Allein in Windhoek strömen täglich bis zu 200 Zeitungsverkäufer in die Stadtmitte, Vororte und in die Gewerbeviertel aus. Sie sind entweder selbständig oder arbeiten teils durch Agenten, die ihnen die Zeitungen liefern. Hauptsächlich gehören sie heute einer der sieben oshivambo-sprechenden Gruppen an: den Ongandjera der Region Omusati.
Das Hauptgeschäft der Zeitungsverkäufer in Windhoek vollzieht sich im morgendlichen Berufsverkehr. Die meisten Verkäufer arbeiten nur zwei Stunden im Stoßverkehr an sorgfältig zugeteilten oder behaupteten Stellen. In der Zeit, beziehungsweise in rund 44 Stunden pro Monat, wenn man die fünf Wochen- und Erscheinungstage der Tagesblätter rechnet, verdient ein guter Zeitungsverkäufer bis zu N$ 6000 im Monat, derweil andere es an weniger günstigen Verkaufsstellen dennoch bis auf N$ 1500 im Monat schaffen. Viele Verkäufer kennen und bedienen ihre Stammkunden und richten sich in ihrem Sortiment aus den möglichen vier Tageszeitungen nach der Nachfrage. An manchen Routen führen die Verkäufer alle vier Tageszeitungen, an anderen Routen nur zwei.
Etliche Zeitungsverkäufer sind in den letzten Jahren zu Taxifahrern oder Taxibesitzern avanciert und kombinieren ihr neues Geschäft stets mit dem Zeitungsabsatz, indem sie Verkäufer und Zeitungen in die Stadtviertel befördern.
Nicht immer war der Zeitungsverkauf auf der Straße von einer Gruppe dominiert. Zur Zeit der Alten Werft von Windhoek, die sich innerhalb des Gehabstands von der Innenstadt befand, wo heute Hochland Park liegt, kamen Schüler nachmittags aus dem Viertel zu Fuß in die Stübelstraße, heute Werner List-Straße, um ihre Zeitungsbündel auf einer Route auszutragen. Dr. Kaire Mbuende, bis vor kurzem Vize-Außenminister und zuvor Generalsekretär der SADC (Staatengemeinschaft des Südlichen Afrika), heute auch Farmer, hatte eine der Routen zu bedienen. Nach der Schule, also am Nachmittag, ging er in den Vertrieb in die damalige Stübelstraße, wo die Blätter seinerzeit alle erst zu Mittag erschienen. Die Zeitungen waren in braunes mit Adressen bedrucktem Bindepapier gewickelt. Mbuendes Route fing bei dem Bottle Store Boysen & Wulff (heute Sanlam-Gebäude) an der damaligen Kaiserstraße an und verlief nordwärts bis zum damaligen Model Supermarket bei der John Meinertstraße, wo die frische AZ allen Kunden und Geschäften auslieferte, die sie per Abonnement schon bezahlt hatten. Die Kunden hatten die Zeitung in der Regel abonniert. In der Woche verdiente Mbuende drei SA Rand. "Das war mehr, als was andere nach Hause nahmen, die nur Gartenarbeit verrichteten," erinnert er sich. In den Jahren 1966 bis 1969, als er Zeitungen austrug, konnte man mit zwei Rand (N$ 2) den Benzintank eines Personenwagens füllen.
Vom Zeitungsverkäufer zum Staatssekretär hat sich auch Mocks Shivutes Laufbahn abgezeichnet. Er ist 1958 in Windhoek geboren. Mitte der siebziger Jahre verkaufte er die AZ, den Suidwes-Afrikaner und Windhoek Advertiser am früheren Golfplatz in der Nähe des Van Eck-Kraftwerks. Zusätzlich assistierte er den Golfern als "Caddy". Er trug ihre Ausrüstung über das Gelände. "Der Zeitungsverkauf hat mich auf den Journalistenberuf gebracht", teilt er der AZ mit. Er erlernte das Fach im Exil und wurde nach 1990 der erste Redakteur der gerade gegründeten Namibia Press Agency, Nampa. Später avancierte er zum Staatssekretär im
Informationsministerium und dient der Nationalen Planungskommission jetzt im gleichen Rang. Auch Dr. Fanuel Tjingaete, zuletzt Generalbuchprüfer, jetzt Farmer, wetteiferte als Zeitungsverkäufer.
In mehreren Fällen hat sich die legendäre Karriere vom Zeitungsboy zum gemachten Mann bewahrheitet. Das dürfte sich in Zukunft wiederholen.
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