme es ihm manchmal vor wie eine Seifenoper: Zwar sei es für ihn immer das Gleiche, doch sogar er könne dieser Gegend vor seiner Haustür immer wieder etwas Neues abgewinnen. Ständig in Bewegung sind die Dünen, und so muss auch er sich immer wieder neu zurecht finden.