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Regen in Namibia

 

Vom 25.07.2008

Antike Irrfahrt mit aktuellem Bezug

Tanzend gegen Aids: Namibias Odysseus rockt das Nationaltheater

Mit ihrer fulminanten Tanzshow „The Namibian Odysseus“ begeisterten die Jugendlichen der Hilfsorganisation Ombetja Yehinga (OYO) das Publikum vergangene Woche im Nationaltheater. In einer atemberaubenden Choreographie und mit raffinierten Kombinationen aus Musik, Video- und Lichtinstallationen boten die Laienschauspieler abendfüllende Unterhaltung auf höchstem Niveau. Und das trotz – oder gerade wegen – der ernsten Botschaft hinter der außergewöhnlichen Inszenierung: dem Kampf gegen HIV/Aids.

© Privat
Liebe, Treue, Verführung – das waren die zentralen Themen des „Namibian Odysseus.“
Zu den fetzigen Klängen des Queen-Klassikers „I Was Born to Love You“ stürmen sie auf die Bühne und ziehen das Publikum vom ersten Moment an in den Bann ihrer energetischen Show: Perfekt sitzende Hebefiguren, elegante Pirouetten, kompliziert anmutende Schrittfolgen – den jungen OYO-Schauspielern merkt man nicht an, dass sie alles andere als Profis sind und erst vor gut drei Monaten mit den Proben des Namibischen Odysseus begonnen haben. Ausdrucksstark auch ohne Worte, erzählen sie die bewegende Geschichte des jungen Helden (glänzend interpretiert von Zito da Cunha) auf seiner Fahrt durch die Irrgärten menschlichen Frevels. Nur, dass sich diese in der heutigen Inszenierung nicht vor 2500 Jahren zuträgt, sondern hier und jetzt, mitten unter uns, in der namibischen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Und die ist geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit, Frust und Zukunftsängsten und einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Kein Wunder deshalb, dass der junge Odysseus allzu leicht vom rechten Wege abkommt, sich auf seiner Arbeitssuche quer durch das Land in den Fallstricken der Lust verirrt und seiner Familie zuhause nicht lange die Treue hält. Herzzerreißend nicht nur die Abschiedsszene von Gattin Penelope (Julien Geirises) und Söhnchen Telemachos (rührend verkörpert vom achtjährigen Willy Iyambo). Auch das anschließende Spiel der Geschlechter bringt die junge Truppe äußerst souverän und mit der nötigen Spannung auf die Bühne. Die Folgen eines solchen Verhaltens werden dem Zuschauer nicht lange vorenthalten: Eine tiefe Frauenstimme klingt aus dem Off und spricht „nur vier Worte: UNPROTECTED SEX KILLED ME!“ Verstärkt wird das Arrangement außerdem durch geschickt eingeflochtene Textbotschaften der Videoleinwände, sowie von einer gekonnten Musikauswahl. Passend zu den prominenten Themen des Stücks – Liebe, Treue, Begierde, aber auch Schuld, Reue und Versagen – folgt ein abwechslungsreicher Soundtrack verschiedenster Stilrichtungen, nicht selten in interessanten Remix-Versionen.

Vorläufiger Höhepunkt der Darbietung ist zweifelsohne die auch visuell höchst beeindruckende Wasserkulisse, vor der die ganz in blau-grün gekleideten Tänzer die Wellen des atlantischen Ozeans mit harmonisch-fließenden Körperbewegungen nachahmen. Überboten wird diese allenfalls von der bewegenden Beerdigungsszene am Ende der namibischen Odyssee. Ganz in schwarz gekleidet und mit einer roten Nelke in der Hand, trägt die Truppe vier Frauen aus ihrer Mitte zu Grabe. Hingerafft vom tödlichen Virus, liegen sie nackt und schutzlos auf dem kalten Theaterboden – „HIV+“ prangt in großen, roten Lettern auf ihren jungen Mädchenrücken.

Während die Schülervorstellungen des „Namibian Odysseus“ von Mittwoch bis Freitag vor vollem Haus stattfanden, waren die Abendvorstellungen am Donnerstag und Freitag jeweils nur spärlich besucht. Schade – und erschreckend – dass ein solches Sujet in einem Land, wo fast jeder Vierte mit HIV/Aids infiziert ist, nicht auf ein größeres Publikumsinteresse stößt!
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