Das Reiterstandbild steht wieder auf historischem Boden im Herzen der Hauptstadt. Mit anderen Kolonialbauten bietet es den notwendigen Kontrast zum Monumentalbau des Unabhängigkeitsdenkmals – auch Museum genannt – das jetzt gerade erst knapp mehr als die Hälfte seiner Höhe erreicht hat. Der Neubau soll das alte Ensemble sprengen und das Geltungsbedürfnis und den aus der Diktatur Nordkoreas entlehnten Geschmack der neuen politischen Elite dokumentieren. Über Geschmack lässt sich streiten, aber es gehört zur bisherigen Geschichte der Toleranz und der Versöhnung, dass prägnante koloniale Wahrzeichen, unter denen der Reiter das Bekannteste ist, im Übergang zur Unabhängigkeit und während der vergangenen zwei Jahrzehnte danach praktisch unberührt geblieben sind. Die unerwünschte Versetzung vom Hang am Verkehrszirkel an der Christuskirche zur Westseite der Alten Feste wurde unter Aufsicht des Deutschen Kulturrats mit großer öffentlicher Unterstützung vollzogen.
Nun erwartet die Öffentlichkeit jedoch einen zeremoniellen Akt der Wiedereingliederung in das Windhoeker Stadtbild, zu dem die Mehrheit der Bevölkerung den Reiter wie selbstverständlich zählt. Derweil die physische Versetzung und Wiederherstellung des Standbilds mit einer technischen Präzision vollzogen wurde, wie man es erwartet, wo Deutschsprachige als Auftraggeber, Verantwortliche und Mitwirkende ansprechbar sind, hapert es wieder einmal am politischen und kulturellen Selbstverständnis.
Niemand erwartet im Jahre 2010 einen politisch-chauvinistischen Festakt, dazu in zeitlicher Nähe der 20. Jubiläumsfeier namibischer Souveränität, bei der die Überwindung kolonialer Fesseln thematisch im Mittelpunkt steht. Den deutschsprachigen Namibiern, die das Auf und Ab der kolonialen und der neueren Geschichte ebenso direkt erfahren und mitgetragen haben wie irgendeine andere Gruppe, nicht zuletzt durch maßgebliche Beiträge zum wirtschaftlichen und physischen Aufbau des Landes, steht es schlecht an, im Umgang mit der Landesgeschichte leise zu treten. Da muss man sich etwas einfallen lassen, denn es gibt genügend andere Namibier, mit denen man auch das Reiterstandbild sowohl kritisch als auch versöhnlich einordnen kann.
Der größte gemeinsame Nenner aller Namibier ist das übergreifende Totengedenken aller Seiten im Kontext der kriegerischen Auseinandersetzungen zur Unabhängigkeit hin. Das hatte die frühere Reiterinitiative in einem Text per Konsens mit dem Bildungsministerium und dem Deutschen Kulturrat ausgehandelt, um den Reiter tatsächlich in die Zeitgeschichte zu integrieren. Dass die regierende Partei (noch) nicht zu einem solchen Gedenken bereit ist, schließt nicht aus, dass deutschsprachige Namibier eine solche Initiative einleiten können – ohne Konfliktscheue. Politische Unterwürfigkeit vor oder nach der Unabhängigkeit hat noch keiner Gruppe oder dem Land insgesamt je etwas eingebracht.