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Regen in Namibia

 

Vom  3.09.2010

Eine Schule mit Vorbildcharakter

© Marc Springer
Okahandja Park ist ein tristes Elendsviertel in Windhoek in dem die Brighthill-Schule eine seltene Erfolgsgeschichte für die Gemeinschaft darstellt.
Okahandja Park ist eines jener Elendsviertel in Windhoek, aus denen es für die Bewohner kaum ein Entrinnen gibt. Wer hier in einer der tausenden von Blechhütten gestrandet ist, bleibt meist in dem Teufelskreis zwischen Arbeitslosigkeit, Armut und Resignation gefangen.
„Wir müssen verhindern, dass hier eine verlorene Generation heranwächst“, sagt Martha Shilyomunhu, die für viele Kinder der Barackensiedlung eine Art Ersatzmutter und für ihre Eltern zum Idol geworden ist. Shilyomunhu ist Schulleiterin der Projektschule Brighthill, die nicht nur als Lehrstätte, sondern auch als Bezugspunkt und Hoffnungsträger der umliegenden Gemeinschaft dient und so etwas wie den Gegenentwurf zu dem weit verbreiteten Fatalismus hier darstellt.
Die Schule ist eine seltene Erfolgsgeschichte in Okahandja Park, wo es sonst wenig Grund zur Zuversicht und kaum Perspektiven für die Bewohner gibt. Im Januar 2008 gegründet, bestand die Bildungseinrichtung zunächst aus fünf Armeezelten, in denen 170 Schüler unter widrigsten Umständen unterrichtet wurden. „Das war eine schwere Zeit“, erinnert sich Shilyomunhu, der „Hitze und Staub“ in den damals mit jeweils 40 Kindern komplett ausgefüllten Zelten noch unmittelbar präsent ist.
Ihre Existenz verdankt die Schule dem kontinuierlichen Wachstum so genannter informeller Siedlungen in Windhoek, die sich aufgrund der anhaltenden Landflucht immer weiter ausdehnen. Damit hat auch der Bedarf an Schulplätzen in den neu besiedelten Gebieten derart zugenommen, dass die bestehenden Lehrstätten an die Grenze ihres Fassungsvermögens gelangt sind.
„Die provisorische Zeltschule ist entstanden, weil die Kapazität der rund zwei Kilometer entfernte Frans-Indongo-Schule erschöpft war und andere Schulen in der Gegend für die Kinder zu Fuß kaum erreichbar sind“, erklärt Shilyomunhu. Anfangs wurden in den Zelten nur Kinder der ersten Klasse unterrichtet, 2009 kamen fünf weitere Zelte und Schüler der zweiten Klasse hinzu. Die Schülerzahl stieg auf 331 Kinder, womit die kritische Maße erreicht war, die den Bau regulärer Klassenzimmer rechtfertigte.
© Marc Springer
Martha Shilyomunhu zwischen einigen ihrer Schüler, die sie als „Adoptivkinder“ bezeichnet und für deren Eltern sie zum Vorbild und Hoffnungsträger geworden ist.
Die Errichtung der dafür notwendigen Gebäude erfolgte auch auf Betreiben von Shilyomunhu, die ihre Tätigkeit als Schulleiterin als eine „Berufung“ begreift und die damit verbundenen Schwierigkeiten als eine Herausforderung versteht. „Wir haben hier ganz spezielle Probleme, die besondere Lösungen erfordern“, sagt sie und schaut sich auf dem staubigen Innenhof der Schule um, wo die von ihr scherzhaft „Adoptivkinder“ genannten Schüler ausgelassen spielen.
Viele der inzwischen 570 Schulkinder sind Halb- oder Vollwaisen oder stammen aus zerrütteten Familien, wo häusliche Gewalt und Alkoholmissbrauch oft trauriger Alltag sind. Die meisten der Eltern sind Analphabeten die zur akademischen Erziehung ihres Nachwuchses kaum beitragen und sich die Schulgebühren nur selten leisten können.
In vielen Haushalten fehlt es sogar am Geld für die Verpflegung der Kinder, die bei Brighthill deshalb zwei Mal wöchentlich mit Essen versorgt werden. Die Nahrung muss auf offenem Feuer gekocht werden, weil es an der Schule keinen Strom gibt. „Das ist unser größtes Problem und oberste Priorität“, sagt Shilyomunhu. Da es mittelfristig unwahrscheinlich scheint, dass Okahandja Park eine Elektrizitätsanbindung erhalten wird, setzt sie ihre Hoffnung auf einen Generator.
Die Erfahrung hat sie allerdings gelehrt, dass in Wohnsiedlungen wie Okahandja Park vor allem eins gefragt ist: Geduld. „Das Erziehungsministerium versucht sein bestes, ist aber durch den großen Nachholbedarf im Bildungssektor und die begrenzten Ressourcen nur bedingt im Stande uns zu helfen“, sagt sie. Zwar habe das Ministerium ihr einen Generator in Aussicht gestellt, aber ob und wann dieser Wunsch in Erfüllung gehen werde, sei fraglich.
Angesichts dieser Ungewissheit hat Shilyomunhu beschlossen, nicht passiv auf staatliche Unterstützung zu warten, sondern selbst aktiv werden. Sie geht regelmäßig auf Spendensuche und wird persönlich bei Unternehmen vorstellig, die sie um finanzielle oder materielle Hilfestellung ersucht.
Als größtes Hindernis empfindet sie dabei den Mangel an Information über die Lebensbedingungen in Armenviertel wie Okahandja Park. „Die wenigsten Leute wissen, unter welchen Bedingungen wir hier arbeiten und mit welchen Schwierigkeiten wir konfrontiert sind“, erklärt sie und nennt die „öffentliche Aufklärung“ als wichtigste Voraussetzung für eine Verbesserung der Spendenbereitschaft.
„Es hilft nicht, sich schriftlich an potentielle Geldgeber zu wenden – man muss persönlich mit ihnen sprechen“, betont Shilyomunhu, die bereits viele Stunden damit verbracht hat, möglichen Gönnern die besonderen Bedürfnisse ihrer Schule zu erklären. Das Engagement zahlt sich aus und mit dem öffentlichen Verständnis für die Defizite der Schule nehmen auch die Spendeneinnahmen kontinuierlich zu.
Ungeachtet aller Widrigkeiten hat die Brighthill Schule im vergangenen Jahr eine Versetzungsrate von 85 Prozent erreicht, was weit über dem nationalen Durchschnitt liegt. „Der akademische Erfolg hängt nicht von dem Zustand der Infrastruktur, sondern vom Einsatz der Lehrer ab“, hebt Shilyomunhu hervor. Und sie nennt einen weiteren Aspekt, der die guten Leistungen der Schüler erklärt: Die Beteiligung der Gemeinschaft.
„Man darf die Erziehungsberechtigten der Kinder nicht bevormunden oder belehren, sondern muss ihnen als Gleichberechtigte begegnen und sie bei der Erziehung ihrer Kinder mit einbeziehen“, sagt die gelernte Pädagogin. Diese Strategie hat sich bewährt. Indem Shilyomunhu oder eine ihrer 16 Lehrkräfte auf die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten der Kinder zugehen, wecken sie bei jenen auch Interesse an der Schule und regen sie zur Teilnahme an dem Gemeinschaftsprojekt Brighthill an.
Parallel zu dieser Initiative verläuft die Planung für den Ausbau der Schule, die langfristig aus 30 Klassenzimmern bestehen und von Grad 1 bis 7 jeweils vier Klassen pro Jahrgang Platz bieten soll. Darüber hinaus sind zwei Klassen für Vorschulkinder und ein Spielplatz vorgesehen. Außerdem plant Shilyomunhu, die selbst viele Jahre in Grootfontein und Wanaheda unterrichtet hat, eine Schuluniform einzuführen, die sie von den Müttern ihrer Schulkinder anfertigen lassen will.
„Es ist nicht die Schuld der Kinder, dass ihre Eltern arbeitslos sind und sie in armen Verhältnissen leben“, sagt Shilyomunhu, die damit auch den Antrieb für ihr eigenes Engagement erklärt. Der Dank der Eltern und der akademische Erfolg der Kinder sind ihr dabei Belohnung genug. „Als Lehrer kann man nicht reich werden, aber die Fortschritte die wir hier machen sind mehr wert als alles Geld der Welt“, sagt sie.
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