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Vom 5.03.2009 NTB tritt auf Euphorie-Bremse: „Wir erwarten zu WM 2010 keinen Besucheransturm“
„Wir sollten 2010 zur Fußball-WM in Südafrika hierzulande nicht auf eine Invasion von Touristen hoffen“, sagt Shareen Thude, Marketingbeauftragte des Namibischen Tourismusrates (NTB). Dann lehnt sie sich im Sessel ihre Büros zurück und lässt den Satz eine Weile wirken.
Als sie merkt, dass ihr Fazit den gewünschten Eindruck gemacht hat, holt sie aus der Schublade ein Dokument mit der Aufschrift „FIFA 2010 World Cup – South Africa: Project Report“ hervor und beginnt darin zu blättern. „Natürlich werden unmittelbar vor, während und kurz nach der WM mehr Besucher nach Namibia kommen“, sagt sie und relativiert diese Aussage anschließend wie folgt: „Es werden aber gewiss nicht Hunderttausende sein.“ Die Gründe für die Zurückhaltung von Thude sind vielfältig. Zum einen verweist sie auf die Defizite, die im Vorfeld der WM in Südafrika diskutiert wurden. Dazu gehören Verzögerungen beim Bau der Stadien, die Kriminalität, ein Mangel an Unterkünften und öffentlichen Verkehrsmitteln, Nachholbedarf im Bereich der Telekommunikation und Engpässe bei der Stromversorgung. Diese Schwierigkeiten an sich, könnten nach Einschätzung einiger Beobachter viele Fußballbegeisterte abschrecken, nach Südafrika zu reisen und von dort eventuell auch einen Abstecher in Namibia zu machen.
Thude weist auf einen weiteren Aspekt hin, der potenzielle WM-Gäste davon abhalten könnte, nach Südafrika zu kommen. „Das hat einfach mit der Lage des Landes zu tun und der langen Anreise, die Gäste auf sich nehmen müssten“, erklärt sie. Dann nennt sie den so genannten Verdrängungs-Faktor, den sie wie folgt erklärt: „Wie die Olympischen Spiele in Sydney und Peking gezeigt haben, werden die normalen Touristen von Großveranstaltungen abgeschreckt und meiden das Land, in dem diese stattfinden.“
Das hat nach ihrer Darstellung vor allem damit zu tun, dass Urlauber das von ihnen besuchte Land gerne in Ruhe kennen lernen und dabei große Menschenmassen meiden wollen. Die Erfahrungen in Sydney und Peking hätten dies erneut deutlich gemacht, seien doch dort um den Zeitraum der Olympiade die Anzahl Urlauber deutlich zurückgegangen. „Touristen fürchten, dass sie zu Zeiten einer Großveranstaltung keinen Flug in das Gastgeberland bekommen und dort keine Unterkunft finden werden“, sagt sie. Außerdem hätten viele Urlauber die Befürchtung, dass während der Veranstaltung die Preise in dem Gastgeberland in die Höhe schießen. Fazit: Die Menge an Besuchern, die speziell wegen eines Sportereignisses anreisen, ist kaum höher als die Anzahl potenzieller Touristen, die durch eben diese Veranstaltung abgeschreckt werden. Und noch etwas macht Thude Sorgen: Der Kosten- und Zeitfaktor. „Ein Interkontinentalflug ist teuer und wir können bisher nicht sagen, ob die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise bis 2010 ausgestanden ist“, gibt sie zu bedenken. Angesichts dieser Unwägbarkeiten könne momentan kaum vorhergesagt werden, wie viele Amerikaner, Europäer oder Asiaten, die die lange Anreise nach Südafrika finanzieren müssen, sich auch noch einen Flug nach Namibia leisten könnten. Ähnlich ungewiss ist Thude zufolge, wie viele dieser Besucher ihren Aufenthalt im südlichen Afrika derart verlängern könnten, dass sie auch noch Namibia bereisen könnten. Schließlich dauere die WM über ganze vier Wochen. Wer also über den gesamten Zeitraum am Ort des Geschehens sein wolle, müsse dafür seinen gesamten Jahresurlaub opfern und könne kaum zusätzliche Tage in Namibia verbringen. Außerdem habe Südafrika derart viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, dass WM-Besucher ihre freie Zeit ausschließlich in dem Gastgeberland verbringen könnten.
„Die WM dreht sich um Südafrika und nicht um seine Nachbarländer“, sagt Thude und fügt hinzu: „Die Leute wollen vor Ort sein, wo sich der sportliche Wertkampf ereignet und das ist nun mal in Südafrika.“
Gleichzeitig jedoch hebt sie hervor, dass die WM für die Nachbarländer bedeutende Vorteile haben werden, die nicht unbedingt in Besucherzahlen während der WM gemessen werden können. „Diese Veranstaltung wird das In- teresse an dem afrikanischen Subkontinent deutlich erhöhen bzw. hat dies bereits getan“, erläutert sie. Von der dadurch erreichten Aufmerksamkeit werde auch Namibia profitieren, selbst wenn dies erst nach der WM ersichtlich werden sollte. Nun gelte es die Werbewirkung der WM frühzeitig für den Fremdenverkehr in Namibia zu nutzen und das Land als ein sicheres, sehenswertes und preiswertes Urlaubsziel zu positionieren, solange die Augen der Welt auf das südliche Afrika gerichtet seien. Der NTB setzt dabei vor allem auf die Berichterstattung in den Medien. „Die WM bringt den Vorteil, dass nicht nur Reisemagazine den Subkontinent thematisieren werden“, sagt Thude. Abgesehen von Sportzeitschriften seien nun auch viele Nachrichtenblätter an Ländern im südlichen Afrika interessiert und gewillt, über diese Länder zu berichten. Diese Medien, die in der Regel eine sehr viel größere Breitenwirkung als die Reisemagazine hätten, müssten folglich dazu bewegt werden, über Namibia zu schreiben und das Land als besonderes Reiseziel zu empfehlen.
Eine Möglichkeit dafür sieht die Marketingbeauftragte des NTB in dem Confederations Cup, der im Juni in Südafrika stattfindet, und traditionell als Testlauf für den WM-Gastgeber gilt. „Zum Confederations Cup werden Tausende Journalisten in Südafrika und damit direkt vor unserer Haustüre sein“, prognostiziert Thude. Für diese Reporter wolle der NTB „Gruppenreisen“ nach Namibia anbieten und ihnen das Land vorstellen.
„Die Werbewirkung, die man durch die Berichterstattung der internationalen Medien erreichen kann, ist unbezahlbar“, betont Thude. Dies treffe besonders für die Massenmedien zu, die im Gegensatz zu Fachzeitschriften wie Reise- und Sportmagazine ein breites Publikum erreichten. „Diese Medien konzentrieren sich sonst ausschließlich auf Aktualitäten und sind für uns nicht erreichbar, aber nun haben wir die Möglichkeit, auch Leute von BBC oder CNN hierher zu locken“, ist sie sich sicher. Ein weiterer Schwerpunkt der internationalen Vermarktung Namibias liegt auf ausländischen Reiseveranstaltern, die ihren Gästen oft ganze Angebotspakete machen. In diesen Paketen wäre zum Beispiel ein Flug nach Südafrika, die Unterkunft dort und eine Eintrittskarte für eines der WM-Spiele enthalten. Laut Thude muss der NTB genau dort ansetzen und internationale Reiseveranstalter überzeugen, Namibia mit in diese Angebotspakete aufzunehmen. Diese Bemühungen sollten sich Thude zufolge jedoch nicht nur auf den NTB beschränken, sondern auch Touristikunternehmen aus der hiesigen Privatwirtschaft einschließen. Dabei nennt sie als Beispiel das „Deutsche Haus“ in Johannesburg, wo während des Confederation Cup viele Besucher zum gemeinsamen Fußball-Vergnügen vor der Großleinwand erwartet werden. Solche Veranstaltungen gelte es für namibische Reiseunternehmen zu nutzen und vor Ort für sich selbst Werbung zu machen. „Wie es aussieht, wird vermutlich keines der teilnehmenden Fußballmannschaften Namibia als Standort für die eigene WM-Vorbereitung nutzen, weil unsere Trainingsanlagen nicht internationalen Ansprüchen genügen“, räumt Thude ein. Obwohl dem Land damit ein wertvolles Vermarktungs-Instrument verloren gehe, seien die Möglichkeiten dennoch vielfältig: „Wenn wir uns geschickt anstellen, können wir aus der WM viele Vorteile ziehen, auch wenn sich diese vielleicht erst nach der Veranstaltung bemerkbar machen werden.“ Von Marc Springer |
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