Um vorzubeugen, dass ihre Stimme im Schwall der Worte zur 20. Unabhängigkeitsfeier untergeht, hat die neue Opposition RDP (Rally for Democracy and Progress) ihren verbalen Beitrag schon Tage vorausgeschickt. Sie würdigt die Opfer, die die Kämpfer im Unabhängigkeitskampf gebracht haben, und bringt ihre Enttäuschung zum Ausdruck, was von der großen Hoffnung nach zwei Jahrzehnten übrig geblieben ist. Dabei stecken die Progressivdemokraten in dem Dilemma, dass sie – die Abtrünnigen der SWAPO – die ersten 18 Jahre der Misswirtschaft mit zu verantworten haben, die sie jetzt lautstarkt anprangern.
Die nächsten Tage werden mit den Grußbotschaften angereister VIPs sowie mit den obligatorischen Reden des Staatsoberhaupts Pohamba und seines Vorgängers Gründungspräsident Nujoma eine reiche Ernte an Rhetorik, an politischen Anstandsreden und an Klischees bringen. Wie gewohnt zu solchen Anlässen werden viele Rituale bemüht, nicht zuletzt der Personenkult um den Gründungspräsidenten, die Anrufung der lebenden und gefallenen Freiheitskämpfer, wobei es die SWAPO bisher noch nicht fertiggebracht hat, zu einem Unabhängigkeitsgedenken ehemalige Gegner einzuladen.
Der Unabhängigkeitskampf hatte ja durchaus schizophrene Gesichter. Die südafrikanische Verwaltung und ihre Mitarbeiter, auch Kollaborateure genannt, haben in der Zivilgesellschaft vor 1990 durchaus Entwicklungsarbeit geleistet. Ja, sie wollten die Herzen und Sinne der Bevölkerung erobern, was ihnen zumindest südlich der Etoschapfanne weitgehend gelungen war. Der blutige Krieg fand sporadisch an der angolanischen Grenze, in Angola und bei vereinzelten Terroranschlägen teils im ehemaligen Ovamboland statt. Die Zivilbevölkerung hatte zwischen den Fronten nichts zu lachen. Das war die Kehrseite zum relativen Frieden im übrigen Land. Nach 20 Jahren Unabhängigkeit stünde es der Regierung gut an, wenn sie die Größe besäße, mit ehemaligen Gegnern zwei Frieden zu feiern.
Für eine solche Geste der Versöhnung müssten die SWAPO-Genossen allerdings die Scheuklappen der Verkrampfung ablegen. Von Nelson Mandela könnten sie viel lernen, der vor 20 Jahren kurz nach seiner Freilassung aus politischer Haft als bescheidener Gast in Windhoek auf der Unabhängigkeitstribüne saß.