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Zerstörung

 
Vom 16.05.2008

Aufnahme mündlicher Überlieferung umstritten - neues Blaubuch?

Heiner Schneider-Waterberg, Farmer von Okosongomingo in der Region Otjozondjupa, hat im Rahmen seiner Erfahrung und historischen Studien eine kritische Stellungnahme zu einer aktuellen Publikation über mündliche Überlieferung verfasst.

Das Ergebnis eines Forschungsprojekts, genannt „What the Elders used to say“, wurde in der zweiten Aprilwoche in einer Pressekonferenz präsentiert und dem Erziehungsminister zur Aufbewahrung im Nationalarchiv übergeben. Eine als Begleittext dazu verfasste, allerdings braun gebundene englische Broschüre, gibt an, ebenso wie das genannte Projekt, vom Namibischen Institut für Demokratie (NID) sowie der Namibisch Deutschen Stiftung (NaDS) herausgebracht und von der Deutschen Botschaft und dem Goethezentrum finanziert zu sein.

Neugierig schlägt der historisch interessierte Leser das Heft auf, um zu entdecken, welcher Schatz mündlicher Überlieferungen diejenigen ergänzen soll, die bereits seit langem und in Mengen vorliegen und dementsprechend von Larissa Förster im zweiten Teil der Broschüre aufgelistet werden.
© AZ-Archiv
Heiner Schneider-Waterberg, rechts, hat sich mit den mündlichen Überlieferungen auseinander gesetzt.

Wissenschaftlicher Anspruch hinterfragt
 
Aber schon in der Einleitung widersetzt sich dem historischen Wissensdurst eine umfangreiche tagespolitische Hinzufügung zur Aufgabenstellung, die mit dem Anspruch eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts kaum zu vereinbaren ist. Dieser Einschub hat die Aufgabe, die wichtigsten Themen aktueller Debatten, nämlich Reparationen (für deutsche Kolonialverbrechen), zu definieren. Ausdrücklich hat der Autor damit Ansprüchen und Stimmen zu diesem Thema mehr Substanz zu geben erhofft! Er will die Ergebnisse des Projekts als einen unschätzbaren Ausgangspunkt für eine formelle Debatte mit den Befragten über – Reparationen! – verstanden wissen.

Die jahrelangen und kürzlich wiederholten Erklärungen der Bundesrepublik, keine Reparationen zu zahlen, lassen bei einer solchen Aufgabenstellung die Motivierung und Durchführung des Projekts in einem Hauptteil als doppelt widersprüchlich erscheinen. Dass eine solche suggestive Umfrage finanzielle Erwartungen mit zweckgefärbten Einstellungen wecken würde, vor allem in den „in bitterster Armut lebenden“ ländlichen Gebieten, ist ein Faktor, den der Autor der Broschüre durchaus bedenken möchte, aber wie das umzusetzen sei, bleibt sein Geheimnis.

Im Anschluss an diese diskutable Einleitung folgt ein kurzer historischer Hintergrund, dessen Tendenz durch die ungenierte Mitteilung gekennzeichnet ist, Gouverneur Seitz habe 1911 praktisch die Institutionalisierung des Abschießens von Buschleuten mittels einer Verordnung sanktioniert. Das würde ein amerikanischer Professor allerdings erst demnächst veröffentlichen.

Anekdotischer Wert
 
Nicht einleuchtend ist zunächst der Zusammenhang zwischen der nun folgenden Literaturübersicht (meist längst bekannter eurozentrischer Tendenzhistoriker) und dem Vorhaben des Forschungsprojekts, nämlich namibische mündliche Überlieferungen zu sammeln. Eine etwas überraschende Querverbindung ergibt sich dann doch aus der Aufwertung durch den Autor der kriesgpropagandamäßig ausgeheckten Tendenzberichte des englischen Blaubuchs von 1918 zum Geschichtsbuch der Zeit 1903 bis 1915. Diesem Blaubuch sowie den zahllosen ebenso peinlich propagandistischen sogenannten Farbbüchern des Ersten Weltkriegs wird heute, außer in Namibia, niemand mehr als anekdotischen Wert zusprechen, soweit sie überhaupt noch auffindbar sind, da man sie, wie ursprünglich auch das Blaubuch, beschämt hat verschwinden lassen. Aber mittels fürsorglich unterweisender Einstufung einer Auswahl zeitgeschichtlicher Literatur sollen wohl hierzulande unbefangene Leser unserer Broschüre für das, was ihnen noch bevorsteht, etwas weichgeklopft werden. So wird z.B. ganz einfach behauptet, das solideste und bisher ausgewogenste Buch überhaupt, mit dem Thema Hererokrieg, nämlich Gerhard Pools „Samuel Maharero“ (1991!) sei zu höchst problematischen Schlussfolgerungen gekommen. Als Beispiel für den Tenor unserer Broschüre sei hierauf näher eingegangen.

Pool ist in Otjiwarongo aufgewachsen. Er hat wie noch kein Historiker vor ihm lange Jahre im Lande historische Studien über den Krieg getrieben und dabei alle bekannten Stätten des Hererokriegs besucht. Seine Magisterarbeit über den Hererokrieg „Die Herero-Opstand“ hat er mit cum laude abgeschlossen.. Nur leider war diese in Afrikaans verfasst und daher ausgerechnet Afrikahistorikern meist nicht zugänglich. Pool hat überdies während fünf Deutschlandreisen in dortigen Archiven einschließlich dem der Familie von Trotha geforscht. Als promovierter Professor, mit Fachgebiet Deutsche Kolonialgeschichte, hat er (mit Lehramt!) an der progressiven Universität Stellenbosch Afrikanische Geschichte gelehrt. Er konnte daher auf lebenslange Landeserfahrung und eine mehr als zwanzigjährige Arbeit in seinem Fachgebiet zurückgreifen, als er 1991! als erster und einziger über den namibischen Afrikaner Samuel Maharero eine auf Grundlagenforschung beruhende Biografie in Afrikaans, Englisch und Deutsch veröffentlichte. Diesem Buch gab er „zum Vergleich“ überdies eine wörtliche Wiedergabe der „Geschichte der Herero aus ihrer eigenen Überlieferung“ als Anlage bei, deren Verfasser der Herero-Historiker A. Jarimbaovandu Kaputu war. Nach dem Urteil des Autors unserer Broschüre hat aber Pool angeblich ausgerechnet „die afrikanische Perspektive ausgeschlossen“.

Wie Archivquellen ausgewertet werden
 
Man fragt sich, wer sich ein solches Urteil anmaßen kann und wie es sich aufrecht erhalten lässt. Weiterhin heißt es, Pools Quellenforschung sei so überaus gründlich, umfassend, sorgfältig und akademisch recherchiert, und doch habe er „die Genozidfrage nicht diskutiert“. Bestand denn ein Bedarf dafür? Auch hier fragt man sich, wieso Sorgfalt und akademische Recherchen für die Erkenntnis eines Genozids abträglich sein könnten und ob andere Autoren, bei gleicher Sorgfalt, zu anderen Schlussfolgerungen als Prof. Pool hätten kommen können. Fest steht, dass jeder Leser von Pools Buch, gleich welcher Couleur, von der mustergültigen Objektivität und Fairness dieses kleinen Standardwerks beeindruckt ist. In den Schlussfolgerungen unserer Broschüre hingegen erfolgt konsequent seine gnadenlose Demontage. Hier wird klargestellt, Pools Buch basiere fast ausschließlich auf massiv tendenziösen und oft offen rassistischen Quellen. (Gemeint sind die deutschen Originalarchivalien). Daher seien die Möglichkeiten für Selektivität und für persönliche Vorurteile bei der Auswertung von Archivquellen und der darauf basierenden Historiografie ebenso bedeutsam wie bei mündlichen Überlieferungen. Dieser für die Broschüre charakteristische Satz demonstriert offensichtlich eine moderne Neuerfindung der Historie als Histörchen.
© AZ-Archiv
Botschafter Freiherr Arne von Kittlitz, links, überreicht Erziehungsminister Nangolo Mbumba einen broschürten Band und Video-Material über mündliche Überlieferungen.

Autoren des Kartierkartells
 
In der Literaturübersicht werden entsprechend fast ausschließlich die in der Drechslerschen Nachfolge schreibenden Autoren des Zitierkartells einer kurzen Kritik für würdig befunden. Dabei wird die Gelegenheit benutzt, Brigitte Laus Hinterfragung des Genozids abzustrafen, sowie ihre Anhänger unter „Rechtsextremen und Hobby-Historikern“ in den Orkus der vermeintlich wohlverdienten Vergessenheit zu verstoßen.

Immerhin scheint man jedoch vom zunehmend löchriger werdenden Dogma des von der Truppe verübten Genozids in der Omaheke ganz vorsichtig auf einen Genozid durch Vernachlässigung usw. in den Konzentrationslagern umzusteigen. Doch auch dieser ist gefährdet! Noch wiegt man sich in Sicherheit, denn was wäre unsere Broschüre ohne Genozid? Die Katastrophe droht in dem Moment, wo klar wird, dass man 1906 auf der ganzen Welt noch nicht wusste, dass Skorbut nur mit Vitamin C zu heilen ist. Britische Wissenschaftler hatten nämlich irrtümlicherweise nach etwa 1875 die längst bekannte Vorbeuge gegen Skorbut mit Zitrusfrüchten für wirkungslos erklärt. Bis zum heutigen Tage scheint manch einer daher zwar zu glauben, wie die Öffentlichkeit vor hundert Jahren, das Seeklima der Haifischinsel habe den Skorbut verursacht. Selbiger hat sich allerdings wohl nie gefragt, warum die Ärzte in den zwei Hospitälern auf der Insel trotz der richtigen Diagnose mit der Skorbut-Epidemie von 1906/07 nicht fertig wurden. Die ausreichende und meist reichliche Ernährung, hauptsächlich mit Reis, Mehl und Konserven ohne Frischprodukte, verursachte nämlich bei Soldaten und Lagerinsassen im ganzen Land den seit Urzeiten bekannten Skorbut, sowie, nach den Symptomen zu urteilen, auch die unter Reisessern gefürchtete Beri-Beri-Krankheit durch Mangel nicht an Nahrung, sondern an einem zusätzlichen Vitamin, dem Vitamin B.

Im nächsten Abschnitt der Broschüre geht es um Hauptakteure in der politischen aktuellen Debatte um Kolonialverbrechen und Reparationen. Die Situation bliebe nach wie vor ungelöst, gespannt und höchst politisch. Wir sind auf Seite 11 des 60-seitigen ersten Teils der Broschüre und erwarten, endlich beim Thema anzulangen. Oder ist dies überhaupt das Thema?

Reparation erhofft
 
Statt der Benennung des Themas folgt Methodologie, wobei wir erfahren, dass ein deutschsprachiger Namibier das Projekt initiiert habe, allerdings gibt es keine Andeutung, dass er den politischen Einschub abgesegnet habe. Dann kommt die Methode der Befragung zur Sprache, nach der den Probanden nur acht Fragen über Überlieferungen, dagegen vier Fragen über Reparationen und fünf Fragen über Versöhnung vorgelegt wurden. Außerdem erfahren wir, dass der Projekt-Leiter, also wohl der fördernd-vermittelnde Zwischenträger, Herr Casper Erichsen ist, - im Begleitschreiben zum Buch Dr. Erichsen genannt, - und dass Herr Dr. Erichsen selbst die Interviews führte. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, sorgfältig Probanden aus der Nachkriegsgeneration auszusuchen, also vermutlich Alte und Uralte, und diese unter anderem nach ihrer Meinung zu kolonialen Reparationen und der aktuellen Debatte darüber zu befragen. Er fand ein offenes Ohr. Die Damaras auf Seite 19 waren sich z.B. über Reparationen sehr im Klaren: Sie wollten Land, Vieh, ordentliche Schulen, Hospitäler und Arbeitsstellen, andere Bevölkerungsgruppen fügten noch Elektrizitätsversorgung, sanitäre Anlagen und Bewahrung ihres geistigen Erbes hinzu. Man gibt durchaus zu, damit die 75 Jahre südafrikanischer Kolonisierung und 18 Jahre der Unabhängigkeit zurück in die deutsche Schuld zu überspringen. Aber obwohl diese vergangenen insgesamt 93 Jahre eine Rolle spielen mögen, „trivialisiere das nicht die Legitimität der Ansprüche“.

Bereits ab Seite 15 werden auch Forschungsresultate mitgeteilt. Der Leser quält sich durch den Text. Aber es sind nicht die meist längst bekannten Überlieferungen, sondern der unausgewogene und fehlerhafte Inhalt des Rahmentextes, der den Lesefluss beeinträchtigt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor bei sich und seinen Probanden, wie auch bei den Lesern, eine größere Ablehnung der nach seiner Auffassung geradezu kriminellen deutschen Kolonialzeit, als selbstverständlich voraussetzt, als er sie bei seinen Befragungen bestätigt findet.

Historische Programme
 
Etwa ein Drittel seiner Diskussion befasst sich mit den Herero. Er ist erstaunt über die „unglaubliche Übereinstimmung in der Erinnerung der Herero, die sie sehr effektiv über das vergangene Jahrhundert überlieferten“. Wer die Ausgedehntheit des Landes und die extrem unterschiedlichen Schicksale der Herero 1904 bis 1908 in Betracht zieht und ihre Überlieferungen aus der Zeit kennt, bevor Hosea Kutako und Michael Scott sich vor mehr als 5o Jahren politisch einsetzten, der weiß, dass solche Einheitlichkeit oder Übereinstimmung erst danach entstand. In der Debatte um ihre Rechte waren es nicht nur Bücher, wie z.B. die von Goldblatt (1971), Pool (Opstand 1979), Drechsler (englisch 1980), Bridgeman (1981), Poewe (1986) und Lau (1989), die einflussreichen Herero sprachlich zugänglich waren, und das gemeinsame Gedächtnis prägten und bereicherten, sondern auch seit mehr als 20 Jahren die getreu und immer wieder gehörten historischen Programme von Radio Herero unter Leitung des genannten Herrn Kaputu. Insofern bringt die Broschüre so gut wie gar nichts Neues.

Der Hererokrieg ist offensichtlich nicht das Fachgebiet des Autors. Es würde zu weit führen, alle Hinweise darauf anzuführen. Ein solcher handelt von der betrügerischen deutschen Täuschungsstrategie mittels gebrochener Versprechen u.a. Gouverneur Leutweins, die zu einem „gut dokumentierten“ Massaker von Herero-Kirchgängern in Otjimbingue im Januar 1904 führte. Bei Recherche der eindrucksvollen Quellenangabe schrumpft das Massaker sehr schnell zu einem missverständlichen Brief mit Gerüchten aus dem 45 km entfernten Karibib.

Zweifelsohne wird die Broschüre in die Reihe der Werke des Zitierkartells aufgenommen müssen. Immerhin ist in ihr mehr als zwei Dutzend Mal von Gräultaten, Genozid und dergleichen Verbrechen die Rede. Ob sie freilich auch nur den geringsten Beitrag zur Versöhnung geschweige denn Wahrheitsfindung leistet, sei dahin gestellt. Im Ganzen gesehen ist wohl vielmehr das Gegenteil der Fall. Das wiederum werden gerade die Namibier einschließlich namhafter Herero bedauern, die sich schon mit Vergangenheitsbewältigung befassten, als diese noch nicht Mode war.
Von AZ
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