
Sinkende Besucherzahlen bei einer gleichzeitigen Zunahme an Hotels, Lodges und Pensionen haben viele namibische Gastbetriebe in Existenznot gebracht. Experten erwarten, dass sich die dadurch verursachte Marktbereinigung mittelfristig fortsetzen und weitere Opfer fordern wird.
Windhoek – „Ich habe den Eindruck, dass der Markt übersättigt ist und in diesem Jahr einige finanzschwache Anbieter auf der Strecke bleiben werden“, sagte die Geschäftsführerin des Namibischen Gastgewerbeverbands (HAN), Gitta Paetzold, gestern im Gespräch mit der AZ. Damit gibt sie anderen Experten Recht, die in absehbarer Zukunft die permanente oder vorübergehende Schließung weiterer Gastbetriebe vorhersagen, von denen bereits einige mangels Kundschaft aufgegeben haben.
Als Ursache für den Abwärtstrend nennt Paetzold vor allem die internationale Finanzkrise, die global zu einem Einbruch im Tourismussektor geführt habe. Für Namibia komme erschwerend der „Wildwuchs“ neuer Unterkünfte hinzu, die um eine begrenzte Anzahl Gäste konkurrieren müssten von deren Übernachtungsgebühren sie nicht alle überleben könnten.
Mit Hinweis auf Statistiken des Namibischen Tourismusrates (NTB) macht Paetzold darauf aufmerksam, dass hierzulande inzwischen über 1400 Gastbetriebe registriert seien, die sich gegenseitig die Kunden streitig machten. Dieses Phänomen illustriert sie anhand von Zahlen der HAN, wonach die 300 ihr angeschlossenen Gastbetriebe im Jahre 2008 eine durchschnittliche Zimmerbelegung von 52 Prozent verzeichnet hätten. Gemessen an den bereits vorliegenden Statistiken für die ersten drei Quartale des vergangenen Jahres geht Paetzold davon aus, dass sich die Zimmerbelegung ihrer Mitglieder 2011 auf rund 40 Prozent reduziert hat.
Abgesehen von den negativen Auswirkungen der Finanzkrise macht sie dafür auch die Preisentwicklung bei vielen Hotels, Lodges und Pensionen verantwortlich, die selbst für vergleichsweise wohlhabende Touristen „fast unerschwinglich“ geworden seien. „Das Geld ist auch bei ausländischen Touristen knapper geworden, die demnach genau prüfen, ob das Preis-Leistungsverhältnis in dem von ihnen bevorzugten Reiseziel stimmt“, sagt Paetzold und fügt hinzu: „Ist dies nicht der Fall, weichen sie in ein anderes Land aus, wo sie für ihr Geld scheinbar mehr geboten bekommen.“
Das hiesige Gastgewerbe leidet Paetzold zufolge jedoch nicht nur unter dem weltweiten Preiskampf im Tourismusgewerbe, sondern auch unter dem hierzulande besonders ausgeprägten Trend in Richtung Individualreisen. Schließlich würde Namibia immer häufiger von Selbstfahrern bereist, die weder die Dienstleistungen von Reiseunternehmen, noch das Angebot von Gastbetrieben nutzen, sondern während dem vorher bei Internet-Recherchen geplanten Urlaub auf Mietwagen und Zelt zurückgreifen würden.
Vor diesem Hintergrund fordert Paetzold ein Umdenken im Gastgewerbe. „Es reicht nicht mehr, eine schöne Unterkunft in reizvoller Umgebung anzubieten“, sagt sie und ergänzt: „Der Tourist erwartet heute ein Rahmenprogramm, das über die bloße Pirschfahrt am Abend hinausgeht.“ Als eine mögliche Marketingmaßnahme böten sich dabei Abenteuerreisen für Touristen an, die im Urlaub nicht nur am Schwimmbad in der Lodge liegen, sondern auch etwas über Land und Leute in ihrem Reiseziel erfahren wollten.
Ob diese und andere Maßnahmen sämtliche der teilweise stark angeschlagenen Gastbetriebe vor dem Untergang retten werden, hält Paetzold indes für fraglich. „Mir scheint, dass im Tourismussektor derzeit die Spreu vom Weizen getrennt wird und noch einige Unterkünfte dauerhaft oder zwischenzeitlich schließen werden“, sagte sie.