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Vom 8.02.2008 Tourguide für die WindschutzscheibeJ. C. Nel verleiht Satelliten-gestütze Reiseleiter fürs Auto – Windhoeker Firma plant ExpansionEin kompetenter Touristenführer, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, befestigt an der Innenseite der Windschutzscheibe: Das ist „Tourism Radio“, ein GPS-gestützter Reiseleiter für Informations-hungrige Urlauber. Die WAZon machte den Test.
Sean und Tanja haben Humor. Und immer gute Laune. Garantiert. Genau wie ihre freundlichen Kollegen Stacey, Rian oder Tom machen Sean und Tanja gern Scherze, spielen sich gegenseitig die Bälle zu und verteilen Lob für pfiffige Kommentare: „Danke, dass Du mir diese Frage stellst“, schwärmt Tanja und lässt mit der Antwort nicht lange auf sich warten: „Auf dieser Bahnstrecke“, erklärt sie, „fuhr 1902 der erste Zug nach Windhoek“. Und wieder haben wir etwas gelernt.
Sean, Stacey und Tanja sind Touristenführer, nimmermüde Informationsquellen, denen man mit einem Handgriff den Saft abdrehen kann: Als Teil des namibischen Tourism-Radio-Programms belehren sie den Reisenden über Sehenswürdigkeiten, Geschichte oder Kurioses. Ganz nebenbei, während der Autofahrt durch Namibia. Alles, was sie sagen, ist in einem kleinen, weißen Kasten gespeichert, wenig größer als eine Zigarettenschachtel. Jeder kann auf ihre Dienste zurückgreifen. Vorausgesetzt, er verfügt über Auto, Radio, Zigarettenanzünder und ein bisschen Geld für die Leihgebühr. Initiator des namibischen Tourism Radio ist Johannes Carel Nel. „J. C.“ ist 52, ein wacher Geist, ein Tüftler aus Leidenschaft. Wenn er erklärt, dann redet er mit Händen und Füßen – mit allem, was ihm gerade in die Finger kommt. Zwischendurch hört er aufmerksam zu, blickt lauernd über den Rand seiner Brille. Anregungen scheint er aufzusaugen wie ein Schwamm. „Das ist das GPS-Gerät“, sagt er und schnappt sich ein Glas. „Und das (sein Portemonnaie), das ist das Radio.“ Zusammen mit dem Zucker, der Dose und einem Aschenbecher entsteht das System, das Nell und seine beiden Kollegen an den Mann bringen wollen: Das GPS-Gerät erkennt, wo sich das Auto gerade befindet und sendet die Information an die Software. Die Software spult das entsprechende Programm ab und sendet sie an das Radio. Hat man die richtige Frequenz gewählt, schallt Tanjas Stimme aus den Boxen: „Auf dieser Bahnstrecke fuhr 1902 der erste Zug“. Und wieder haben wir etwas gelernt. „Als kleiner Junge“, erinnert sich Nel, „wollte ich alles wissen. War ich mit meinem Vater unterwegs, dann stellte ich tausend Fragen. Natürlich wusste er nicht immer die Antwort.“ Dann, vor zwei Jahren, stieß der hauptberufliche LKW-Händler auf die Lösung: „Ich saß vor dem Fernseher und guckte die südafrikanischen Nachrichten. Am Ende der Sendung brachten sie einen Bericht über diesen Typen in Kapstadt, einen Tourguide namens Mark Allewell …“ Nel recherchierte im Internet, vereinbarte ein Treffen. In Kapstadt ließ er sich das Gerät aushändigen und startete zu einer Testfahrt: Etwas sperrig war dieser Archetyp des Tourism Radio schon, fast so groß wie ein DINA5-Blatt. Obwohl das System nur die Region Kapstadt abdeckte, war Nel begeistert: „Das war genau das, wonach ich gesucht hatte. Aber ich wollte es für das ganze Land. Nicht nur für einen kleinen Bereich …“ Heute besitzt J. C. die Rechte für Namibia, dem einzigen Land, das komplett abgedeckt ist. Seit seinem Besuch in Südafrika hat der Vater zweier Söhne das Prinzip weiter entwickelt: Das Gerät ist kleiner geworden, lässt sich mit Saugnäpfen an der Innenseite der Windschutzscheibe befestigen. Strom bezieht es über den Zigarettenanzünder. „Wir hatten eine Menge Probleme zu lösen“, erinnert er sich. „Irgendwann begann das Programm zu stottern, die Stimme hakte. Drei Monate lang habe ich gerätselt, bis ich die Lösung gefunden hatte. Es waren einfach zu viele Daten für den kleinen Prozessor …“ Insgesamt 784 Minuten Information kann der Reisende hören – sofern er das komplette Land erkundet. Neben den umfassenderen Info-Blöcken über die Städte gibt es 400 kleinere Programme und jede Menge Musik: Rollt das Auto durch attraktionsarmes Niemandsland, spielt das Radio eine urlaubsgerechte Mischung aus afrikanischer und internationaler Musik. Die Beatles sind ebenso vertreten wie Trommelrhythmen und Gesänge. Auch als Sicherheitsberater taugt der kleine Kasten: Nähert sich das Auto einer gefährlichen Kurve oder einer halsbrecherischen Sandstraße, dann warnt der Computer den Fahrer. Die Musik wird herunter geregelt, Sean, Tanja oder Stacey melden sich mit einem zarten Klingelton zu Wort. Sorgen bereitet Nel die Vermarktung: Zwar hat die Firma eine kleine Niederlassung am Hosea Kutako Airport, dort kann der Reisende das Gerät direkt nach seiner Ankunft ausleihen. Die meisten Touristen verlassen den Flughafen allerdings ohne Umschweife, werden direkt zu den Autovermietungen gekarrt. Deshalb setzt die Firma auf das Internet, will ihre Homepage mit denen der Reiseveranstalter verlinken. „Außerdem wollen wir Flyer verteilen“, sagt Nel, „vielleicht sogar in den Fliegern.“ Auch eine Expansion ist geplant: Nach Namibia hat der Windhoeker die Rechte für sieben weitere Länder erworben. Unter anderem Simbabwe, Mozambique und Kenia. Leider sprechen die virtuellen Touristenführer bislang nur Englisch. „Derzeit lassen wir das Material übersetzten“, sagt Nel, „erst auf Deutsch, dann auf Italienisch und auf Französisch.“ Kein leichtes Unterfangen, schließlich ist Grammatik ein streitbares Thema: „Es muss richtiges Deutsch sein“, sagt er und kratzt sich nachdenklich am Hinterkopf. „Kein namibisches Deutsch …“ Informationen unter www.tourismradionam.com oder 061 269 127. Von Philip Ritter |
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