Der Besuch des deutschen Afrikabeauftragten Walter Linder vergangene Woche in Namibia lässt die Hinterfragung des Grundes der Reise offen: Warum musste Deutschland einen Gesandten nach Namibia schicken, um die Wogen in den Beziehungen beider Länder zu glätten?
Lindner hat sich bei Kulturminister Kazenambo dafür entschuldigt, dass die Schädeldelegation im September 2011 von der Bundesregierung nicht offiziell empfangen wurde. Na und? Die Rückführung der Schädel war keine bilaterale Staatsangelegenheit, sondern eine Vereinbarung zwischen einem Komitee aus Herero- und Nama-Vertretern sowie Mitarbeitern des Kulturministeriums auf namibischer Seite und der Charité-Uniklinik auf deutscher Seite.
Es ist ja nicht so, dass die Bundesregierung den Besuch gänzlich ignoriert hat: Immerhin war Staatsministerin Pieper bei der Übergabezeremonie anwesend, und in der Rangordnung liegt sie direkt unter dem Außenminister. Was haben Herr Kazenambo und die Delegation denn erwartet? Dass Bundespräsident Wulff oder Bundeskanzlerin Merkel oder Außenminister Westerwelle den roten Teppich ausrollen? Für eine Delegation, die nicht in bilateraler Mission kommt und nicht etwa vom namibischen Staatspräsidenten oder vom Premier oder vom Außenminister, sondern vom Minister für Jugend, Kultur und Sport angeführt wird?
Blickt man heute auf den Besuch Lindners und die Schädelreise von 2011 zurück, steht die Bundesregierung irgendwie als Depp da. Nicht nur, dass die 70-köpfige namibische Delegation die Ausstellung ihrer Visa für die Reise vom deutschen Auswärtigen Amt gesponsert bekommen hat. Nein, Deutschland musste sich von seinen Gästen im eigenen Land bei einer Podiumsdiskussion in Berlin mit dem Titel „Zeugen des deutschen Völkermordes“ auch noch beschimpfen und sich ein Verhalten wie bei den Nationalsozialisten vorwerfen lassen (Adv. Vekuii Rukoro). Außerdem wurde Staatsministerin Pieper während der Übergabezeremonie vom Pro-Völkermord-Lager quasi aus der Veranstaltung gebuht. Und nun kommt der Afrika-Beauftragte der Bundesregierung und entschuldigt sich seinerseits beim Delegationsleiter.
Die Bundesrepublik zahlt pro Jahr durchschnittlich 20 Millionen Euro Entwicklungshilfe an Namibia und ist somit nicht nur der größte Einzelgeber, sondern schüttet aus deutscher Perspektive den höchsten Pro-Kopf-Betrag an Entwicklungshilfe aus. Seit der Unabhängigkeit 1990 hat sich die Hilfe auf stolze 700 Millionen Euro summiert. Warum sie nun vor den Herero zu Kreuze kriecht, ist nicht nachzuvollziehen.
Wohin das Ganze führt, haben wir vergangene Woche wieder erlebt. Der Besuch und die Entschuldigung wurden wohlwollend aufgenommen – und zugleich wurde die Forderung nach Entschädigungszahlung erneuert. Die Fronten bei Herero und Nama bleiben verhärtet – und auch deshalb war es ein unnötiger Kniefall, den Linder hier im Namen der Bundesrepublik vollzogen hat.