
In Kiddos Namibia-Bildern gehört dem Himmel die obere Hälfte – sein „Miniaturstil“ ist inzwischen auch in Deutschland bekannt.
Die meisten der dort ausgestellten Werke werden Ölgemälde aus Namibia sein. Für seine Art zu malen, den „Miniaturstil“, ist er inzwischen auch in Deutschland bekannt. Wenn er ein Motiv entdeckt, kann er sich nie entscheiden, was er weglassen soll, sagt Kiddo, also malt er alles, nur eben in Klein. Ob die Bilder, die während seines letzten Berlinaufenthalts von Mai bis Juli 2011 entstanden sind, allerdings noch rechtzeitig vor Ausstellungsbeginn ankommen, ist fraglich. Die 22 Zeichnungen vom Leben in den hektischen Straßen der großen Stadt befinden sich entweder noch auf deutschem Boden oder sie liegen bereits im Frachtraum eines Flugzeugs und schweben irgendwo am Himmel.
Für den namibischen Maler Paul Kiddo ist der Himmel wichtig. Bei den meisten Bildern gehört ihm die obere Hälfte. Die Untere ist grasgrün oder erdbraun mit weidenden Rindern oder feingliedrigen Springböcken, die aufmerksam über das Land blicken. Kiddo wurde 1949 in Bethanien, im Südwesten Namibias, geboren. Er verbrachte seine Kindheit zum größten Teil bei seinen Großeltern, die ein traditionelles ländliches Leben führten. Kiddo hatte nie Kunstunterricht, auch nicht während seiner Schulzeit. In den 80er Jahren kam er eher zufällig zum künstlerischen Malen: Weil bei seiner Arbeit als Maler im Baugewerbe Farbreste übrig geblieben waren, zeichnete er Wasserfälle, grüne Baumgruppen und Berglandschaften auf flache Steine. Zum Trocknen stellte er diese vor seinem Haus auf. Die Leute, die jeden Morgen an der Bushaltestelle nebenan warteten, wurden schnell auf seine Zeichnungen aufmerksam. Sie ermutigten ihn, weiterzumachen und seine Werke zum Verkauf anzubieten.

Die Wiedersehensfreude bei Kiddos Ankunft am Flughafen in Windhoek ist riesig. Nach zwei Monaten Berlin konnte der Maler wieder seine Familie in die Arme schließen.
Der Künstler hat Namibia bis jetzt erst zweimal verlassen. 2010 und 2011 war er für einen beziehungsweise zwei Monate in Berlin. Die Organisation „p.art.ners“, die aus der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Windhoek hervorgegangen ist, hatte Kiddo gemeinsam mit anderen namibischen Künstlern wie Joba Jonathan, Abniel Enkali, Lionel Pieterson und Elia Shiwoohamba den Aufenthalt in Berlin ermöglicht. Fünf Jahre lang hatte das länderübergreifende Künstleraustauschprogramm „shared experience“ die Zusammenarbeit von namibischen und Berliner Künstlern gefördert und Kontakte zwischen Künstlern und Galerien geknüpft. Die Grafik-Studio-Galerie in Berlin-Friedrichshain hat Kiddos Gemälde in ihr Ausstellungsprogramm aufgenommen. Dieses Jahr läuft „shared experience“ aus, da es nur für fünf Jahre geplant gewesen ist.
Paul Kiddo sitzt unter freiem Himmel im Café des FNCC. Er hoffe auf weitere Reisen in Länder auf dem europäischen Kontinent, sagt er. Nach England möchte er gerne einmal und nach Frankreich. „Nach Deutschland würde ich immer wieder gehen“, sagt er und um seine Augen bilden sich viele kleine Lachfältchen, „nur nicht im Winter, da ist es viel zu dunkel und zu kalt“. An frostigen Berliner Maitagen habe er drei Pullis und zwei lange Hosen getragen, die dritte habe nicht mehr darüber gepasst. Vielleicht kann der 62-jährige Großvater von drei Enkeln irgendwann seinen Bildern in die Welt folgen. 180 seiner Gemälde sind in 134 Ländern verteilt, viele in England, Amerika, Skandinavien die meisten in Deutschland. Es sind hauptsächlich deutsche Touristen, die in der Galerie „Frames for Africa“ im Einkaufszentrum in Eros oder bei Ausstellungen auf Kiddos Bilder aufmerksam werden. Seit 1992 stellt der Künstler seine Werke regelmäßig in Swakopmund und Windhoek aus. Zweimal gewann er den Zeichenwettbewerb beim „Arts and Culture Festival“. Inzwischen könne er von der Malerei leben, sagt Kiddo, doch der Anfang sei schwer gewesen. „Ich rate den jungen Künstlern in Namibia, mutiger zu werden“, erzählt Kiddo, „sie sollen ihre Werke den Menschen zeigen und auf sich aufmerksam machen“.
Auch in Berlin sei die Kunstszene ein hartes Pflaster, aber sie spiele sich auf der Straße ab. „Die Menschen treffen sich im Park oder an einer Straßenecke und machen Musik oder malen zusammen“, erzählt er. Es kämen so viele verschiedene Kulturen, Techniken und Stile in der deutschen Hauptstadt zusammen, dass man als Künstler nur zu seinem Nachbarn blicken müsse, um etwas Neues zu lernen. Während seines letzten Aufenthalts hatte Kiddo eine Wohnung im Wedding. Dort hat er alles gemacht: geschlafen, geduscht, gekocht, gemalt. In seiner Wellblechhütte in der Ageikasstraße in Katutura ist das jetzt genauso. Nur wenn er vor die Tür geht, dann ist alles anders. „In Berlin ist das Leben sehr schnell“, sagt der Künstler, „viel schneller als hier bei uns“. Einiges habe er erst lernen müssen. Zum Beispiel, dass die Berliner U-Bahn nicht nur schnell, sondern auch leise ist. „Einmal war das sehr gefährlich, weil ich viel zu nah an den Gleisen stand“, erzählt er. Passanten hätten ihn schnell weggezogen.

Viele Menschen in Berlin hielten ihn für einen amerikanischen Filmstar: „Was, im Ernst?“, war die Reaktion, wenn Kiddo erzählte, wo er wirklich herkam.
Die Bilder, die Kiddo während seiner Zeit in Berlin gemalt hat, zeigen das geschäftige Treiben in der Hauptstadt: Menschen laufen, sitzen, stehen, schlafen, fahren durch die Straßen. Punks mit bunten Haaren und Bierflaschen in den Händen, ältere Männer mit Gehstock und jüngere auf dem Fahrrad. Im Hintergrund erheben sich mächtige Gebäude mit Erkern, hohen Fenstern und Stuck. Die Graffitis an den Wänden bezeugen „Paul war hier“ oder fordern „Junge Menschen versammelt euch“.
Die Gebäude in Kiddos Berlin-Portraits sind so hoch, dass sie den Himmel zu verdrängen scheinen. Der wolkenblaue Teil ist auf ein paar Zentimeter zusammengeschrumpft. Ob er sich denn vorstellen könnte, dort zu leben? Der Künstler überlegt kurz, dann schaut er über sich in das wolkenlose Blau und schüttelt den Kopf. „Der Himmel hat dort zu wenig Platz“, sagt er.
Julia Kohl