In einem traditionellen Ovambo-Haus in Mondesa serviert Tascha Ndahalele Hunderten von Touristen Mopane-Raupen – ein Erfolgsrezept
Es sind die riesigen Plastikbeutel gefüllt mit getrockneten Raupen, die für Tascha Ndahalele (40) mehr wiegen als Gold. „50 Kilo Mopane-Raupen reichen gerade einmal für drei bis vier Monate“, sagt die Geschäftsfrau aus dem Swakopmunder Vorort Mondesa stolz. Drei bis vier Monate – dann ist der nächste Raupen-Großeinkauf für Taschas „Lumbumbashi“-Restaurant fällig. Raupen für ihre Familie, hauptsächlich aber für Touristen aus aller Welt. Es ist ihr Hunger nach Exotik, der die Township-Bewohnerin innerhalb weniger Monate zu einer wohlhabenden Frau gemacht hat.
In Tascha Ndahaleles Innenhof geben die Kinder eine kleine Aufführung von traditionellen Tänzen und Liedern für die Touristen.
Dank ihrer einfachen Strohhütte im Hinterhof ihrer Shebeen „Back Of The Moon“ ist die dreifache Mutter mittlerweile eine lokale Berühmtheit. Um die Shebeen herum haben sich Verkäufer mit Souvenir-Ständen Platz gemacht. Weiter durch im Schatten des spitzen Rieddaches empfängt und bekocht Tascha Ndahalele täglich Dutzende von Touristen, erklärt ihnen die Ovambo-Küche ihres Heimatdorfes Okandjera, im Norden Namibias, lässt sich im traditionellen Kleid fotografieren. Und wenn dann plötzlich eine Kreuzfahrt-Gruppe von 100 japanischen Touristen vor der Tür steht, wird es stressig. Dann reicht der Platz in der Drei-Quadratmeter-Strohhütte nicht mehr und im Shebeen nebenan werden Tische und Stühle aufgestellt – bis kaum mehr Platz zum Servieren bleibt. „Dieses Jahr will ich eine zweite Strohhütte bauen“, sagt Tascha Ndahalele ohne Überschwang in der Stimme. Das Geschäft brummt, doch die Unternehmerin bleibt lieber bescheiden – im Wissen, dass Zeiten sich ändern. 2001 war die gebürtige Swakopmunderin noch arbeitslos.
Mittagessen in der Strohhütte: Die deutsche Touristin Andrea aus Berlin lässt sich von Restaurant-Chefin Tascha Ndahele die einzelnen Ovambo-Gerichte erklären.
Ihr großer Traum Psychologin zu werden, war schon 20 Jahre zuvor zerplatzt. „Nach der Schule mit 15 Jahren habe ich die Weiterqualifikation für die Universität nicht bekommen. Ich habe versucht, zu Hause weiter zu lernen, aber ich hatte einfach nicht den Kopf dafür und niemanden, der mir bei Fragen weiterhelfen konnte“, sagt Tascha Ndahalele mit gesenktem Blick. Sie wurde mit 16 Jahren Mutter, hütete ab dann das Haus in Mondesa, machte den Haushalt, sorgte für ihre Familie und Geschwister. Bis sie 2001 Michelle kennenlernte. Michelle, eine weiße Geschäftsfrau aus Swakopmund, suchte Mitarbeiter für ihre „Hata Angu Cultural Tours“ und eine Einheimische, die ihre Gruppen in Mondesa in Empfang nimmt. Ab da ging es für Tascha Ndahalele bergauf. Sie verdiente eigenes Geld, erntete Anerkennung, 2004 beschloss sie eine Strohhütte als Restaurant zu bauen. „Ich wollte den Besuchern meine Kultur näherbringen. Die meisten Touristen fahren nicht so weit hoch in Norden in mein Heimatdorf Okandjera, um die traditionellen Behausungen zu sehen. Also musste der Norden zu ihnen kommen“, erzählt Tascha Ndahalele.
Tascha Ndahaleles Ovambo-Restaurant steht direkt hinter dem „Back Of The Moon“-Shebeen im Swakopmunder Stadtteil Mondesa.
Mit ihrem Ehemann bauten sie innerhalb weniger Tage die Hütte auf – so groß, dass sechs Leute an einem Plastik-Gartentisch darin Platz finden. Der Name „Lumbumbashi“ kam ihr in den Sinn, als ihr Mann sie aus der gleichnamigen Stadt im Kongo anrief. Seitdem verfeinerte und verbesserte die ehrgeizige Chefin stetig ihr Konzept, erweiterte die Speisekarte, stellte Foto-Alben mit Bildern aus ihrem Heimatdorf für die ausländischen Besucher zusammen. Einige zeigen wie Taschas Bruder das Feld pflügt, andere wie ihre Nichten traditionelles Bier aus Perlhirse brauen. Das typische Mahangu-Bier serviert die Köchin als Apéritif, danach deckt sie mehrere verzierte Holzschalen auf. „Das hier ist Porridge, das auch aus Perlhirse zu Brei gestampft wird“, erklärt Tascha Ndahalele, als sie den dicken gelben Brei auf Teller aufträgt. Daneben richtet sie Spinat und weiße gekochte Bohnen an. Soweit, so gut. Soweit, alles bekannt. Der Akt der Überwindung folgt erst, als ein großer Löffel frittierte Mopane-Raupen neben Bohnen und Brei auf dem Teller landen. Wohl bekomm’s, liebe Touristen. Ein italienisches Pärchen lächelt nur noch mit der Oberlippe, ein älterer Deutscher greift mutig zu und kaut die erste Raupe seines Lebens durch. Tascha Ndahalele schaut leicht schmunzelnd zu.
Die stolze Chefin Tascha Ndahalele vor ihrem Strohhütten-Restaurant im Ovambo-Stil: Über 100 Touristen hat die dreifache Mutter in guten Monaten hier zu Gast.
„Es gibt eigentlich nur zwei Gruppen von Besuchern. Die einen die erst vorsichtig, aber dann mit großem Appetit zuschlagen und die die kurz an einer Raupe knabbern, um dann bei den Beilagen zu bleiben“, so die Betreiberin. Letzteren bleibt schließlich, sich am fruchtigen Dessert zu laben. Getrocknete Beeren und Makalani-Nüsse, dessen dünne harte Schale erst wie eine Eierschale entfernt werden muss, um an das keksweiche Fruchtfleisch zu gelangen. Fazit: Eine Erfahrung, die Horizont und Gaumen erweitert. Tascha Ndahalele lächelt zufrieden. Diese Woche fährt sie wieder nach Angola – um säckeweise Mopane-Raupen zurückzubringen. Die Insekten werden direkt vom Stamm des Mopane-Baums eingesammelt, wo sie zu Dutzenden auf und unter der Rinde leben. Ob das Kilo getrocknete Raupen dann 60 oder 90 namibische Dollar kostet, hängt stark von den Wetterbedingungen ab. Mal regnet es Wochen über so stark das die Raupen während des Trocknungsprozesses nass und damit ungenießbar werden. Von Jahr zu Jahr schwanken die Populationsgrößen. Dann steigt der Kurs pro Mopane-Raupen-Sack wie der Goldpreis an der Börse. Für Tascha Ndahalele ist er der Kurs, der wie für internationale Banker über Reichtum oder Pleite entscheiden. Dieses Jahr, 2010, weiß sie, ist ein Gutes.