Er ist frisch aus Deutschland eingeflogen Trotz des geringen Schlafs wirkt der Mann mit den kurz geschorenen Haaren und den wachen blauen Augen sehr präsent, beantwortet geduldig und eloquent die Fragen.
Bis Dezember vergangenen Jahres hat der gebürtige Augsburger sechs Jahre in Windhoek gelebt. Nun verbringt er eine Woche im Land, um sein neuestes Werk vorzustellen, seinen mittlerweile dritten Roman, der in Namibia spielt: den im März erschienenen Krimi "Steinland". Zwei Lesungen in Windhoek stehen zum Zeitpunkt des Gesprächs noch bevor - eine an der DHPS, wo Jaumanns Frau, Barbara, sechs Jahre lang Lehrerin für Englisch und Deutsch war, und eine im Goethe-Zentrum - sowie eine Lesung in der Swakopmunder Buchhandlung.
In "Steinland" erzählt Jaumann die fiktive Geschichte eines Mordes vor dem Hintergrund der namibischen Landreform: Ein Farmer wird tot aufgefunden. Was zunächst wie ein Raubmord aussieht, entpuppt sich bald als verzwickter Fall, der mitten in die politischen Auseinandersetzungen um die namibische Landreform führt: Dem Farmerehepaar stand die Enteignung kurz bevor - die ermittelnde Kriminalinspektorin Clemencia Garises, die bereits in Jaumanns Krimi "Die Stunde des Schakals" (erschienen 2010) ermittelte, gerät in einen Strudel aus Macht und Korruption.
Für das Buch hat der Autor intensiv vor Ort recherchiert. Er hat Gespräche mit Polizisten und Polizistinnen geführt, aber auch mit Farmern. "Einige historische Anekdoten konnte ich fast eins zu eins übernehmen", sagt Jaumann. Eine Farm bei Karibib diente besonders als Modell für die Farm "Steinland" in seinem Buch. Trotzdem sieht Jaumann seinen Roman nicht als Dokumentation einer bestimmten Farm. Vielmehr hat er Eindrücke und Anekdoten mit einiger künstlerischen Freiheit literarisch "verdichtet": "Die Farm bei Karibib war die Hintergrundfolie, die ich verwendet habe, damit ich eine Vorstellung davon habe, wie es auf 'Steinland' aussieht", sagt Jaumann.
Trotz der langen Gespräche und persönlichen Kontakte bei der Recherche zu "Steinland" will Jaumann nicht Partei ergreifen. "Bei mir kommt keiner gut weg", sagt er über sein Buch. Aus seiner Sicht besteht die Aufgabe eines Schriftstellers nicht darin, "Leuten nach dem Mund zu reden, sondern darin, Probleme deutlich zu machen." Ihn interessieren "Fragen und Probleme, auf die es keine einfachen Antworten gibt."
Die Resonanz auf sein Buch war in Deutschland sehr positiv - sowohl bei der Presse als auch bei den zehn bis fünfzehn Lesungen, die Jaumann seit der Veröffentlichung dort absolviert hat. Dennoch ist der Autor besonders gespannt, wie die namibischen Leser seinen Roman aufnehmen wird: "Die Fragen aus dem Publikum in Deutschland zielen oft auf sehr grundsätzliche Aspekte der Lebensumstände und der Zustände im Land ab. Spannend an den Lesungen hier ist, dass die Zuhörer in der Umgebung leben, die im Buch beschrieben werden. Da kommen dann ganz andere Fragen und Bemerkungen." Auch darauf, dass ihn das Publikum auf etwaige Fehler hinweist, ist Jaumann gefasst. Für die Lesung im Goethe-Zentrum in Windhoek hat sich das Farmerpaar aus der Nähe von der Karibib angekündigt - auf ihre Reaktion ist Jaumann besonders neugierig.
Jaumann möchte in seinen Büchern ein unverfälschtes Bild von Namibia zeichnen. Wenn er über das Land schreibt, will er "nicht das machen, was in Deutschland oft gemacht wird: entweder Sonnenuntergänge in der Kalahari oder Elendsromantik", er spitzt zwei Tendenzen anschaulich zu. Jaumann möchte "zeigen, dass es auch Menschen mit Interessen, Wünschen, Hoffnungen und Ängsten gibt. Ich will ein realistischeres Bild zeichnen: nicht verklären, aber auch nicht so weit wegschieben, dass es nicht mehr mit einem zu tun hat."
Der lange Aufenthalt in Namibia hat nicht nur vordergründig die Themenwahl und die geografische Ansiedlung seiner Krimis beeinflusst, ist sich Jaumann sicher. "Mein Schreiben ist politischer geworden", sagt er. Die "großen Themen" spielen in seinen Texten nun eine wichtigere Rolle, findet er.
"Was macht ein Stück steiniges Land zur Heimat?" Diese Frage beschäftigt Jaumann in seinen Büchern ebenso wie in seiner eigenen Biografie. Der Autor ist viel gereist, hat mehrere Jahre an verschiedenen Orten der Welt gelebt, unter anderem in Mexiko-Stadt und in Australien. Als Kind einer Sudetendeutschen, die im Alter von 14 Jahren nach Deutschland kam, hat Jaumann schon früh die Erfahrung gemacht, ein Außenseiter zu sein: "Ich bin in Augsburg aufgewachsen. Doch bei uns zuhause wurde kein Augsburger Dialekt gesprochen", erinnert sich Jaumann. Den Dialekt eignete er sich später an. Allerdings: "150-prozentig gehört man trotzdem nicht dazu", sagt er.
Diese Erfahrung war prägend - nicht zuletzt drängte sie Jaumann auch zum Schreiben. Heute weiß er die Fähigkeit, eigene Erfahrungen literarisch umzusetzen, sehr zu schätzen: "Wenn etwas Schlimmes passiert, dann habe ich wenigstens die Möglichkeit, darüber zu schreiben, es also als Stoff für meine Texte zu verwenden", sagt er. Das Schreiben in der Fremde hat für ihn einen besonderen Reiz. Immer wieder an anderen Orten der Welt zu leben und zu schreiben, hat aus seiner Sicht einen großen Vorteil: die "Mischung aus Kenntnis der Umgebung, des sozialen Gefüges einerseits und aus fremdem Blickwinkel andererseits."
Im Dezember vergangenen Jahres ist er mit seiner Frau nach Bad Aibling gezogen, einem kleinen Ort in der Nähe von Rosenheim (Bayern). Als studierter Lehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde mit einer Erweiterungsprüfung in Italienisch arbeitet er dort Teilzeit an einem Gymnasium. Seine Schüler wissen, dass er Krimiautor ist. Allerdings hat das wenig Einfluss auf den Unterricht: "Damit hat man vielleicht in der ersten halben Stunden eine Bonus, danach spielt das keine Rolle mehr - man muss sich in der tagtäglichen Arbeit mit den Schülern beweisen", sagt Jaumann.
Jaumann genießt den Kontrast zur einsamen Schreibtischarbeit. Gleichwohl achtet er darauf, dass sein Job als Lehrer nicht zu einnehmend wird. Denn das nächste Buch ist bereits in Planung. Es wird in Namibia und in Deutschland spielen, verrät der Autor. "Mich interessiert die Geschichte der Herero-Schädel, die vergangenes Jahr in den Medien waren. Die ersten zwanzig Schädel sollen jetzt nach Namibia zurück gebracht werden", sagt Jaumann in Anspielung auf 20 namibische Schädel, die von der Berliner Charité vor über hundert Jahren zur "Rassenforschung" genutzt wurden.
Auch sein nächstes Buch soll ein Krimi werden. Wieder wird die bewährte Kriminalinspektorin Clemencia Garises ermitteln. Eigentlich mag Jaumann, der zehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht hat, es "nicht so gern", eine Figur über mehrere Bücher zu begleiten. Doch das Thema interessiert ihn - und so möchte er "noch eins mit den gleichen Figuren schreiben".
Über den Aufbau der Erzählung hat sich Jaumann bereits einige Gedanken gemacht: "Es wird einen deutschen Strang geben und einen namibischen Strang. Die laufen erst einmal parallel und kommentieren sich gegenseitig", sagt Jaumann.
Dieses geplante, vierte Namibia-Buch von Jaumann wird sicher seine Leser finden. Denn er ist gut im Geschäft. Zwar ist er nach eigener Aussage "kein Bestsellerautor", aber er hat sich eine "Stammleserschaft" aufgebaut, die treu seine Bücher kauft.
Das aktuelle Buch "Steinland" stellt der Autor bei einer Lesung in der Swakopmunder Buchhandlung am Montag, 6. August, um 18 Uhr vor.
Carola Gruber













