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Zerstörung

 

Vom  2.02.2007

Paradies zwischen Wellblechhütten

Ein eigener Kindergarten war ein lang gehegter Traum von Franziska Eises – Mit Sôutere wurde er wahr

Sôutere in Katutura ist mehr als ein Kindergarten. Seit fast sieben Jahren gibt es die Einrichtung, die vielleicht schon in diesem Jahr zu einem großen Zentrum ausgebaut werden und noch mehr Kindern Halt geben soll.

© Ellen Reglitz
Ausgelassen toben die Kinder von Sôutere auf einem Spielgerüst. Ihre Eltern zahlen N$ 50 im Monat für die Betreuung.
Es war mein geheimer Traum“, sagt Franziska Eises. Die 57 Jahre alte Frau trägt ein weißes Kleid, mit violetten Blumen. Als sie lacht, erscheinen die Falten auf ihrer Stirn noch tiefer. Der Waldorfkindergarten „Sôutere“ in Katutura ist ihr Lebenswerk. „Sôutere“, das bedeutet übersetzt aus der Sprache der Nama und Damara „Beschütze mich“.

Das tut Franziska. 27 Kinder, über zwölf Stunden am Tag. Seit fast sieben Jahren.

Das letzte Stück zum Sôutere Kindergarten in der Nähe des Goreangabdamms führt über einen holprigen Schotterweg, der Anstieg ist steil. Am Metalltor bleibt keine Zeit zum Durchatmen. Eine Gruppe von Kindern stürmt jubelnd auf die Besucher ein. Auf dem kleinen Gelände steht ein Klettergerüst mit Rutsche. Das Metall ist farbenfroh rot, gelb und blau lackiert.

Ebenso bunte Autoreifen stecken im Boden, in einer Ecke gibt es einen großen überdachten Sandkasten. Die Wellblechwände des Kindergartengebäudes zieren leuchtend gelbe Sonnenblumen.

Unter dem Vordach des Hauses sitzt Franziska mit ihren Kolleginnen und gönnt sich eine kurze Ruhepause vom Stress des Vormittags. Sie betreut die Kinder gemeinsam mit drei weiteren Erzieherinnen: Elisabeth Gauses, Memory Harupara und Russia Owoses. Sie alle haben Seminare zur Waldorferziehung in Windhoek besucht.

Die Eltern bezahlen N$ 50 pro Monat für den Kindergarten – oder zumindest sollten sie das. „Oft laufen wir lange hinter dem Geld her oder bekommen gar nichts“, erzählt Elisabeth. Bleiben dürfen die Kinder trotzdem.
© Ellen Reglitz
Ein Teil des Soûtere-Teams: Memory Harupara, Desereé Vries, Elisabeth Gauses (erstes Bild,von links, oben), Köchin Isabella Khanxas und Franziska Eises (von links, unten). Zur Zeit betreuen sie in Katutura 27 Kinder.
Der Tag beginnt früh. Es ist gerade halb fünf und noch nicht richtig hell, als die ersten Kinder am Tor von Soûtere auftauchen. Der Tagesablauf im Kindergarten ist strukturiert: Am Morgen gibt es erstmal eine Spielrunde im Freien. „Viele neue Kinder sind gerade in der Frühe noch sehr aufgeregt und weinen“, sagt Elisabeth. Aber wenn die anderen fröhlich zusammen sind, geht es meist schnell wieder.

Um halb neun dann geht es nach Drinnen. Die Wände des Kindergartenraums sind in hellem Rosa gestrichen. Vor dem Fenster, das aus Sicherheitsgründen vergittert ist, hängt ein orangenfarbener Vorhang. Die Gruppe setzt sich auf die bunten Kissen am Boden. Es wird gesungen und gebetet. Anschließend erzählt Memory ein Märchen – auf Englisch. Die Kinder sind Ovambo, Ovahimba, Ovaherero, Damara und Nama, ein Wirrwarr der Sprachen. Doch Englisch verstehen alle.

Um 10 Uhr gibt’s Frühstück, danach steht wieder Spielen auf dem Programm. Ein kleiner Junge in roter Shorts und blauem T-Shirt hält ein rosa Häkelschwein in der Hand. Franziska hat das Spielzeug selbst gemacht: Elefanten, Affen und Schafe in allen Farben. Auch Taue zum Seilchenspringen hat sie aus Wolle hergestellt - noch bevor Sôutere am 6. März 2000 öffnete.

Kinder seien ihr schon immer wichtig gewesen, sagt Franziska. Ihre fünf Töchter sind erwachsen. Elisabeth ist eine von ihnen und heute die Kollegin ihrer Mutter. Sieben Jahre lang arbeitete Franziska auf der Farm Voigtskirch im Kindergarten, später wechselte sie zum Waldorfkindergarten in Windhoek, bevor sie ihren Traum mit finanzieller Hilfe der Waldorfgemeinschaft verwirklichen konnte.

Auch heute noch wird Sôutere vom Waldorfkindergarten in Windhoek mitbetreut. Seit den Anfängen vor beinahe sieben Jahren hat sich viel verbessert in Sôutere. „Anfangs hatten wir nur ein Plumpsklo“, erinnert sich Elisabeth und hält sich die Hand vor die Nase, als könnte sie den Gestank noch heute riechen. „Das war nicht leicht für mich“, sagt sie und schiebt ein Lachen hinterher. Elektrizität und fließendes Wasser seien auf dem unerschlossenen Stück Land damals auch nicht vorhanden gewesen. „Damals war hier rundherum freies Feld“, sagt Franziska und deutet mit ausgestrecktem Arm umher. Heute steht hier eine Wellblechhütte neben der anderen.
© Ellen Reglitz
Franziska gründete den Kindergarten vor fast sieben Jahren. Unterstützt wird er von der Waldorfgemeinschaft und Spenden aus Deutschland.
Soûtere betreut die Kinder bis zum Schulalter. Desereé ist eine Ausnahme. „Das Mädchen hat Vater und Mutter verloren“, sagt Memory. Warum, dass wisse sie nicht. Desereés Arme und Beine sind so dünn, als hätte sie Magersucht. Doch diese Krankheit kennt hier niemand. Desereé hat Tuberkulose. Die Schule hat sie nur ein paar Wochen besucht, dann reichten die Kräfte nicht mehr. Im Soûtere-Kindergarten hat sie eine Aufgabe gefunden, hilft, wo sie nur kann.

Und dann gibt es da noch Ricky. Zweieinhalb Jahre wusste niemand, dass es den Jungen gibt. Sein Vater verkaufte Straßenzeitungen und versteckte seinen Sohn in einem Rohr. Als man Ricky fand, konnte er nicht mal seinen Kopf zur Seite drehen. Memory brachte ihn in den Kindergarten, heute fällt der Junge unter den seinen Spielkameraden gar nicht auf.

Soûtere ist mehr als ein Kindergarten. Nachmittags betreut Elisabeth Schulkinder: „Wir wollen sie von der Straße fernhalten“, sagt sie. Und vielleicht sollen noch in diesem Jahr die Bauarbeiten für das Sôutere-Centre beginnen. Dafür hat der Kindergarten ein 3000 Quadratmeter großes Nachbargrundstück erworben. Zwei Kindergartenhäuser, ein Haus für Krabbelkinder, zwei Räume für Schulkinder und ein Wächterhaus sind geplant. Unterstützt wird Soûtere dabei auch vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Es ist schon nach 19 Uhr, als Franziska und ihre Kolleginnen endlich Feierabend machen. Die Nama-Frau ist erschöpft und müde, doch Klagen kennt sie nicht. Franziska lebt ihren Traum.
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