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Regen in Namibia

 

Vom 13.08.2010

Gestaltungsaufgabe Alter

Alt werden will Jeder, alt sein will Keiner… Prof. Thomas Klie aus Freiburg hat in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit der Universität von Namibia sowie Studenten aus Deutschland über und unter älteren Menschen in Namibia Feldforschung betrieben, unter anderem in Ondangwa (Stadt und Land) sowie in den Windhoeker Stadtteilen Okahandja-Park und Khomasdal. In Windhoek hat er dazu auch einen Vortrag gehalten. Hier folgen Auszüge daraus.

Zu keinem Zeitpunkt erreichten so viele Menschen ein so hohes Alter wie heute. Nie stand Menschen mehr Zeit zur Verfügung, persönlich bedeutsame Anliegen und Interessen nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Neugeborene Mädchen in Deutschland haben heute eine Lebenserwartung von 82,4 Jahren, Jungen von 77,17. Heute 80-jährige Frauen werden im Durchschnitt noch 8,97 Jahre, Männer noch 7,65 Jahre leben: Wir (Weißen) leben in einer Gesellschaft des langen Lebens. Das gilt nicht überall in gleicher Weise.

Die Lebenserwartung in Namibia ist deutlich niedriger, sie liegt bei etwa 57 Jahren. Dabei gibt es schon in Windhoek große Unterschiede: in Khomasdal liegt sie bei 62, im Stadtviertel Moses Garoeb bei 38 und in Windhoek-Ost bei 81 – im Mittel. Es sind ganz wesentlich die Lebenslagen, die Einfluss haben auf die Lebenserwartung: Armut, Bildung, Ernährung.

Der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit den Aufgaben und Anforderungen einer Gesellschaft des langen Lebens ist nicht zuletzt durch Altersbilder bestimmt. Mit ihnen hat sich jüngst die sechste Altenberichtskommission der Bundesregierung in Deutschland auseinandergesetzt. Die Botschaft: Wir sind aufgefordert, unsere Bilder vom Alter zu revidieren, die vielfältigen Gesichter des Alters zu erkennen, Stereotypen vom Alter hinter uns zu lassen, Altersdiskriminierungen entgegenzutreten und die Gestaltungsaufgabe Altern anzunehmen. Das gilt auch in Namibia.

Altersbilder sind individuelle und gesellschaftliche Vorstellungen vom Alter, vom Altern und von älteren Menschen. Es gibt eine Vielzahl von Altersbildern: positive, negative, dynamische und defizitäre. Sie sind häufig ambivalent: Alt werden will jeder, alt sein will keiner. Altersbilder bestimmen uns im persönlichen Kontakt: etwa bei „Alterskomplimenten“: „Sie sehen aber gut aus – für Ihr Alter“. Altersbilder prägen unsere individuellen Vorstellungen und Überzeugungen: „Im Alter Sex?“. Es existieren bedeutsame institutionelle Altersbilder, etwa im Recht: Durch die Regelaltersgrenzen wird der Ruhestand und damit das „Alter“ konstituiert, das Bild vom verdienten Ruhestand. In Namibia mit 60 – gerontologisch betrachtet zu früh! Altersbilder können die Sprache prägen: Pflegekräfte beispielsweise folgen häufig einem Unselbstständigkeits- Unterstützung Skript und sehen ältere Menschen primär in ihrer Hilfsbedürftigkeit und sprechen so mit ihnen. Das führt nachweislich zu einem Autonomieverlust und einer Zunahme von Hilfebedürftigkeit. Unsere eigenen Bilder vom Alter prägen uns. Menschen mit einem positiven Altersbild zeigen bessere Gedächtnisleistungen als Menschen, die eine negative Einstellung vom eigenen Älterwerden haben. Auch gehen ältere Menschen unangemessener mit ihrer Gesundheit um, wenn sie Einschränkungen nur auf das Alter und nicht auf bestimmte, beeinflussbare Krankheiten zurückführen. Das gilt in vergleichbarer Weise auch für Ärzte, die bisweilen Altersstereotypen folgen - „da ist nichts mehr zu machen“ - und nicht die Erkenntnisse moderner Geriatrie folgen. Altersbilder werden auch in der Politik geprägt und benutzt, etwa wenn es um Frühverrentung geht, um die „Alterslast“.
Altersbilder sind vielfältig, sie sind folgenreich und daher lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihnen: in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kirche aber auch ganz persönlich. Manche Altersbilder lassen sich – wissenschaftlich- als richtig oder falsch bezeichnen. Am bedeutsamsten aber sind ihre sozialen Funktionen und realen Wirkungen – privat, in der der Gesellschaft, in der Politik. In einer Gesellschaft des langen Lebens ist es angezeigt, sich um angemessene, vielfältige und verhaltenswirksame Altersbilder zu bemühen.

Das Altern ist vielfältig und verschieden sind die Lebenssituationen älterer Menschen – insbesondere in Namibia: dieser Vielfalt geht gerade eine aktuelle Studie „Aging in Namibia“ nach. Dieser Vielfalt entsprechen die heute wirksamen und verbreiteten Altersbildern nicht: weder in der Politik noch in den Werbeagenturen oder in den Kirchen, in den Medien aber auch nicht bei den älteren Menschen selbst. Sie sind weithin noch defizitär und betonen Grenzen – die es unbestreitbar gibt (die Biologie ist keine Freundin des Alters). Sie vernachlässigen Stärken und Potenziale des Alters. Das können wir uns in einer Gesellschaft des langen Lebens nicht leisten: auch in Namibia liegt die (fernere)Lebenserwartung der 60 -Jährigen bei 16 Jahren.

Wir haben den demographischen Wandel in der gesamten Welt als Gestaltungsaufgabe zu verstehen und nicht als Bedrohung. Es gilt eine neue Kultur des Alters zu entwickeln, die nicht die Hilfsbedürftigkeit fokussiert. Alter ist nicht statisch zu verstehen: es handelt sich beim Alter nicht um einen fest umrissenen Lebensabschnitt, es gilt das Altern und den Lebenslauf als individuelle und gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Und: Lernen und Bildung hören nicht im Alter auf und sollten für alle Lebensalter selbstverständlich werden: den Umgang mit neuen Medien muss man lernen, den Umgang mit dem Mobiltelefon und mit einer körperlichen Einschränkung ebenso. Altersdiskriminierungen – sowohl positive als auch negative gilt es zu vermeiden. Die Altersgrenzen im Recht und in der Rechtspraxis verdienen eine grundlegende Revision: auch und gerade die Ruhestandsgrenzen. Das gilt auch für die Sicht des Alters in der Arbeitswelt: Es führt langfristig kein Weg daran vorbei, (wieder) länger zu arbeiten und die Kompetenzen älterer Menschen zu nutzen. In der Pflege hat man sich von diskriminierenden Begriffen wie dem Pflegefall zu verabschieden? Auf Unterstützung angewiesene Menschen haben das Recht, sich nicht über ihre Behinderung und Pflegebedürftigkeit definieren zu lassen.

Ältere Menschen sind auch selbst gefragt, die Gesellschaft des langen Lebens mit zu gestalten: in Selbst- und Mitverantwortung und in den vielfältigen Formen und Rollen, die in einer lebendigen Zivilgesellschaft zur Verfügung stehen: bürgerschaftliches Engagement ist (auch) eine angemessene Form der Altersaktivität – mit Nutzen für die Älteren und für die Gesellschaft: von wegen „Ruhestand“. Sie tun dies auch, häufig nicht sehr sichtbar, aber sehr bedeutsam. Vielen alten Menschen ist es ein tiefes Anliegen, aus einer Welt zu scheiden, in der ihre Kinder und Enkel eine Perspektive haben, in der es etwas gerechter zugeht. Die Grenzen des Lebens lassen sich in Verantwortung für das Leben, das über einen hinausweist, leichter akzeptieren.

Prof. Dr. Thomas Klie

(Der Autor ist Hochschullehrer an der Evangelischen Hochschule Freiburg und zurzeit Gastprofessor an der UNAM.)

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