Am Swakopmunder Flugplatz komme ich mit Verspätung an, deshalb geht es sofort los, keine Zeit mehr zum Nachdenken über das, was da noch kommen mag: Paul, mein Tandempartner, nimmt mich gleich zur Seite. „Hier, das ist deiner“, sagt er und reicht mir einen farbenfrohen rot-gelben Ganzkörper-Anzug. Ich stülpe ihn über meinen Körper, dann beginnt das Trockentraining: Wie man sich kurz vor dem entscheidenden Moment, dem Absprung aus dem Flugzeug, zu verhalten hat, nämlich den Kopf weit nach hinten lehnen, an Pauls Schulter möglichst, „und dann nicht vergessen zu atmen“, sagt der 36-Jährige, erklärt mir weiter, wie man dann frei fällt, die Arme am besten nicht ganz ausstrecken, sondern anwinkeln. Ich liege also auf dem Boden und winkel meine Arme an, noch schaue ich auf eine Trainingsmatte, doch in einigen Minuten werde ich auf die Erde schauen, 10 000 Fuß über dem Boden, das sind exakt 3048 Meter, die goldgelbe Wüste unter mir. Diese Vorstellung setzt das erste Adrenalin frei, mein Herz beginnt, etwas schneller zu schlagen, beruhigt sich aber wieder, als wir in den Minibus steigen und Richtung Rollfeld fahren.
Die karge Vegetation der Wüste zieht an mir vorbei, etwas teilnahmslos schaue ich aus dem Fenster, sehe gelben Sand, kleine Sträucher – und in der Ferne unsere Chessna stehen. Ich trage bereits mein Gurtzeug, das hat mir Paul bereits während der Trockenübung umgeschnallt, doch so richtig realisiere ich das Leder an meinem Körper erst jetzt. Unser Pilot Matthias Röttcher bittet uns, in der weißen Propellermaschine Platz zu nehmen. Ich folge den Anweisungen, etwas paralysiert, die Aufregung nimmt wieder zu, als Matthias die Maschine anlässt und wir in Richtung Himmel abheben.
Eine knappe halbe Stunde dauert der Flug bis auf 10 000 Fuß, unter uns ist nichts als gelber Sandboden, über uns ist nichts außer blauem Himmel und einer gleißenden, weißen Sonne, Swakopmund liegt heute leider unter einer dicken Nebelglocke, auch die Dünen und der Atlantik werden von Wolken bedeckt. Unterwegs verbindet Paul unser Gurtzeug mit mächtigen Karabinerhaken, er besänftigt mich, fragt, ob alles okay sei, ich nicke, die Vorstellung, dass er mein Engel auf dem späteren Direktflug zurück zur Erde werden wird, macht mir erstaunlicherweise nichts aus, vielleicht liegt es auch daran, dass es sein 4258. sein Sprung wird. Die Zahl schafft in meinem Körper beruhigende Sicherheit, während Pilot Matthias die Chessna auf 10 000 Fuß Höhe hochschraubt. Dann gibt er das Startsignal, alle Springer haben zudem ein GPS-Messgerät am Arm, das ihnen die aktuelle Höhe anzeigt, doch egal, jetzt wird es Ernst: Auch ein Kameramann ist an Bord, damit der Sprung auf Fotos und Videos verewigt werden kann, jedenfalls öffnet Kameramann Dries van Zyl jetzt die Tür, steigt mit einem Fuß auf den Reifen, hält sich am Rahmen fest, und der ohrenbetäubende Krach des Flugwindes sorgt für einige Adrenalin-Ladungen, die mein Körper jetzt und für die kommenden fünf Minuten unaufhörlich ausschütten wird.
Zunächst aber fliegt ein weiteres Tandem-Paar zurück zur Erde: Beide rutschen auf dem Chessna-Boden bis zur geöffneten Tür, dann lässt Kameramann van Zyl die Hände los, Sekundenbruchteile später verschwindet auch das Tandem-Paar aus dem Flugzeug und stürzt in die Tiefe. Meine Augen liegen konzentriert auf dem Platz, an dem die Beiden kurz vor dem Freifall noch gesessen haben, mein Herzschlag wird immer schneller, und jetzt gibt mir Paul das Startsignal, an die Tür zu rutschen. Unser Kameramann David James hat Position bezogen, ein Bein auf dem Reifen, ein Bein im Flugzeug. Ich sitze am Rand der Chessna, ich kann den Erdboden sehen, ich lehne meinen Kopf zurück an Pauls Schulter, mein Herz rast, ich wehre mich – doch dann fallen wir schon.
Was ich zunächst spüre, ist der Druck in meinem Kopf, was ich höre, ist der unglaublich laute Wind, der uns umgibt, was ich sehe, ist unsere weiße Chessna von unten, V5-NSK steht auf ihrem Flügel, wir drehen uns weiter, jetzt sehe ich die Erde, wir stürzen auf den gelben Boden zu, Paul zündet einen ersten, kleinen Schirm, der unsere Geschwindigkeit verringert und Stabilität geben soll, mein Körper fühlt sich unglaublich schwer an, wie ein Stein, mein Magen wird ganz leicht, dann gibt mir Paul das Signal, ich könne jetzt meine Arme bewegen, ich versuche es, und ja, es geht, ich fange an zu jubeln, zu schreien, das Atmen fällt schwer, der Wind ist bei 220 Stundenkilometern nicht gerade zimperlich, der Kameramann ist direkt vor mir, ich schreie ihm zu, verdammt, ich bin jetzt im Himmel, das fühle ich aber nur, das sage ich nicht, ich kann nichts sagen, nur schreien, fast beginne ich zu strampeln, es ist, als tauche man in tiefes Wasser ein, doch jetzt sehe ich alles um mich herum, ohne Orientierung, wie hoch wir noch sind, weil das wüstige Hochland so flach ist, es sind 30 Sekunden, in denen wir 5000 Fuß, also 1500 Meter tief fallen, es kommt mir vor wie mehrere Minuten, das merke ich jetzt, da Paul den Fallschirm zündet, Gott sei Dank, er geht auf, doch mein Körper, besonders mein Magen drückt weiter nach unten, der Fallschirm aber zieht uns wieder mehrere hundert Meter nach oben, dagegen ist jede Achterbahn wohl ein sanftes Spielplatz-Vergnügen für Mimosen. Jetzt atme ich das erste Mal, seitdem wir die 10 000 Fuß verlassen haben, wieder bewusst und beginne, diese Freiheit im Himmel zu genießen. Wir sind jetzt auf einer Höhe von 5000 Fuß, und Paul lässt mich die Schlaufen probieren, die die Flugrichtung des Fallschirms steuern. Ich ziehe die linke Schlaufe etwas nach unten, der Fallschirm dreht nach links, wir sitzen schräg zur Erde und drehen nach links ab, dann übernimmt wieder Paul, jetzt fällt mir auch das längliche Gebäude am Boden auf, das wir ansteuern, ja, es ist unser Startplatz, wir drehen noch mehrere galante Kurven und landen schließlich nach fünf Minuten Sinkflug wieder auf dem Wüstenboden, der Fallschirm sackt hinter uns zusammen, Kameramann Davis steht vor mir, ich hebe meine Arme in den Himmel und schreie ein weiteres, letztes Mal.
Viele Minuten sitze ich nun im Sand, mein Körper kehrt ganz langsam wieder zu normalen Funktionen zurück, das Adrenalin ist aufgebraucht, der Herzschlag beruhigt sich. Ich schaue einem weiteren Tandemsprung zu, zwei ältere englische Damen sind nun an der Reihe, als die beiden nach einer halben Stunde wieder auf der Erde landen, ruft eine von ihnen: „Wow! It was better than Sex“, ich lächele und atme tief durch, dieser Nachmittag war beides: absolut gigantisch und absolut grenzwertig.
Beim anschließenden Bier in der Flughafen-Bar stelle ich fest, dass ich ein irgendwie geartetes Vertrauensverhältnis zu Paul aufgebaut habe: Der 36-Jährige Paul Tripodi, er war mein Engel, der Herrscher im Himmel über Leben und Tod. Er erzählt mir noch, wie er früher in Windhoek als Computertechniker gearbeitet habe, doch dann hätte ihn dieser Bürojob gelangweilt. Seit seinem ersten Fallschirmsprung vor 17 Jahren genieße er die Freiheit, das Alleinsein und den Rausch im Himmel. Schließlich machte er sein Hobby zum Beruf - inklusive unserem Tandemsprung bisher bereits 4258 Mal.