100 Jahre nach seiner ersten Afrikadurchquerung soll Paul Graetz zur Legende werden
Seine Geschichte liest sich wie die Abenteuer eines Indiana Jones. Und seine wilde Entschlossenheit erinnert an Fitzcarraldo, jenen legendären Exzentriker, der im brasilianischen Urwald ein Schiff über einen Bergrücken hieven ließ: Die Rede ist von Paul Graetz, jenem Mann, der vor 100 Jahren als erster mit einem Automobil Afrika durchquerte. Erstaunlich eigentlich, dass er noch nicht Legende ist. Carsten Möhle, Reiseveranstalter in Namibia, will ihm jetzt dazu verhelfen.
Beide Baujahr 1964: Möhle in seinem dem Original nachempfundenen „Graetz-Mobil“.
Carsten Möhle ist ein wandelndes Lexikon. Ein sprechendes Nachschlagewerk für Stichwörter wie „Paul Graetz“ oder „Bwana Tucke-Tucke“. Mehr noch: Er ist Bwana Tucke Tucke. Das war einst der Spitzname für den Afrikadurchquerer Graetz. So nannten erstaunte Afrikaner den weißen Mann (Bwana) auf seinem knatternden Gefährt, dem man, um unnötigen Ballast loszuwerden, den Auspuff abmontiert hatte. Jetzt ist „Bwana Tucke-Tucke“ das Markenzeichen von Carsten Möhle und dessen erfolgreichem Reiseunternehmen. Wer will, kann mit ihm Afrika auf den Spuren von Paul Graetz erleben. In vier Wochen geht es in einem dem Graetz´schen Automobil nachempfundenen Unimog von Dar Es Salaam nach Swakopmund – eine Strecke, für die der erste Afrikadurchquerer damals 630 Tage gebraucht hatte.
„Bwana Tucke-Tucke“ steht auf dem Landrover, den Carsten Möhle fährt, und in gestickten Lettern auf den beige-farbenen Safarihemden, die er trägt, immer, auf Reisen im Busch oder bei Besorgungen in der Stadt. Die Hemden haben exakt den gleichen Farbton wie die knappen Ledershorts, die den Blick auf kräftige, braungebrannte Beine freigeben. Die Füße stecken in festem Schuhwerk, das aussieht, als ob es problemlos Afrika durchqueren könnte.
Schon mal war ein Deutscher auf diese verrückte Idee gekommen
Das haben sie übrigens schon getan, diese Füße, wenn auch vor allem auf Kupplung und Gaspedal. Vor 14 Jahren fuhr Carsten Möhle von Südafrika nach Kamerun, etwas später unternahm er eine Nord-Süd-Durchquerung des Kontinents. Und er ruderte auf einem selbstgeschnitzten Einbaum den Kongofluss hinab. Damals erzählten ihm Einheimische, dass schon mal ein Deutscher auf diese verrückte Idee gekommen war, aber der sei schlauer gewesen, weil er´s mit einem Motorboot getan hätte. Erst Jahre später sollte Möhle dämmern, von wem die Flussbewohner gesprochen hatten: von Paul Graetz und dessen Motorbootexpedition auf dem Kongo vor nicht weniger als 90 Jahren.
Bis dahin hatte der blond gelockte Schleswig-Holsteiner allerdings noch nie von den Abenteuern des ursprünglichen Bwana Tucke-Tucke gehört. Freunde in Namibia, seiner neuen Wahlheimat, brachten ihn darauf. „Deine Biographie hört sich ja an wie die vom Paul Graetz!“, sagte einer. Das war vor etwas mehr als zehn Jahren. Möhle begann nachzulesen. Und fand „erstaunlich viele biographische Schnittstellen“, wie er es nennt, Parallelen in der Historie des 90 Jahre älteren Graetz zu seiner eigenen.
Beide Männer waren beim Militär und im Einsatz in Afrika gewesen – Graetz 1902 als Schutztruppenoffizier in Ostafrika, Möhle als Uno-Blauhelmsoldat in der Capriviregion kurz vor Namibias Unabhängigkeit. Beide hatten sie leidenschaftlich gern waghalsige Afrika-Expeditionen unternommen und in der Tat ganz ähnliche Strecken bereist. „Selbst die Beschreibung von Graetz´ erster Ehefrau“, sagt der 42-jährige Reiseunternehmer und grinst, „passt sehr gut auf meine ehemalige Lebensabschnittspartnerin.“ Dass er jetzt, als Junggeselle, besonders neugierig ist auf Frauen mit österreichischem Akzent, ist natürlich kein Zufall: Graetz war in zweiter Ehe recht glücklich mit einer Wienerin verheiratet.
Es ist Zeit, dass jeder erfährt, wer dieser Mann war
Seit zehn Jahren beschäftigt Möhle sich mit der Biographie seines abenteuerlustigen Doppelgängers. Jetzt, zum 100. Jahrestag der ersten Afrikadurchquerung, so hofft er, wird sich das auszahlen. Es ist Zeit für den großen Durchbruch. Zeit, dass jeder erfährt, wer dieser Mann war. Paul Graetz hat das Zeug, zur Legende zu werden. Er verdient es, dass sich Historiker und Anthropologen gleichermaßen wie die Automobilindustrie für ihn und seinen Nachlass interessieren. Schließlich gilt Graetz nicht zuletzt auch als Automobil-Pionier: Das Spezialfahrzeug mit 35 cm Bodenfreiheit, das er für seine Ost-West-Durchquerung Afrikas 1907 bei der süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau anfertigen ließ, war im Prinzip der allererste Geländewagen. „Man könnte sogar behaupten, es war der erste Mercedes“, sagt Möhle. Denn die Autowerke Gaggenau wurden kurze Zeit später vom Mercedes-Benz-Konzern aufgekauft.
Klare Sache: Die Paul-Graetz-Geschichte ist Gold wert, und Carsten Möhle ist derjenige, der sie verkaufen wird. Bisher hat das leidenschaftliche Interesse für seinen historischen Vorgänger ihn vor allem viel Geld gekostet. Möhle sammelt und ersteigert seit einem Jahrzehnt fast alles, was mit Paul Graetz zu tun hat. Zuerst waren es bloß die Geschichten, allen voran Graetz´ 1910 erschienener Erlebnisbericht „Mit dem Auto quer durch Afrika“. Die Originalpublikation von 1910 ist seit Ewigkeiten vergriffen٭; in Antiquariaten wird sie für 350 Euro gehandelt. Dann folgten Fotos, Postkarten, Schriftverkehr, Bücher mit Widmung.
Carsten Möhle suchte auch Zeitzeugen auf. Darunter Graetz´ dritte und letzte Ehefrau Wally und deren Tochter Uta Graetz-Africana. Die beiden einzigen noch lebenden Angehörigen des Afrikapioniers waren auf Graetz-Forscher und -Sammler nie besonders gut zu sprechen gewesen. Anders bei Bwana Carsten: „Die Mutter begrüßte mich auf Suaheli, und als ich in dieser Sprache antwortete, war das Eis gebrochen“, erinnert sich Möhle. „Ich glaube sie sahen in mir etwas von Paul Graetz.“
Kürzlich gelang dem Bwana ein weiterer großer Coup
Nicht lange nach dem Tod von Wally Graetz-Africana im Jahr 2000 vermachte ihre Erbin Uta, heute 65-jährig, dem jungen Bwana Tucke-Tucke die Originale sowie das exklusive Nutzungsrecht für den gesamten Nachlass von Paul Graetz. Im März vergangenen Jahres entdeckte Möhle einen weiteren Schatz im Keller der Uta: Zwei voluminöse Aktenkoffer voller kolorierter Farbdias von Graetz´ Afrikaexpeditionen, bis dahin gänzlich unveröffentlicht.
Als dann, kurz darauf, Mercedes Benz seinen neuen GL-Klasse-Jeep vorstellte und dabei Paul Graetz´ historische Afrikadurchquerung zitierte, klopfte ein Herr Möhle an die Tür des Marketingchefs von Mercedes. Die Abdruckrechte von Graetz-Bildern im Hochglanz-Fotoband des neuen Mercedes Benz GL waren dem Milliardenkonzern schließlich eine fünfstellige Euro-Summe wert.
Kürzlich gelang dem Bwana der bisher größte Coup: Ein seit 1926 verschollener 35mm-Film von der Motorbootfahrt von 1911 bis 1912 tauchte wieder auf. Man hatte vermutet, dass der Streifen der Zerbombung von Dresden zum Opfer gefallen war. Möhle erfuhr von der Existenz dieses Filmes vor acht Jahren – und spürte ihn auf, mit der Zielstrebigkeit einer Miss Marple. „Es gab drei Häuser in Deutschland, in denen er sich befinden konnte“, erzählt er. Er fand das richtige, auf dessen Speicher die wertvolle Filmrolle lagerte. Man schenkte ihm den Staubfänger.
Das historische Material enthält Szenen, deren Nutzung Fernsehsendern vier- bis fünfstellige Summen wert ist. Doch Carsten Möhle will es, wenn schon, dann richtig machen: Er plant einen zweiteiligen TV-Film, der die Geschichte des Bwana Tucke-Tucke ausführlich erzählt. Eine Kombination aus historischem Archivmaterial und nachgespielter Historie schwebt ihm und einem befreundeten Filmemacher vor. Die Story ist viel Geld wert. Sie muss nur noch einen Käufer finden.
„Wenn alles nach Plan geht“, sagt Carsten Möhle zuversichtlich, „dann ist meine Rente gesichert“. Er sieht das ganz pragmatisch. Graetz war auch so. Ein Meister des Marketing, und er verstand was von Productplacement.
Ob sie sich denn in allen Punkten so ähnlich sind, der alte und der junge Bwana Tucke-Tucke? „Nein“, Carsten Möhle schüttelt den Kopf. Graetz sei ein barocker Genussmensch gewesen. „Ich dagegen bin ein preußischer Pflichtmensch. Und“, sagt er und klopft sich zufrieden auf den mächtigen nackten Schenkel, den die knappe Ledershorts freigibt: „Graetz hätte nie kurze Hosen getragen.“