20 Jahre lang Stoff für den Glossentopf - Resümee eines Dieners
Stachus grüßt die Alte Dame AZ und entbietet ihr aufrichtige und sehr herzliche Glückwünsche zum 90. Wiegenfest!
Stachus, Who? Dem namibischen Jungvolk bis etwa 40 wird der Name nichts (mehr) sagen, aber die Älteren wie Sam Nujoma und Dirk Mudge werden sich seiner noch mit mehr oder weniger gemischten Gefühlen erinnern. Stachus ist zwei Jahre jünger als die Alte Dame. Aber Damen werden ja älter als Männer. Der Herrgott schreibt ihnen die Zeit gut, die sie beim Haarewellen, Strähnen tönen und rückwärts Einparken vergeuden.
Also Stachus war ein, wie er meint, getreuer Diener der Alten Dame (als beide noch jünger waren) in der Zeit vom 13. Oktober 1958 bis 28. April 1978. Bewegte Zeiten! Die letzten beiden Apriltage wurden Stachus geschenkt, weil sie auf einen Samstag und einen Sonntag fielen, und die Alte Dame am Wochenende schon damals der Ruhe pflegte. Nicht zuletzt aus diesem Grunde hat Stachus nach schneller Einfühlung in die spezifischen Eigenheiten des damaligen Lebens in diesem Lande eine an jedem Freitag erscheinende Wochenendglosse eröffnet, die er bis zu seinem Abschied durchgehalten hat, obwohl er von kompetenter Seite gewarnt worden war, dass es im damaligen Südwest nicht genug Stoff für eine Wochenglosse geben würde. Nun, es gab.
Teer bis Brakwater
Damals begannen ja die ersten schüchternen Entwicklungsbemühungen im Lande zwecks Anschlusses an die ferne Moderne. Die Kaiserstraße in Windhoek war bereits "geteert". Die berühmten Veilchenwagen fuhren nicht mehr durch die Hauptstraße, und auch im Lande hatte die Befestigung der Sandstraßen mit der "Teerung" der ersten Strecke von der Hauptstadt bis nach Brakwater (!) begonnen. Man beachte die Entfernung.
Jetzt heißt die alte Kaiserstraße Independence Avenue, aber wir nannten sie damals Storestraße. Der Kaiser blieb jedoch eine Größe im Lande. Die Farmer schauten häufig mit Bangen auf Kaisers Geburtstag am 27. Januar. Wenn der begehrte Regen an diesem Tage eingesetzt habe, so hieß es, könnten Rinder, Schafe und Farmer noch hoffen. Ansonsten stünde es bitter um die kostbare Weide. Schlechte Aussichten, die oft genug wahr wurden.
Das Ansehen des Kaisers wurde in jüngster Zeit wieder belebt, und zwar am 28. Mai 2006 in Gestalt jenes berühmten Kaiserschnitts, der die kleine Shiloh Nouvel als Töchterchen von Angelina Jolie (30) und Bratt Pitt (42) der Küstenluft Namibias aussetzte. Diese bewegende Nachricht ging um Welt und Halbwelt, und das erste Foto des Ergebnisses des historischen Kaiserschnittes soll dem Künstler 3,8 Millionen (echte) Dollar eingebracht haben. Toll!
Spärliche Ereignisse
Stachus, der aus Jerryland eingewandert war, musste und wollte natürlich das Riesenland mit vergleichsweise wenigen Menschen kennen lernen. Um den gewaltigen Schlaglöchern auf den Sandstraßen, den Sand- und Staubwolken, den Steinschlägen und den Aufenthalten an abkommenden Rivieren zu entgehen, entdeckte er für sich das beste damalige Verkehrsmittel im Lande: das Flugzeug. Fliegen konnte er, und der Erwerb der hiesigen Fluglizenz war ein Kinderspiel. Kleine vier- oder sechssitzige Flugzeuge konnte man leicht mieten, denn schon andere hatten vor Stachus die Segnungen des Fliegens in diesem Lande entdeckt. Eine Flugstunde (Start-, Landegebühren, Benzin, Öl, Wartung eingeschlossen) kostete damals 20 (zwanzig) Rand. Oft lud Stachus je einen Kollegen von den anderen drei Zeitungen in Windhoek ("Advertiser", "Suidwester" und "Suidwes-Afrikaner") in "seine" Navion, Piper oder Cessna ein und man flog gemeinsam zu den damaligen Brennpunkten der noch spärlichen Ereignisse. Man teilte sich die Kosten, und so konnte man von dem damaligen "Großflughafen" der Hauptstadt, Eros, nach Swakopmund und zurück für 12 Rand pro Nase fliegen. Mit der Ölkrise im Jahr 1972 endete dann die gute (Flug-)Zeit. Schade.
Dank der Weitsicht Äthiopiens und Liberias, den einzigen afrikanischen UNO-Mitgliedern, die noch dem alten Völkerbund angehört hatten, begann 1960 im holländischen Den Haag vor dem Internationalen Gerichtshof der Prozess gegen die Mandatsmacht Südafrika zwecks Widerrufs des Völkerbundmandats. Die Mühlen der Gerichte mahlen langsam.
Beachtete Randlage
Doch das war gleichzeitig der Startschuss zu einer bis dato unerhörten Entwicklung in der ehemaligen deutschen Kolonie, die von den Einwohnern staunend und ungläubig zur Kenntnis genommen wurde. Typisch! International geriet das abseits gelegene, noch fast unbeachtete Mandat plötzlich wenn auch nicht in den Mittelpunkt, so doch in eine beachtete Randlage der Weltpolitik. Die in Windhoek damals vertretenen internationalen Fluggesellschaften SAA, Trek Airways (Kalli Zimmer), Lufthansa, Sabena (Wilfried Möller) geizten nicht (immer) mit Freiflügen und brachten die hiesigen Journalisten auch an weit entfernte Orte, die für Land und Leser dank internationaler Verwicklungen von Bedeutung waren. Danke!
So flog Stachus im Juli 1963 zur Victoria-Falls-Konferenz, bei der die Föderation von Rhodesien und Njassaland geteilt wurde, indem Nordrhodesien als Sambia die Unabhängigkeit erhielt. Er traf dort u.a. auf Kenneth Kaunda und Oppositionsführer Harry Nkumbula, der auch gern Whisky trank. Anschließend flog Stachus nach Addis Abeba, der Stadt, die 13 Monate Sonnenschein im Jahr für sich beansprucht. Dort wurde kurz vorher, am 31. Mai, die OAU (Organisation für Afrikanische Einheit) gegründet. Die Stadt hatte dazu sogar ein modernes Hotel erhalten, und Kaiser Haile Selassie wurde am 23. Juli gerade 70 Jahre alt. Laut Biografie war es bereits der 71. Geburtstag des Negus. Stachus gratulierte ihm im Namen der guten AZ zu dem Ereignis, musste aber auf eine Teilnahme an der Geburtstagsparty verzichten, da dieselbe ausfiel. Der Lieblingsneffe des Kaisers war am Vortage mit einem Porsche auf einer nicht für solche Fahrzeuge geeigneten Straße des Landes tödlich verunglückt. Schade!
Dankbar unterwürfig
Am Morgen nach dem Geburtstag war vor dem Tor der Gärten des Kaisers eine Kompanie Sträflinge angetreten, die der Kaiser begnadigte, und anschließend glücklich und fröhlich abgetreten. Leider regnete es an diesem Tag völlig unvorschriftsmäßig, und die männlichen Bewohner der Hauptstadt warfen sich beim Vorbeifahren der kaiserlichen Limousine in dankbarer Unterwürfigkeit in den schnell entstandenen Schlamm. 21 Ärzte gab es damals in Äthiopien, 18 von ihnen lebten in Addis Abeba. Gesundheit!
Von Addis flog Stachus nach Nairobi und anschließend Daressalam. Tansania gab es damals noch nicht, denn der wunderschönen Insel Sansibar, die Stachus auch besuchte, stand das Blutbaden der Araber erst einen Monat später bevor. Stachus hofft, dass die Wiedergutmachungsverhandlungen mittlerweile erfolgreich (für wen?) abgeschlossen sind. In Daressalam herrschte damals schon einer der beiden Barden der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, Julius Nyerere. Und zwar lange noch!
Von Dar flog Stachus nach Salisbury (heute Harare), wo er ein Interview mit dem Präsidenten der Restföderation von Südrhodesien und Nyassaland hatte, dem ehemaligen Lokomotivführer Sir Roy Welensky, das ihm noch von dem berühmten Windhoeker Geschäftsmann Sam Cohen vermittelt worden war. Interessant!
Solche und viele ähnliche Reisen, vor allem zu den Vereinten Nationen in New York, unternahm Stachus im Laufe seiner Dienerjahre bei der Alten Dame, um dem Niveau der "bräsig bildungsbürgerlichen Provinzpostille" zu genügen. Hierbei traf er sich auch u.a. mit Mburumba Kerina und Jariretundu Kozonguizi. Clevere Leute!
Sarg fliegt mit
Die Unabhängigkeitsbestrebungen in Afrika schritten unaufhaltsam fort, und so interessierte sich Stachus auch für die entsprechenden Bemühungen im eigenen Lande, was nicht ohne Folgen blieb. 1965 wurde ihm in Pretoria eröffnet, dass er vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Zeuge für Südafrika auftreten soll. Thema: Die politischen Organisationen der Nichtweißen (wie sie damals hießen). Es war bekannt geworden, dass Stachus eine Sammlung von entsprechenden Schriftstücken angelegt hatte, allerdings für seine Herrin, nicht für sich oder ein Gericht. Ein Problem! Stachus zögerte, die Alte Dame auch! Doch schließlich reiste Stachus am 21. September 1965 von Windhoek, das die neuen Boeing-Jets noch nicht anfliegen konnten, über Johannesburg nach London und Amsterdam. In Eros wurde in Stachus' Flugzeug ein Sarg geladen. Zweifelhaftes Vorzeichen!
In Den Haag traf er auf die südafrikanische Verteidigung unter Pik Botha. Und dann begann das Warten auf das Verhör. Schließlich, Mitte Oktober, war es soweit. Zunächst kam die vorbereitete Zeugenaussage mit Advokat van Rooyen (seine Tochter wurde später als Sängerin berühmt), dem drei Tage Kreuzverhör unter dem amerikanischen Advokaten Gros folgten. Dann durfte Stachus wieder nach Hause fliegen. Gestresst!
Sam Nujoma nannte Stachus' Zeugenaussage später zwar "rubbish", aber inzwischen hat sich herausgestellt, dass sie noch heute einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält. Danke!
Hin- und hergeturnt
Der Internationale Gerichtshof entschied das Verfahren am 16. Juli 1966 in Stachus' Gegenwart mit der entscheidenden Stimme des australischen Gerichtspräsidenten zugunsten Südafrikas. Die UNO-Generalversammlung wies das Urteil mit Mehrheit zurück und hob das Mandat auf. Der südafrikanische Ministerpräsident Verwoerd war gerade ermordet worden und das Land wurde zwischen halber Unselbständigkeit und Annexion verschaukelt. Auf und ab!
Die UNO-Generalversammlung entschied, dass Südafrikas Anwesenheit im Lande illegal sei, und das Jahrzehnt mit der bösen Sieben am Anfang begann. Die Benzinpreise stiegen, der Rand fiel. Südwestafrika bekam den international offiziellen Namen Namibia, was Fluten von Leserbriefen auslöste. Die Turnhalle turnte in Windhoek hin und her, aber ein richtiger Aufschwung, es sei denn zur größten Oppositionspartei, ist ihr nie gelungen.
Die Deutschen "leikten" Turnhallen-Boss Mudge damals much more. Angolaner zogen mit Sack und Pack gen Süden und manchen "Südwester" zog es gen Norden, aber weit über Angola hinaus. Kubaner und Südafrikaner trafen sich scharmützelnd in Angola. Die SWAPO intensivierte ihre unfreundlichen Besuche im Norden unseres Landes. Der südafrikanische Verteidigungsminister P.W. (Pieter Willem) Botha (Die groot Krokodil), beschlagnahmte eine Ausgabe der AZ, verlor aber den sich daraus ergebenden Prozess vor dem Obergericht in Windhoek unter Vorsitz von Oberrichter Badenhorst und musste die Kosten übernehmen. Und das war auch gut so!
Welt dreht sich anders rum
Für die Windhoeker Medien hatte sich die Welt plötzlich verändert. Sie drehte sich nun anders herum. Mussten die Damen und Herren Journalisten bisher Nachrichten mühsam suchen, so wurden sie nun selbst zur Begier der Neugier von allerlei hochrangigen internationalen Persönlichkeiten, die das Verfassungsturnen in der Turnhalle erforschen wollten. Die Stübel-(heute Werner-List-)Straße mit ihren drei Zeitungen wurde über Nacht fast so berühmt wie die Londoner Fleetstreet. Paradox!
Obwohl in seinem 88 Jahre alten Gehirn langsam die Nebel steigen, kann sich Stachus noch an Gespräche erinnern mit Gräfin Dönhoff, Franz-Josef Strauß, Peter Scholl-Latour, McHenry, Verheugen, Dr. Escher, UNO-Generalsekretär Waldheim. Viele andere prominente Namen sind bereits in seinen Vergessensspeicher gefallen. Öfters entlasteten diese Info-Sitzungen auch die eigene Haushaltskasse durch ein Frühstück im Kalahari Sands oder ein Mittagessen im La Cave, Fürsten- oder Thüringerhof. War ziemlich hektisch!
Mehr Kohle
Rechtzeitig zum historischen Info-Skandal 1978 in Südafrika wurde ein Band zwischen der Dame AZ und einem neuen Liebhaber, einem echten, rechten Importierten, geschmiedet. Midlife crisis oder Johannestrieb? Stachus bemühte sich zwar auch um die Hand der ihm so lieben und ans Herz gewachsenen Dame AZ. Aber der Neue hatte mehr Kohle und kaufte gleichzeitig die Druckerei und die Immobilien. Und wir wissen ja, wie Frauen (und auch Männer) reagieren. Der neue "Stiefvater" mochte Stachus nicht, und so wurde derselbe von seinen Dienerpflichten entbunden. Stachus suchte und fand sein Glück nach verschiedenen erfolglosen Versuchen im namibischen Raum nun in Johannesburg, bis ihn ein böser Krebs nach Baden-Baden verschleppte. Null Problem, aber ärgerlich!
Jetzt könnte Stachus einen Diener machen und sich gewissermaßen im Krebsgang und nach allen Seiten freundlich grüßend aus der Gratulationscour zurückziehen. Aber, wenn Sie gestatten, möchte Stachus noch der Frischzellenkur, der sich die nun schon mittelalterliche Dame AZ nach seinem Abgang unterzog, einige Worte widmen. Die Patientin überlebte!
Trek Airways' Superconny musste früher auf der Westroute nach Europa samt Passagieren in Eros/Windhoek bis zu sieben Tagen auf ein Abflauen des Südwindes warten, denn bei Südwind konnte das viermotorige Flugzeug nicht gegen die Auasberge starten. Aber es dauerte damals immer eine Woche, bis der letzte AZ-Abonnent im Lande seine inzwischen leicht antiquierte Tageszeitung erhielt. Wie haben sich die Verhältnisse verändert! Heute liest Stachus die neueste AZ-Ausgabe am gleichen Tage in Baden-Baden über das Internet (Anschrift: Allgemeine Zeitung Namibia - Nachrichten mit Charakter). Unglaublich!
Bleikocher aufheizen
Früher mussten die Setzer von John Meinert etwa 20 Minuten vor der Arbeitszeit an ihren Linotypes erscheinen, um den Bleikocher aufzuheizen, dann Texte setzen. Die Metteure mussten beim Umbruch schwere "Schiffe" schleppen, die Seiten umbrechen, abziehen und für die Rotation vorbereiten usw. usf. Dann fiel das Blei weg, und in der Setzerei wurde auf einer Leuchtfläche "gestrippt". Keine falschen Vorstellungen! Die (Zeitungs-)Spalten wurden lediglich zurechtgestutzt, heute geht - fast - alles auf Knopfdruck. Jede Seite wird auf dem Computerschirm zusammengebaut. Wahnsinnig!
Nun sollte niemand glauben, dass Stachus nur in der Welt herumgeflogen sei, um seine müden Wochenglossen zu schreiben. Bei jeder Reise für andere redaktionelle Zwecke fielen meist fette, seltener magere Brocken in den Glossentopf. Guten Appetit!
Fremd gegangen
Die Alte Dame war - meist - recht großzügig. Stachus durfte auch fremdgehen. So durfte er beispielsweise am Windhoeker Karneval teilnehmen und wurde 1960 sogar beim 8. WIKA "Prinz Stachus der Allgemeine". Er bemühte sich allerdings auch, seinen häuslichen Pflichten zu genügen. 1960 führte Stachus auch das Windhoeker Oktoberfest ein, das sich langjähriger Beliebtheit erfreute. Gsuffa! Und so vermischte sich seriös Dienstliches mit heiteren Randbemerkungen in der Glosse.
Zum Schluss, liebe Leserinnen und Leser, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Herrinnen und Herren, liebe Kinderinnen und Kinder, liebe Feministinnen und Feministen, schließlich: Menschinnen und Menschen (typisch neudeutsch!), möchte Stachus der Alten Dame, die zu seiner Zeit stets gut beraten wurde vom Bruderbund der Brüder Meinert und der Brüder Voigts, danken für die gute und meist großzügige Führung ihrer Diener durch manchmal raue Gewässer. Gut gemacht!
Der Alten Dame, ihrem neuen Liebhaber und dessen Nachfolger, ihren Dienern, Begleitern und Beratern mögen noch viele Jahre erfolgreichen Schaffens beschieden sein!
Er grüßt die Alte Dame samt ihren neuen Dienern und allen, die diese Zeilen lesen, aus dem schönen, aber fernen Baden-Baden herzlich
Ihr Stachus (Kurt Dahlmann)
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