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Regen in Namibia

 

Vom 28.11.2008

Afrika für Fortgeschrittene

Geparden streicheln, Leoparden auswildern: Barbara Imgrund war als Volontär auf der Farm N/a’an ku sê

Den August 2008 verbrachte die deutsche Lektorin, Übersetzerin und Buchautorin Barbara Imgrund aus Heidelberg in Namibia. Nachdem sie zwei Jahre zuvor auf einer Reise durch Kenia ihre Liebe zu Afrika entdeckt hatte, wollte sie den „dunklen Kontinent“ einmal aus einer anderen Perspektive als der des Touristen kennen lernen. Und so verdingte sie sich für drei Wochen als Volontär auf der Farm N/a'an ku sê nahe Windhoek. Ihre Erlebnisse beschreibt sie so:

© Privat
Namibia-Volontärin Barbara Imgrund auf Tuchfühlung mit Gepard Aisha.
Ich hatte einen Traum von Afrika: Weite, Wüste, wilde Tiere. Und im Hintergrund eine Sonne, die hollywoodreif untergeht …
Mit diesen Klischees im Kopf stieg ich am Flughafen von Windhoek in den Shuttlebus, der mich zur Farm bringen sollte. Dort wollte ich in den nächsten Wochen als Volontär helfen, Geparden streicheln und mich ansonsten überraschen lassen. Als der Fahrer nach knapp einer halben Stunde auf den staubigen Hof einbog, war die Überraschung denn auch perfekt: Beim Anblick der Volontäre in ihrer vom Fleischzerkleinern blutbesudelten Montur dämmerte es mir – die nächsten Wochen würden alles andere als eine Hochglanzsafari werden. Willkommen in der Wirklichkeit!


Schützen statt schießen
 
Vor knapp zwei Jahren gründeten Rudie und Marlice van Vuuren etwa vierzig Kilometer östlich von Windhoek eine Farm: N/a’an ku sê. In der Sprache der Buschmänner bedeutet das „Gott wacht über uns“. Doch N/a’an ku sê ist keine gewöhnliche Farm. Hier wird nichts angebaut und auch kein Vieh gezüchtet. Es ist vielmehr ein Tierschutzprojekt, eine Idee. Mittlerweile sichert diese Idee die Existenz einiger Buschmannfamilien, Schafe, Pferde, Hunde – und wilder Raubkatzen.
Die van Vuurens hatten beide für Harnas gearbeitet. Doch irgendwann waren sie es müde, wilden Tieren für immer die Freiheit zu nehmen und sie hinter Zäune zu verbannen. Heute lautet ihr Motto „Conservation through Innovation“: bewahren, indem neue Wege beschritten werden. Übertragen heißt das, den Farmern zu vermitteln, Raubkatzen, die auf ihrem Land Vieh reißen, nicht abzuschießen, sondern sie einfangen und dort wieder auswildern zu lassen, wo sie niemandem schaden – zum Beispiel in NamibRand an der Grenze zum Namib Naukluft National Park.

Mit wilden Tieren auf Du und Du
 
Aber natürlich ist mit einer Idee allein noch nicht viel gewonnen. Man braucht Verbündete, Menschen, die bereit sind, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen. Ich habe einige auf N/a’an ku sê kennen gelernt – Mitarbeiter, Buschmänner und Volontäre. Und für kurze Zeit gehörte ich zu ihnen. All die wilden und zahmen Tiere, die auf dem Farmgelände leben, müssen schließlich versorgt werden. Für mich hieß das: Bewässerungsgräben ausheben, Buschgras schneiden und Futter für Paviane und Raubkatzen vorbereiten. Es hieß aber auch Wüstenluchse und Geparden streicheln und Löwen und Leoparden in den Gehegen beobachten. Und es hieß von früh bis spät staunen und lernen.
Vom ersten Augenblick an schlugen mich die Raubtiere von N/a’an ku sê in ihren Bann. Sie alle, die auf dem Farmgelände in großzügigen Gehegen untergebracht sind, können nicht mehr in die Freiheit entlassen werden. Ihnen geht es so gut, wie es wilden Tieren in Gefangenschaft nur gehen kann. Doch seitdem ich vom Auswilderungsprojekt der van Vuurens in NamibRand erfahren hatte, wusste ich, dass ich dorthin musste. Und so brach ich eines Morgens mit Cila, unserer „Anführerin“, Piet, dem Buschmann-Tracker, und vier weiteren Volontären gen Süden auf.

Die Wüste in mir
 
Um es vorweg zu nehmen: Die Namib schluckte mich mit Haut und Haaren. Dort war ich glücklich und ruhig in mir. Wer die Wüste nicht selbst erlebt hat, ihre Weite und ihren Frieden, ihre Härte und Unerbittlichkeit, wird es nicht verstehen, und ich werde es ihm nicht erklären können. Ich kann ihm nur sagen, dass ich seither ein kleines Stück Wüste in mir trage. Und es ist ein größerer Schatz für mich als manches Schulwissen.
Von unserem Basiscamp aus, dem einstigen Farmhaus Gorrasis, versuchten wir täglich, per Antenne und Peilsender Signale der drei Geparden aufzufangen, die hier vor drei Monaten mit Sendehalsbändern versehen ausgewildert worden waren. Der Auftrag hieß, sie aufzuspüren und nach Möglichkeit zu sichten. Um dem Projekt auch in Zukunft den Segen der Regierung zu sichern, wollten wir beweisen, dass die Geparden in NamibRand heimisch geworden und nicht erneut auf Farmland abgewandert waren.
Doch das Tracken ist gar nicht so einfach. Ein langer Atem ist dazu erforderlich, Erfahrung, Wissen, nicht zuletzt gutes Schuhwerk und immer wieder Glück. Wie oft ließen wir den Truck stehen und schlugen uns durch den Busch, dem Signal hinterher über Stock und Stein. Manchmal saßen wir bis zu fünf Stunden an, um einen Blick auf die Geparden zu erhaschen, die dann doch unsichtbar blieben. Wir froren und schwitzten, verzichteten auf Strom und so manchen anderen Komfort, um hier draußen sein zu können. Und wussten jede einzelne Minute, warum wir es taten.
Unsere Geduld wurde belohnt: Die Geparden zeigten sich uns. Zweimal. Und da wir bei aller Tierliebe ja auch nur Menschen sind, wurde abends mit einem Extraglas Wein gefeiert. Prost, ihr drei – auf euch und die Freiheit!

„Lauf – und sei frei!“
 
Und dann kam der Leopard. Auch er war auf einer Farm in die Falle gegangen, nachdem er Vieh gerissen hatte. Auch er sollte in NamibRand ein neues, sicheres Zuhause finden. In aller Frühe fuhren wir den Trailer mit dem Käfig auf ein Hochplateau, das wie geschaffen für die Auswilderung war. Konzentriert trafen Cila, Piet, Wildhüter Andreas und der deutsche Biologe Florian die nötigen Vorkehrungen. Schließlich der große Augenblick: Cila betätigte den Mechanismus, der die Käfigtür hob. Und der Weg war frei.
Zwei, drei Sekunden nichts. Atemlose Stille. Dann ein gefleckter Kopf. Er schiebt sich nach vorn, vorsichtig, ins Freie. Das Sendehalsband rückt ins Blickfeld. Achtsam wirkt das Tier, auf der Hut. Ein Blick nach rechts zu uns. Ein Blick nach links zum zweiten Fahrzeug. Samtpfotiges Vorwärtstasten. Ein Satz von Rudie fällt mir wieder ein: „Es gibt nichts Schöneres, als ein wildes Tier in die Freiheit zu entlassen.“ Ganz plötzlich Tränen in meinen Augen, und ich verstehe. So also war es gemeint von allem Anfang an. Wir sind die Eindringlinge, nicht sie. Doch der Leopard wartet nicht, bis ich zu Ende gedacht habe. Mit vier, fünf Sätzen hat er die Anhöhe erklommen. Ruhig steht er oben und sieht auf uns herab. Dann dreht er sich um und ist schon verschwunden.
„Lauf – und sei frei!“ Diesen Wunsch raunte Cila vor zwei Monaten jedem der drei Geparden zu. Ich flüstere ihn nun zur Anhöhe hinauf.

Heimweh
 
Längst bin ich wieder zuhause, in meinem Alltag, der Namibia beinahe so fern ist wie der Mond. Manchmal vergesse ich fast, wo ich war. Und doch ist alles anders. Oder bin nur ich es, die anders ist?
Ich habe Heimweh nach der Wüste, den Tieren und den Menschen, denen sie am Herzen liegen. Denn ich habe noch immer einen Traum von Afrika. Heute hat er nur mehr mit der Wirklichkeit zu tun als damals am Flughafen. Ich weiß jetzt, dass ich helfen kann, ihn ein kleines bisschen wahrer werden zu lassen. Und darum werde ich wiederkommen. Tot siens, Namibia.

Barbara Imgrund

Laufend aktualisierte Informationen über N/a’an ku sê können Sie unter www.ecotourism-namibia.com abrufen.
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