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Vom 22.10.2004

Kulturerbe erschließt neue Geldquelle

Bei Okakarara entsteht Museumsdorf mit Herero- und Sankultur - Eigeninitiative zugunsten einer Schule

© Anja Wischer
Mit Gamaschen und Kappen aus Wellpappe marschieren die Herero-Jungs im Gleichschritt. Auch diese Vorführung ist für das Museumsdorf geplant, das Volkskultur sowohl für Touristen wie Landsleute zeigen soll.
"Touristische Einrichtungen sind nicht vorhanden", heißt es im Baedeker-Reiseführer von 2003 zur ehemaligen Hauptstadt des Homelands Hereroland Okarara. Doch das soll sich ändern, denn 20 Kilometer östlich der Stadt ist nach der Eröffnung des Kultur- und Tourismuszentrums in Okakarara ein "lebendes Museum" im Entstehen, in dem Herero- als auch Sankultur nicht nur für Touristen präsentiert werden soll.

Von Anja Wischer

Okakarara - In intensivem violett und leuchtendem gelb blühen Blumen auf gerade gezogenen Beeten vor den Gebäuden der Schule in Okaepe im Hereroland. "Es wäre so schön, wenn ich hier zusätzlich noch Bäume pflanzen könnte", sagt die Schulleiterin Batseba Rukero schwärmerisch und zählt auf, von welchen Baumarten sie träumt. Aber dazu fehlt im Moment einfach das Geld - wie zu vielen anderen Projekten, die der Schulleiterin im Kopf umherschwirren. Seit einem Jahr steht Batseba Rukero der Schule mit angeschlossenem Internat vor. 147 Kinder werden hier unterrichtet, 86 davon, darunter 76 San-Kinder, leben im Internat.

Die Tatsache, dass sowohl San- als auch Herero-Kinder ihre Schule besuchen, möchte die Rektorin nun nutzen, um neben den staatlichen Zuschüssen für die Schule eine weitere finanzielle Unterstützung zu erschließen: Sie baut in Zusammenarbeit mit der Kommune ein "historic living village" auf. In dem Dorf soll es Volkskunde zum Anfassen und Erleben geben. Im Hinterkopf hat Rukero dabei mehrere Wünsche: Nicht nur soll über Touristenbesuche eine neue Geldquelle erschlossen werden, vielmehr möchte sie so auch ihren Landsleuten die ihnen eigene Kultur bewusst machen. "Unsere Traditionen gehen Stück für Stück verloren. Hier können sie bewahrt werden", sagt die Herero.

Konkret plant sie ein Dorf aus tradtitionellen Hererohütten und Sanhütten, die in einer Landschaft mit Büschen und Schatten spendenden Bäumen aufgebaut werden sollen. Besucher des Dorfes könnten hier die Wohnumstände der beiden Volksgruppen betrachten und bekommen bei Interesse Vorführungen gezeigt - zum Beispiel traditionelle Kindertänze oder auch eine Hochzeit von den ersten Verhandlungen bis zur Trauung. In unmittelbarer Nachbarschaft soll ein Campingplatz eingerichtet werden.

Unterstützt wird Batseba Rukero in ihrem Vorhaben von Werner Pfeifer, einem Touristenführer, der bereits Erfahrungen mit sogenannten lebenden Museen hat. Er zum Beispiel schon in Deutschland in die traditionelle Kleidung eines Wikingers und brachte so nicht nur Kindern die vergangene Kultur näher. In Namibia hat er ein "historic living village" der San in dem Dorf Grashoek zwischen Grootfontein und Tsumkwe mitaufgebaut, das im Juli eröffnet wurde.

Als sich Pfeifer und Rukero bei den Gedenkfeiern zum Hereroaufstand in Hamakari zufällig austauschten, rannten sie gegenseitig offene Türen ein. Pfeifer hat die Vision, dass alle Völker Namibias in "lebenden Museumsdörfern" präsentiert werden. "Aber nicht wie einem Museum und schon gar nicht wie in einem Zoo", stellt er klar: "Die living villages sollen ein Treffen zwischen den Völkern ermöglichen, die Menschen sollen miteinander reden können." So könnten die Dörfer eine Art Geschichtsschule sein.

Das Projekt in Okaepe hat Aussicht auf Erfolg. Bei einer "Generalprobe" fühlten Reiseveranstalter den Plänen von Batseba Rukero auf den Zahn - und waren von ihnen angetan. "Wir freuen uns über die Initiative", sagte Matthias Bleks, der zusammen mit seiner Frau Rosanna das Reiseunternehmen "Eagles Rock" führt und sich auf italienische Kunden spezialisiert hat. "Wir werden mit vielen Besuchern wieder kommen, aber nicht, um zu beobachten, sondern, um von Ihren Traditionen zu lernen", versprach er den Dorfbewohnern und Batseba Rukero in Okaepe.

Schüler und Eltern hatten mit viel Eifer verschiedene Programmpunkte zusammen gestellt, die auch zukünftig vor den Besuchern gezeigt werden könnten. Dazu gehörten zum Beispiel neben der Herero-Hochzeit auch die Vorführung von Singspielen der San-Kinder oder marschierende Herero-Jungs. Der Spaß, mit dem die Jugendlichen nach Befehlen im Kasernenhofton zackig marschieren, dürfte allerdings manchem Touristen eher Unbehagen bereiten. Aus roter Wellpappe haben sie sich Kappen und Gamaschen gebastelt, so dass sie mit blauen Hemden und grauen Hosen an die Uniform der französischen Fremdenlegion erinnern. Amüsiert verfolgten ihre Eltern das Marschieren über den Schulhof, während die Reiseveranstalter noch an Verbesserungsvorschlägen arbeiteten. Ihre Anliegen: "Im fertig gestellten Dorf sollten keine Zäune zu sehen sein. Wie sieht das denn aus, wenn die Touristen ihre Fotos zu Hause zeigen und dann Zäune im Hintergrund das Bild stören?" Ebenso für die fotografierenden Touristen sollten sich die vorführenden Gruppen direkt der Sonne zuwenden, so dass Fotos nicht im Gegenlicht aufgenommen werden müssen. Ein weiterer Auftrag: Ein kleines Flugblatt mit Erläuterungen sollte an die Besucher ausgegeben werden. Das muss erarbeitet und in verschiedene Sprachen übersetzt werden.

Auf Batseba Rukero und ihre Mitstreiter kommt noch einige Arbeit zu, aber es werde sich lohnen, ermutigten Werner Pfeifer und der Reiseveranstalter Carsten Möhle die Schulleiterin. Vielleicht kann sich Batseba Rukero dann schon bald ihren Traum erfüllen und zwischen die gerade gezogenen Blumenbeete an der Schule ihre Lieblingsbäume pflanzen.
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