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Vom  3.07.2008

Verloren, trotzdem gefeiert – AZ-Reporter auf Fanmeile in Berlin

Das Finale der Fußball-Europameisterschaft 2008 zwischen Deutschland und Spanien hat AZ-Reporter Erwin Leuschner auf der Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin gesehen – zusammen mit weiteren rund 500000 Besuchern. Hier ist sein Bericht von diesem einmaligen Erlebnis.

© Erwin Leuschner
Superstimmung auf Berlins größter Fanmeile, wo rund eine halbe Million Menschen die deutschen Fußballer im Europameisterschaftsfinale anfeuern. Bis zum Tor der Spanier in der 33. Minute herrschte ausgelassene und erwartungsfrohe Stimmung.
Gegen 17 Uhr treffe ich auf der Fanmeile ein. Mir wurde nämlich kurz zuvor geraten, mindestens fünf Stunden vor Spielbeginn (20.45 Uhr) zwischen den Fans zu stehen, sonst bekomme ich keinen Zutritt. Vor der Meile wird mein Rucksack ausgiebig durchsucht. Einige Besucher versuchen, eine Flasche Vodka hineinzuschmuggeln. Vergeblich.

Dann kommt ein großer Moment: Obwohl ich etwa fünf Stunden vor der Partie mein Ziel erreicht habe, bekommt ich kaum einen Platz. Hunderttausende Besucher haben sich schon eingefunden und warten auf die Übertragung des Endspiels auf der größten Leinwand Europas. Doch bevor das Spiel angepfiffen wird, treten zunächst einige Stars auf einer großen Bühne auf. Die Stimmung ist nicht zu übertreffen!

Kurz vor 19 Uhr kommt dann eine wichtige Ansage: „Wir sind über 500000 Fans auf der größten Fanmeile Berlins!“ Die Besucher beginnen zu grölen, derweil tausende Deutschland-Fahnen den Himmel beinahe verdecken – ein Anblick, den es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Zusätzlich singen die in Schwarz-Rot-Gold gekleideten sowie bemalten Fans Lieder für ihr Team – Vorfreude und Erwartung auf den nächsten EM-Titel der Deutschen.

Gegen 20 Uhr wird mir trocken im Mund. Zum Glück gibt es einen 10x10 Meter großen Bierstand. Dorthin mache ich mich auf den Weg und kämpfe mich langsam voran. Knapp 30 Minuten dauert dieser Weg, obwohl der durststillende Stand nur 40 Meter von mir entfernt ist. Bei der Ankunft gönne ich mir zwei kühle Biere. Die sind zwar klein (200 ml), kosten aber jeweils 3,10 Euro. Doch der Preis spielt zu diesem Zeitpunkt keine Rolle, der Geschmack im Vergleich zum guten alten Tafel-Lager-Bier ebenso nicht. Der Durst muss gestillt werden. Der Rückweg zu meinem Platz dauert wiederum rund 30 Minuten.
© Erwin Leuschner
Vor dem Brandenburger Tor war eine Bühne mit der größten Leinwand Europas aufgebaut, auf der das Spiel Deutschland gegen Spanien übertragen wurde.
Endlich fängt das Spiel an. Die Fans feuern ihr Team an. Das Brüllen wird allerdings jäh unterbrochen, als die Spanier in der 33. Minute ihr erstes (und einziges) Tor schießen. Einige Party-Besucher meinen, dass der Schiedsrichter „gekauft“ worden sei und seinen Job nicht richtig mache. „Die (Deutschen) müssen sich mal zusammenreißen“, grölt ein Fan von nebenan.

Zur Halbzeit wird es erheblich stiller – niemand wagt, etwas zu sagen. Nur noch vereinzelte Fahnen wedeln hier und dort und die Stimmung hat deutlich nachgelassen. Beim Abpfiff war sie kaum besser, denn nun steht fest: Deutschland hat verloren. Die Besucher verlassen die Fanmeile wie nach einer Beerdigung. Sie sind traurig und haben den Kopf gesenkt, die Fahnen bleiben unten. Ein angemalter Junge sitzt auf dem Bürgersteig und weint, derweil sein Freund vergebens versucht, ihn zu trösten. Er sieht grimmig aus.

Doch nach etwa 15 Minuten Stille macht sich wieder ausgelassene Stimmung bei der Menge breit. Es wird doch gefeiert. In der Nähe hört man vereinzelte Böller im Minutentakt und einige eingefleischte Deutschland-Fans nehmen die Schlachtenbummler-Rufe wieder auf. Jetzt steigt die Party in vielen Vierteln der größten Stadt Deutschlands.

Im Großen und Ganzen war es ein erfolgreicher Abend. Das zumindest denkt auch die Polizei. Bis Mitternacht werden nur 17 Festnahmen gemeldet, was angesichts von einer halben Million Menschen sehr wenig ist.

Auch zwei Tage nach der Niederlage und dem Abschied von der Fußball-EM sind in Berlin noch viele Deutschland-Fahnen und -Mützen zu sehen. Wie nach der Weltmeisterschaft vor knapp zwei Jahren erlebt der Stolz auf die Fußballer und das eigene Land eine neue Renaissance.
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