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Regen in Namibia

 

Vom 18.02.2011

Wenn Fantasie Historie greifbar macht

Schriftsteller Bernhard Jaumann wurde mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet

Bernhard Jaumann lebt seit fünf Jahren in Windhoek. Bei einem Spaziergang durch Ludwigsdorf fällt ihm die Anton Lubowski Straße auf. Wer war dieser Mann? Auf der Suche nach einer Antwort lernt der deutsche Autor die Geschichte von Anton Lubowski kennen. „Die Geschehnisse haben mich gepackt und nicht mehr los gelassen", sagt Jaumann, der das ungelöste Verbrechen an Anton Lubowski in seinem Kriminalroman „Die Stunde des Schakals" mit einer fiktiven Geschichte der Gegenwart verbindet, um die Historie greifbar zu machen. Ein einsamer Killer zieht durch Namibia und bringt einen nach den anderen der Tatverdächtigen um. Für sein gelungenes Zusammenspiel in seinem namibischen Roman zwischen Historie und Fiktion wurde Bernhard Jaumann mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

© AZ
In seinem Krimi „Die Stunde des Schakals" verbindet Bernhard Jaumann Fiktion mit einem historischen Ereignis.
Die zügellose See, die schroffen Berge, die einsamen Wüsten, die atemberaubende Tierwelt und die historischen Kolonialstädte. Die Schönheit und Weite Namibias lässt schnell vergessen, dass die Unabhängigkeit erkämpft werden musste, auch mit Gewehren, weil die weißen Besatzer der Rassistenarmee des früheren Südafrika sich über Jahrzehnte geweigert haben, die Resolutionen der UNO zu achten. Anton Lubowski hatte eine Revolution nicht nötig, denn er kam aus gutsituierten, bürgerlichen Verhältnissen und gehörte zu der privilegierten, weißen Oberschicht, doch er hegte Sympathien für die politisch entrechteten schwarzen Mehrheiten Namibias und Südafrikas und bekennt sich 1984 als erster Weißer zu einer Mitgliedschaft in der militanten sozialistischen Befreiungsbewegung Swapo. Lubowski wird Anwalt der Freiheitskämpfer, verteidigt, berät und ist ein sichtbarer Beweis dafür, dass nicht alle Weißen das Apartheid-System unterstützen.
Nur wenige Monate vor der Befreiung Namibias wird Anton Lubowski erschossen, bis heute gab es nie einen Prozess, der Mord ist gerichtlich bis heute nicht aufgeklärt, die Tat nicht gesühnt. Warum? Mögliche Täter sind schnell bekannt. Mitglieder des südafrikanischen Geheimdienstes CCB. „Es gibt bis zu 20 Theorien über den Mord an Lubowski", erklärt Jaumann, der während seiner Recherchen auf falsch gestreute Informationen, schlampige Ermittlungen und jede Menge verschlossener Türen gestoßen ist.
Die Mauer des Schweigens wackelt auch nach über 20 Jahren nicht. „Viele Freunde und Bekannte haben mir geraten, die Finger von der Geschichte zu lassen, weil sie einfach zu heiß ist. Aber die Geschichte interessiert mich, ich kann mich damit identifizieren und der Fall bietet beste Voraussetzungen für einen Krimi", sagt der 54.Jährige.
Doch die Reaktion vieler Beteiligter sei positiv, ergänzt der Autor. Die Witwe und der älteste Sohn von Anton Lubowski suchen auch weiterhin nach der Wahrheit. Bernhard Jaumann nennt die wirklichen Namen der Tatverdächtigen und schließt seinen Roman mit der Aufforderung ab: „Falls irgendwer meine erzählerische Vergegenwärtigung dessen, was geschehen ist, als untragbar ansieht, steht ihm der Gerichtsweg offen. Vielleicht kommt es dann zu einem Prozess, der endlich Licht in die Sache bringt."
Zwar glaubt Bernhard Jaumann auf Grund seines Kriminalromans nicht an eine Aufklärung des Verbrechens, „ aber solange eine geringe Chance darin besteht, dass es weiter Hinweise gibt, hat es etwas gebracht. Ich bin sehr an einer Aufklärung interessiert", erklärt Jaumann, der seit fünf Jahren mit seiner Frau Barbara in Windhoek lebt und durch seine Trilogie um das italienische Bergdorf Monte Secco berühmt wurde.
„Als wir nach Namibia gegangen sind, stand für mich gleich fest, dass ich etwas über das Land schreiben werde", erinnert sich Jaumann, der aber erst zweieinhalb Jahre später mit seinem ersten Krimi „Geiers Mahlzeit", der in Namibia spielt, beginnen konnte. „Ich war froh über die Eingewöhnungsphase, denn ich musste in Windhoek zunächst meinen letzten italienischen Roman beenden."
Doch alle Geschichten haben etwas gemein. Sie sind meist blutig und beschäftigen sich mit den Abgründen des menschlichen Daseins. Kriminalromane versprechen wie Fahrten in einer Achterbahn vorrübergehende Angst und Unsicherheit. „Der Kontrollverlust in einer Achterbahn ist ja grundsätzlich kein angenehmes Gefühl, aber da man genau weiß, dass die Fahrt nach wenigen Minuten vorbei ist, genießt man dieses Gefühl als eine Art Kick", sagt Bernhard Jaumann und versucht eine Begründung für die Beleibtheit von Kriminalromanen zu finden.
Erstaunlich sei, dass sich vor allem in hoch entwickelten und reichen Gesellschaften wie den Ländern der Europäischen Union Krimis seit Jahren sehr hoher Beliebtheit erfreuen, sagt Jaumann. „Dieses Phänomen würde ich damit erklären, dass Menschen aus solchen Gesellschaften sehr sicher und behütet leben. Verbrechen scheinen weit entfernt, das Leben ist sicher und man ist gegen alles versichert."
Doch die Lust an der Angst wird eben nicht befriedigt. „Beim Krimi lesen können solche Menschen Erfahrungen machen, die sie in der Realität niemals ausprobieren würden. Die Leser von Kriminalromanen können in eine gewaltbelastete Welt eintauchen und unversehrt wieder heraus kommen." Das könne auch eine Erklärung dafür sein, dass sich Krimis in Namibia noch nicht mit so viel Erfolg durchsetzen konnten wie in Deutschland oder anderen europäischen Ländern. „Das Verbrechen ist näher an den Menschen dran", sagt Jaumann. Außerdem sei der Literaturmarkt aufgrund der drei Sprachen in Namibia gesplittet.
Nach der Veröffentlichung von „Die Stunde des Schakals" hagelt es Lob für den deutschen Autor Bernhard Jaumann. Die Kritiker der „Zeit" sagen: „Immer wieder bezaubert Jaumann durch kluge, feinsinnige Erzählweise und beobachtungsgenaue Sprache". Im „Spiegel" steht: „Jaumann ist nicht nur ein findiger Erzähler, der es gekonnt versteht, höchst unterhaltsam Menschenforschung zu betreiben, sondern darüber hinaus ein Perfektionist, der weiß, wie man Spannung erzeugt". Genau so überzeugen konnte Bernhard Jaumann mit seiner Mischung aus Fiktion und historischer Realität die Jury des deutschen Krimipreis. Nachdem er sich im Jahr 2009 mit „Die Augen der Medusa" den zweiten Platz bei dem ältesten und renommiertesten deutschen Literaturpreis für Kriminalliteratur sichern konnte, platzierte ihn die Jury um Literaturwissenschaftler, Kritiker und Buchhändler in diesem Jahr auf den ersten Platz. Mit dieser Auszeichnung würdigt das Bochumer Krimi Archiv Bernhard Jaumann für „Die Stunde des Schakals". Mit diesem Roman hat er literarisch gekonnt und inhaltlich originell dem Genre neue Impulse gegeben. „Ich freue mich wirklich sehr, dass die Jury meinen Krimi in dieser Weise gewürdigt hat, denn genau das wollte ich auch erreichen. Neue Impulse und Ideen in die Krimilandschaft bringen", erklärt Jaumann, der sich mit dieser Auszeichnung in eine Reihe mit Bernhard Schlink, Thea Dorn, Andrea Maria Schenkel und vielen weiteren Autoren einreihen darf, die seit 1985 jährlich mit dem Krimipreis ausgezeichnet wurden. Der Preis ist außerdem eine Bestätigung dafür, dass Jaumann die Herausforderung, die er sich selber gestellt hat, nämlich Fiktion mit Historie zu verbinden, erfolgreich gemeistert hat.
Ebenfalls überzeugen konnte Bernhard Jaumann die Jury des Friedrich-Glauser-Preis. Die zweit wichtigste Auszeichnung nach dem Krimipreis wird von einer Autorenjury überreicht. Die „Stunde des Schakals" wurde in der Sparte Roman als einer der fünf Besten aus 317 Einsendungen nominiert.
Ein Kandidat für weitere Preise im kommenden Jahr ist Bernhard Jaumann in jedem Fall, denn momentan arbeitet der deutsche Autor an der Fortsetzung von „Die Stunde des Schakals" in Windhoek. „Bis August dieses Jahres möchte ich das Buch beenden", sagt Jaumann, der seine junge Kommissarin Clemencia Garises, bekannt aus „Die Stunde des Schakals", an einem anderen Fall ermitteln lässt.

Von AZ
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