Der Hererotag in Okahandja: Wie es zu diesem Gedenktag kam und was er bedeutet
Wenn Herero ihrer Ahnen gedenken
Am Sonntag wird in Okahandja wieder der alljährliche Hererotag gefeiert. Der farbenprächtige Aufmarsch der Hererofrauen und das Truppenspiel der Männer locken jedes Jahr zahlreiche Zuschauer an. WAZ on rollt anhand von einschlägiger Literatur die Hintergründe dieser fast 80 Jahre alten Tradition auf.
Der Hererotag, eigentlich Maharerotag, wird seit 1924 alljährlich am Wochenende nach dem 23. August gefeiert. Seinen Ursprung fand der Gedenktag am 23. August 1923, als der Oberhäuptling Samuel Maharero beigesetzt wurde. Samuel Maharero (1856 - 1923) war im Exil im damaligen Britisch-Betchuanaland gestorben und wurde für die mit großem Zeremoniell begangene Beerdigung in seine Heimatstadt Okahandja überführt.
Die Trauerfeier vereinte damals alle Herero und Mbanderu, die sich zuvor und auch danach in verschiedene Gruppen aufsplitterten. Der Maharerotag ist der zahlenmäßig größte und wohl bedeutendste von mehreren Herero-Gedenktagen und wird heute von drei unterschiedlichen Gruppen, erkennbar an ihren spezifischen Farben und Fahnen, gemeinsam begangen.
Die drei Herero-Gruppierungen
An dem Gedenktag nehmen heute die Maharero-Herero, die Zeraua-Herero und einige "Dissidenten" der Mbanderu teil. Die drei Gruppen sind auf die damaligen Häuptlinge Maharero, Zeraua und Kahimemua zurückzuführen.
Die Zeraua-Herero (das Z wird wie das englische th ausgesprochen), auch als die West-Herero von Omaruru bekannt, sonderten sich schon im Jahre 1924 ab, weil sie Hosea Kutako als Nachfolger Samuel Hereros nicht akzeptierten. Zeraua, kurz vor seinem Tod mit dem christlichen Vornamen Wilhelm getauft, war der Anführer einer Gruppe, die, vom Kaokoveld kommend, sich um 1850 in Otjimbingwe ansiedelte und seitdem eng mit der Rheinischen Mission in Kontakt stand. Ihr heutiges Oberhaupt ist Christian Zeraua. Die Zeraua-Anhänger feiern neben ihrer Teinahme an dem Maharerotag jährlich ihr eigenes Fest Ende Oktober in Omaruru, an dem jedoch auch die Maharero-Anhänger teilnehmen.
Die Mbanderu sind eine Herero sprechende Gruppe, auch als Ost-Herero bekannt, die ursprünglich dem Oberhaupt Kahimemua Nguvauva angehörten und im östlich-zentralen Teil Namibias angesiedelt waren. Sie spalteten sich 1960 von den Maharero-Anhängern ab und wählten mit Munjuku Nguvauva II. ihren eigenen Häuptling. Der Grund: Sie wollten den von Hosea Kutako zu seinem Nachfolger ausersehenen Clemens Kapuuo nicht anerkennen, weil er nicht mit der traditionellen Maharero-Dynastie verwandt war. Die Gegensätze zwischen den beiden Gruppen vertieften sich noch, als die südafrikanische Regierung in den Vorgesprächen zur Turnhallenkonferenz 1975 den Mbanderu keine eigene Abordnung zugestand. Die Mbanderu gründeten zudem 1964 ihre eigene Kirche, die "Church of Africa" und feiern ihre eigenen Feste: im Juni in Okahandja und im August in Gunichas (bei Gobabis) oder Sturmfeld (Okeseta).
Seit gut zwei Jahrzehnten nehmen am Maharerotag auch wieder Mbanderu teil. Dabei handelt es sich um die sogenannten Dissidenten aus dem Rietfontein-Block (ursprünglich als Heimatland der Mbanderu vorgesehen), die 1972 mit Elifas Tjingaete einen eigenen Häuptling wählten und sich politisch hinter den heutigen Hererochef Kuaima Riruako stellten.
Die Maharero-Herero schließlich sind auch als die Zentral-Herero, um Windhoek und Okahandja angesiedelt, bekannt. Nach der Schlacht bei Otjimbingwe im Jahre 1963, in der die Nama von den Herero besiegt worden waren, etablierten die Händler und Missionare eine Oberhäuptlingsschaft für die Herero. Zerua, als der älteste und angesehenste unter den drei damaligen Häuptlingen, kam für diese Stellung eigentlich am ehesten in Frage, übergab sie aber Maharero (1820 - 1890). Mahareros geographische Position lag damals im Zentrum des kolonialen Interesses und er konnte dadurch von den Europäern am geschicktesten als Kontaktmann zu den übrigen Herero genutzt werden.
Maharero, sein Vater Tjamuaha (1790 - 1861), sein Sohn und Nachfolger Samuel Maharero sowie die nächste Generation von Friedrich Maharero (1875 - 1952) sind in Okahandja begraben. Ihre Grabstätten sind beim Hererotag Mittelpunkt der Ahnengedenkfeier.
Die Bedeutung der Farben und Fahnen
Die Festlichkeiten finden am Sonntag statt, doch schon am Samstag kann man das Eintreffen von Herero und Mbanderu aus allen Teilen des Landes beobachten. Sammelpunkt ist das sogenannte Truppen- oder Kommandohaus auf der ehemaligen Eingeborenenwerft außerhalb des Ortes. Daneben steht ein Baum, unter dem das heilige Feuer entfacht wird.
Während die Frauen um kleinere Lagerfeuer sitzen oder in Gruppen beisammenstehen, exerzieren die Männer ihre seit 1923 üblichen Truppenparaden. Diese Truppenspiele sind dem soldatischen Drill der kaiserlich-deutschen Schutztruppe nachempfunden. Die einzelnen Ortstruppen werden von einem "Fähnrich" angeführt und stehen unter dem Befehl eines "Offiziers". Dabei werden die alten deutschen Dienstgradbezeichnungen bis hinauf zum "Generalfeldmarschall" verwendet.
Von den Schutztrupplern sowie den Engländern und Schotten abgeguckt ist auch die Festtagskleidung der Männer. Die khakifarbenen Uniformen sind in der Mehrzahl mit roten Litzen und Schulterstücken besetzt. Rot ist nämlich die Nationalfarbe der Maharerogruppe und findet sich auch in der Mehrzahl der viktorianischen Schnitten nachgeahmten Hererokleider, die die Frauen an diesem Tag tragen. Die Farbe Rot symbolisiert das vergossene Blut während des Krieges von 1904. Ihre Wahl als Nationalfarbe hat aber auch noch einen anderen Grund: Samuel Maharero hatte nämlich seinerzeit eine rote Schärpe von der deutschen Ortspolizei erhalten.
Während man die Frauen der Maharero-Gruppe also an ihren roten Röcken mit schwarzen Miedern und roten Kopfbedeckungen, den ovikaeva (Singular: otjikaiva), erkennt, tragen die anderen Gruppierungen ihre eigenen Farben. Die Zeraua-Herero zeichnen sich durch weiße Kleider mit schwarzem Mieder und weißer oder schwarz-weißer otjikaiva aus. Die Nationalfarben der Mbanderu sind Schwarz, Weiß und Grün.
Als Nikodemus Nguvauva, ein Neffe Kahimemuas und derzeitiger Führer der in Betschuanaland lebenden Mbanderu, 1931 nach Südwestafrika kam, brachte er seinen Leuten eine eigene Fahne in diesen Farben mit. Grün symbolisiert die Farbe des Landes nach gutem Regen; weiß soll daran erinnern, dass Nikodemus niemals Krieg geführt und mit jeder Regierung in Frieden gelebt hat; Schwarz steht für die Trauer um die verstorbenen Führer des Volkes.
Die Mbanderu aus Windhoek kleiden sich bei den Festen jedoch meist in Khaki. Auch Frauen aus der Maharero-Gruppe, besonders aus der Oberschicht, tragen statt roter oft khakifarbene Kleider. Die jeweiligen Nationalfarben finden sich nicht nur auf den Schirmmützen oder den selteneren "Südwesterhüten" mit ihrer seitlich hochgeschlagenen Krempe wieder, sondern auch in Orden und Ehrenzeichen (je höher der "Dienstgrad", desto mehr "Abzeichen") und den Fahnen. Auf der roten Maharero-Fahne ist außerdem ein Kudu abgebildet, der erkenntlich macht, dass Maharero der oruzo rwohorongo (Patri-Clan des Kudu) angehörte.
Der Ablauf des Hererotages
Bei Sonnenaufgang am Sonntagmorgen beginnt die Aufstellung am Truppenhaus, bevor der Menschenzug Richtung Ort maschiert. Er wird geleitet von Oberhäuptling Riruako, Häuptling Zeraua aus Omaruru (beide in blauer Phantasieuniform), Unterhäuptlingen, Hererogeistlichen und prominenten Gästen. Dahinter folgen die Truppenabordnungen der einzelnen Orte und ganz am Schluss die Frauen.
"Zeremonienmeister" sorgen für die Einhaltung der genau festgelegten Reihenfolge. Der Zug erstreckt sich meist über eine Länge von etwa vier Kilometern und der Aufmarsch dauert bis zum Mittag.
Zuerst zieht man zu den Gräbern der Häuptlingsdynastie Tjamuaha/Maharero. Es werden Gebete gesprochen und die Ahnen begrüßt. Wer erstmals zu den Gräbern kommt, legt einen Stein oder Ast am Rand des Grabes nieder. Alle anderen berühren den Grabstein mit der Hand. Das soll einerseits den Kontakt mit den Ahnen vermitteln, andererseits jedem Einzelnen Kraft und moralischen Halt für das kommende Jahr verleihen.
Anschließend geht es einige hundert Meter weiter zum Gelände der ehemaligen Rheinischen Mission, wo Hosea Kutako (1870 - 1970) und Clemens Kapuo (1923 - 1978) begraben sind. Dort erfolgt die gleiche Prozedur, bevor die Kolonne schließlich noch gegenüber zum alten Friedhof der Rheinischen Mission zieht. Dort besuchen die Herero die Gräber Angehöriger der Herero-Oberschicht, einiger Missionare sowie deutscher und südafrikanischer Soldaten.
Abschließend marschiert der Zug zurück zum Truppenhaus. Dort werden dann vom Oberhäuptling und anderer Prominenz Reden gehalten, die seit einigen Jahren mehr und mehr den Charakter politischer Erklärungen annehmen. Mit einem Gottesdienst und traditionellen Gesängen klingen die Feierlichkeiten schließlich aus.
Verwendete Literatur:
Wolfgang Reith: "Der Hererotag - Tradition und Politik", in: Mitteilungen der Namibia Wissenschaftlichen Gesellschaft, Januar 1987.
Antje Otto: "Feste, Farben und Fahnen der Herero und Mbanderu in Südwestafrika", in: SWA-Jahrbuch 1983.
Antje Otto: "Einige Gedanken zur Geschichte und zum Verlauf des Zeraua-Festes der westlichen Herero", in: Namibiana Vol 1 (1) 1979.