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Regen in Namibia

 

Vom 25.07.2008

„Gott benutzt auch kein Lineal!“

Susan Mitchinson mit neuer Ausstellung „I Believe“ in der Nationalgalerie

Montagmittag im Foyer der Nationalgalerie. Pferde, Hunde und Katzen stapeln sich neben Springböcken und Antilopen, an der Wand lehnen farbenfrohe Mädchenportraits neben kantigen Bleistiftakten durchtrainierter Männerkörper. Sie alle stammen aus der Hand von Susan Mitchinson und warten darauf, gehängt zu werden. Über hundert Werke umfasst die neue Ausstellung der renommierten Künstlerin, die den Titel „I Believe“ trägt und bis zum 17. August 2008 in der Hauptstadt zu sehen ist. Noch vor der Eröffnung am Dienstag - mitten im Vorbereitungsstress - nahm sich Susan Zeit, um mit WAZon über ihre Schau, die Faszination von Kurven, und über gottlose Lineale zu sprechen.

© Gesa Wicke
Beziehungen zwischen Mensch und Tier sind ein wiederkehrendes Motiv in Susans Bildern.
„Ich wünsche mir, dass die Menschen aus dieser Ausstellung fröhlich herausgehen, mit guter Laune und neuer Kraft, und sich über das Leben freuen“, formuliert Susan Mitchinson das zentrale Anliegen ihrer Kunst. „Da bin ich ganz Anhängerin der antiken Katharsis-Idee!“ Die Stimmung des Betrachters aufzuhellen, das dürfte Mitchinson mit ihren farbenfrohen Ölgemälden nicht sonderlich schwer fallen. Schwungvoll-energisch in der Pinselführung, dynamisch in der Formgebung und von kräftigstem Kolorit, strömen die Bilder einen geradezu magischen Sog aus. Der scheint einen beim Davorstehen förmlich hineinzuziehen in eine andere, bunte Welt der Farben und Formen. Die großflächigen Öl-auf-Leinwand-Kompositionen bilden das Herzstück der Ausstellung und werden ergänzt durch eine Auswahl an Bleistiftzeichnungen und charaktervollen Holzdrucken in schwarz-weiß, welche das Schaffen der vielseitigen Künstlerin in seiner ganzen Breite zeigen.

Doch so vielfältig auch die Formgebung, wiederkehrende Motive durchziehen das Oeuvre der zierlichen Malerin wie ein roter Faden: Die Werke erzählen von Freundschaft und Liebe, von Schönheit und Körperbewusstsein, von Werten wie Wärme und Geborgenheit, Solidarität, Respekt und Zusammenhalt. Liebespaare in freundschaftlichen Umarmungen und intimer Verschlungenheit und dazwischen Tiere, immer wieder Tiere. Die verschränkten Hörner zwei junger Springböcke im Duell, ein junges Mädchen, das an seiner nackten Schulter zärtlich ein Pferd liebkost, zwei Lämmer beim Schlafen friedlich ineinander gerollt. „Im Leben geht es immer um die richtige Balance zwischen Spannung und Harmonie. Ganz gleich, ob in menschlichen oder tierischen Beziehungen“, ist Susan überzeugt. „Von Tieren lernt man jeden Tag etwas Neues über das Leben, wir müssen ihnen nur zuhören – doch das tun leider die wenigsten Menschen.“

Welch hohen Stellenwert hingegen vierbeinige Artgenossen im künstlerischen Schaffen Mitchinsons einnehmen, ist kaum zu übersehen. Die gebürtige Engländerin lebt seit ihrer Ankunft in Namibia vor über zwanzig Jahren „auf fünf Hektar Sand“, wie sie selber ihr tierfreundliches Anwesen in der Namibwüste vor Swakopmund nennt. Nicht nur ihre Pferde, auch Hund Sammy oder die Schafe des Nachbarn stehen der leidenschaftlichen Reiterin hier Modell. „Für mich gibt es nichts Faszinierenderes, als wenn der Blick eines wilden Tieres dich trifft.“ Wenn das geschieht, gibt es für die talentierte Tiernärrin kein Halten mehr. So wie letzte Nacht, als sie im Haus von Freunden um fünf Uhr morgens vom Schrei einer Eule geweckt wurde. Kurzerhand hat sie sich da in den Garten geschlichen, um diesen kostbaren Moment im ihrem Skizzenbuch – ihr Kostbarstes, das sie stets mit sich herumträgt - zu verewigen. „Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass diese Vögel ein wunderschön herzförmiges Gesicht haben“, erinnert sie sich mit Leuchten in den Augen an ihr nächtliches Zeichenabenteuer.

Auch farblich lässt sich Mitchinson in erster Linie von ihrer täglichen Umgebung inspirieren – „Wüstentöne“ dominieren ihre Bilder, während grün hingegen nur äußerst spärlich Verwendung findet. Doch trotz aller Farbfreudigkeit – „Kunst darf nicht nur emotional wirken, sondern muss auch den Intellekt ansprechen.“ Wie ein gutes Buch oder ansprechende Musik möchte sie mit ihren Gemälden Anstoß geben, das Leben kritisch zu hinterfragen und offen zu sein, für Alternativen und Andersartiges – „nur wenn ein Bild das schafft, ist es ein ganzer Diamant.“

Brillieren tun Susans Bilder schon alleine aufgrund ihrer beeindruckenden Linienführung. Die kantigen Körperkonturen ihrer Bleistiftakte, das sinnliche Profil ihrer Mädchenportraits, die schwungvollen Rundungen von Wirbelsäulen, Hüften und Brüsten – dass Susan ihre künstlerische Ausbildung in den siebzieger Jahren in Frankreich bei einem Bildhauer genoss, merkt man ihren Werken bis heute noch an. Das auch bei „Princess“, dem so plastisch wirkenden Ganzkörperportrait einer jungen Frau mit unbekleidetem Oberkörper, für das ihre sechzehnjährige Tochter Rebecca Modell stand. Weibliche Schönheit, mal offen und provokativ, dann wieder schüchtern-versteckt, ist ein weiteres Thema, zu dem die studierte Literaturwissenschaftlerin immer wieder zurückkehrt. „Mich faszinieren Rundungen und Formen. Harte, gerade Linien dagegen verabscheue ich.“ Und wähnt sich dabei in bester Gesellschaft: Schließlich seien Linien eine rein menschliche Erfindung, „Gott dagegen schuf Kurven. Oder können Sie sich einen Gott vorstellen, der ein Lineal benutzt?“

Malen – das bedeutet für Susan Mitchinson vor allem Spaß, Freude, Genuss. Und ein bisschen davon möchte sie mit ihren Bildern auch an den Betrachter weitergeben. „Ich betrachte mich selbst als eine Art Entertainer, meine Werke sind wie kleine Theaterinszenierungen, die ihre eigene Geschichte erzählen, und dabei ein wenig frischen Wind ins Haus bringen, wie ein Ventilator.“ Mittlerweile hat sich die renommierte Künstlerin einen Kundenstamm auf der ganzen Welt aufgebaut, ihre Werke hängen in Sammlungen und Galerien rund um den Globus, ausgestellt hat sie in England, Frankreich oder Deutschland. Doch das war nicht immer so. Im Gegenteil, „verdammt hart“ sei der Anfang ihrer Karriere gewesen, erinnert sich Susan heute zurück, als sie mit ihren kleinen Töchtern quasi „von der Hand in den Mund“ lebte und die Familie die finanzielle Unsicherheit fast täglich am eigenen Leibe zu spüren bekam. Und dennoch ist sie für diese Erfahrung in ihrer „künstlerischen Parallelwelt“ zutiefst dankbar. „Als Künstler hast du kein Gerüst der Routine um dich herum, das dich stützt. Kein Büro, keine Sicherheit – da merkt man sehr schnell, was wirklich wichtig ist im Leben, und emotionale Bindungen zu Familie und Freunden werden dafür umso wichtiger.“ Diese Erkenntnis spiegelt sich auch in den Exponaten dieser Ausstellung: „Die Leute denken immer, ich sei ein moderner Künstler. Aber eigentlich bin ich ziemlich altmodisch.“ Liebe, Treue, Respekt und das Gute im Menschen – das seien die Werte an die sie glaube. „I Believe“ eben, wie es auch im Titel der Schau schon anklingt.

Generell spricht die sich selbst als „eher introvertiert“ bezeichnende Freiberuflerin jedoch lieber über ihre Bilder, als über ihr Privatleben. „Schluss jetzt mit meinem Seelenleben“, sagt sie denn auch mit einem Lachen, „ich fühle mich ja schon wie auf der Couch eines Psychiaters!“ Da wendet sie sich doch lieber wieder den immer noch auf ihre Hängung wartenden Kunstwerken zu, geht mit den Helfern den Ausstellungsplan durch und legt auch selber mit Hand an. „Ein wenig aufgeregt“ sei sie schon, gibt Susan mit einem Augenzwinkern zu. Schließlich sei so eine Ausstellungseröffnung doch immer wieder „etwas ganz Besonderes.“ Und am Ende, wenn endlich alles an seinem Platz hängt, stehe sie immer „ganz ehrfürchtig“ da und denke sich: „Wow, hast das wirklich alles du geschaffen?!“

Die Ausstellung „I Believe“ läuft noch bis zum 17. August 2008 in der Nationalgalerie in Windhoek. Alle dort ausgestellten Werke werden mit Abschluss der Ausstellung zum Verkauf angeboten. Nähere Informationen sowie einen Katalog der Bilderschau erhalten Sie unter 061-231160.
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