Betr.: Replik zur Artikelserie von Andreas Vogt: „Status und Zukunft des Reiterdenkmals - eine Denkschrift, Teil 1-3“ (AZ, 18.-20. Juni 2008)
Die geplante Versetzung des Windhoeker Reiterdenkmals bleibt erwartungsgemäß nicht ohne Reaktionen unter der Namibia-Deutschen, wozu auch die in der AZ erschienene „Denkschrift“ von Andreas Vogt gehört. Ob man nun die Umsetzung des „Reiters“ ablehnt, befürwortet oder notgedrungen hinnimmt, Fakt ist wohl, dass sie nicht mehr verhindert werden kann. Widerspruch muss allerdings gegen viele der von Vogt gemachten denkmal- und kolonialgeschichtlichen Aussagen eingelegt werden.
Der Autor erweckt den Eindruck – geleitet von seinem Anliegen, für den Erhalt des Monuments an seinem jetzigen Standort zu werben –, das Reiterdenkmal sei im Jahr 1912 von den deutschen Kolonialherren lediglich als ein – unpolitisches – Gefallenenmal errichtet worden. Das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich war die Trauer über die während des Kolonialkrieges von 1904-1908 umgekommenen (weißen) Soldaten und Zivilisten der Anlass für die Stiftung des Monuments. Jedoch errichteten die Deutschen mit dem Reiterdenkmal eben nicht nur ein Totenmal, sondern ein unzweideutiges Siegessymbol.
Gouverneur hat Klartext geredet
Mit seiner raumbeherrschenden und auftrumpfenden Ikonographie fungierte es in erster Linie als ein Herrschaftsmonument, durch das der eroberte „koloniale Raum“ symbolisch besetzt wurde. Mit ihm wurde der politische Macht- und Besitzanspruch des Deutschen Reiches über die Kolonie demonstriert. Denn wie die Geschichte gezeigt hat, konnten sich stets nur diejenigen das Recht herausnehmen, Denkmäler zu errichten, die auch die Verfügungsgewalt über den öffentlichen Raum innehatten. Gouverneur Theodor Seitz hatte sich in seiner Rede zur Einweihung des Windhoeker Reiterdenkmals im Januar 1912 denn auch nicht gescheut, Klartext zu reden: „Der eherne Reiter der Schutztruppe, der von dieser Stelle aus in das Land blickt, verkündet der Welt, daß wir hier die Herren sind und bleiben werden.“
Der brutale Kolonialkrieg gegen die indigene Bevölkerung wurde in dem heroisch posierenden „Schutztruppler“ als helden- und vermeintlich ehrenhafter Verteidigungskampf glorifiziert. In diesem Sinne folgerichtig hatte man auch nicht die bronzene Assistenzfigur eines trauernden Schutztruppensoldaten am Sockel des Monumentes realisiert, deren Entfernung die Juroren bei dem vorangegangenen Bildhauerwettbewerb gefordert hatten. Durch ein solches Trauermotiv hätten die auf der Inschriftentafel aufgeführten Toten eine viel zu starke Betonung erfahren. Vor allem aber wäre eine solche Figur dem angestrebten triumphalen Charakter des Denkmals abträglich gewesen.
Machtanspruch in der Gegenwart
Durch die Aufstellung im Zentrum der Hauptstadt Windhoek erhielt die Reiterstatue zudem die Funktion eines quasi offiziellen Hoheitszeichens und repräsentierte damit den deutschen Machtanspruch in der Gegenwart. Es intendierte mit dem Ewigkeitsanspruch des Denkmals, die Vorherrschaft und das Überlegenheitsbewusstsein der Weißen in die Zukunft zu tradieren. Der Typus des Reiterdenkmals schien den Denkmalstiftern für diese Aufgabe allein geeignet. Vordergründig wurde mit einem solchen Reiterstandbild an die berittene Schutztruppe erinnert. Unausgesprochen blieb dabei, dass damit an die bis in die Antike zurückreichende imperiale Bildtradition des Reiterdenkmals angeknüpft wurde, das in seiner Geschichte durchweg Herrschaftspräsentation gewesen ist. Der repressive Charakter der importierten europäischen Gedenkkultur als Instrument von kultureller Fremdbestimmung und sozialer Unterdrückung ging unweigerlich mit der Verdrängung der Geschichte und Kultur der kolonisierten Völker einher. Dies zu der Frage, ob es sich „nur“ um ein Totenmal handelt.
Zur lückenhaften Darstellung der Geschichte des Reiterdenkmals passt die von Vogt angeführte Literaturliste. Sie enthält keinen einzigen Titel der neueren Forschungsliteratur. Er hat lediglich eine Auswahl von in Namibia erschienenen Buchtitel genannt – und man ahnt warum: Internationale Publikationen mit einer (ideologie-)kritischen Analyse der namibischen Memorialkultur hätten seine doch recht selbstgefällige Darstellung nur gestört.
Ebenso auf dünnem Eis bewegt sich Vogt, wenn er Verständnis dafür äußert, dass „Standbilder von Despoten wie Frankreichs Ludwig XIV. oder von Diktatoren wie Stalin oder Hitler gestürzt werden. Diese verachteten die Völker, die sie gleichzeitig unterdrückten.“ Was war, so wird man fragen dürfen, die koloniale Fremdherrschaft in Namibia (und in den anderen ehemaligen Kolonien) anderes als ein despotisches, ausbeuterisches Regime? Dass diese Entwicklung seinerzeit auch mit gewissen Modernisierungseffekten einherging, soll darüber nicht verschwiegen werden. Und wenn Vogt die Aufsehen erregende Aktion der Herero am Reiterdenkmal aus dem Jahr 1959 erwähnt – in der eine durchaus respektvolle Haltung zum Ausdruck kam –, so verschweigt er geflissentlich, dass es spätestens ab Ende der 1970er Jahre von vielen Seiten auch eine dezidiert kritische Rezeption gegeben hat. Dieser antikolonialistisch motivierte Umgang mit dem Denkmal zeigte, wie sehr das Reiterdenkmal seine Funktion als verpflichtende Symbolfigur wenn nicht gänzlich verloren, so doch eingebüßt hatte.
SWAPO entscheidet im Alleingang
Uneingeschränkt zuzustimmen ist dem Autor hingegen, wenn er auf die grausliche Architektur hinweist, die demnächst an Stelle des Reiterdenkmals zu erwarten sein wird. Das dem namibischen Befreiungskampf gewidmete Museum, das am gegenwärtigen Standort des Reiterdenkmals entstehen soll, wird wahrscheinlich wieder einer dieser Monstrositäten „made in (Nord-)Korea“ sein, wie wir dies etwa beim „Heldenacker“ erleben mussten. Völlig illusorisch wäre es, die Ausschreibung eines internationalen Architekturwettbewerbes zu fordern, vielmehr wird die autokratisch regierende SWAPO-Regierung diese Angelegenheit wie schon zuvor im Alleingang entscheiden. Völlig daneben liegt Vogt wiederum mit seinem Hinweis, die Vorläufer derartiger architektonischer und skulpturaler Geschmacklosigkeiten seien nur „in totalitären Staaten zu finden“. Er scheint nicht den Monumentalkitsch zu kennen, den man zum Beispiel auf dem Nationalfriedhof von Arlington in Washington D.C./USA finden kann, der diesen ästhetischen Entgleisungen in nichts nachsteht. Unverständlich und unsensibel ist übrigens die Bemerkung von Vogt, wenn er das in Windhoek geplante Befreiungsmuseum als ein „groteskes ‚Museum’“ abtut. An sich ist eine solche Erinnerungsstätte zu befürworten, wenn auch zu befürchten ist, dass das neue Museum vor allem eine Manifestation des SWAPO-Geschichtsbildes werden wird.
Wie auch immer, das Reiterdenkmal zu einer sakrosankten „Gedenkstätte mit sakralem Status“ erklären zu wollen, um das Ungemach von ihm abzuhalten, reicht nicht hin. Man kann, an die Pietät appellierend, den hochgradig politischen Charakter dieses Denkmals nicht vergessen machen. In der öffentlichen Debatte, die es nun hoffentlich in Namibia geben wird, kann dies jedenfalls nicht unter den Tisch gekehrt werden. Eine ganz andere Frage drängt sich schließlich noch auf: Was soll mit dem Reiterdenkmal nach seiner Versetzung geschehen? Die einen wollen eine „angemessene Weihestätte“ für die Kranzablage daraus machen. Was ist, wenn andere den Wunsch haben, das Denkmal – mit einer entsprechenden künstlerischen Umgestaltung – in ein Mahnmal zu verwandeln, das zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anregen soll? Versuche in diese Richtung hat es ja durchaus gegeben.
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