Ihre Mission: Die Leidenschaft am Lesen und Schreiben weiterzugeben. Aber das gestaltet sich nicht immer leicht, in einem Land in dem viele Deutschsprachige mit ihren Freunden Afrikaans sprechen, auf der Arbeit Englisch und ihre Kinder ins Ausland schicken. Die deutschsprachige Gemeinde in Namibia schrumpft. Und damit auch die Leserschaft der "Felsgraffiti".
"Wir haben es schwerer als andere Künstler. Ein Bild versteht jeder, aber unsere Leser beschränken sich auf einen kleinen Kreis", sagt Ursula Dahlet, die hier unentgeltlich arbeitet.
Die Redaktion entstand 2004 aus einem Vakkum. "Bei einer Schreibwerkstatt damals sind so viele gute Texte entstanden. Sollten die alle in der Schublade verschwinden? Wir wollten eine Plattform", sagt Helgard Huber, eines der Redaktionsmitglieder, das von Anfang an dabei war. Schriftsteller und Literaturinteressierte bilden jetzt das Rückgrat der achtköpfigen Truppe, die sich zweimal im Monat in Windhoek treffen. Sie freuen sich über Autoren, die ihre Texte bei ihnen einreichen und schreiben auch selbst. Die "Felsgraffiti" finanziert sich durch Verkäufe, Anzeigen und die Unterstützung des Deutschen Kulturrats und obwohl der Verkauf und die Abonnements nicht schlecht laufen (Auflage rund 400 Exemplare), haben die Redaktionsmitglieder manchmal Sorgen um die Zukunft ihres Blattes.
Kein Wunder, schließlich schrumpft der Anteil der deutschsprachigen Namibier stetig. "Viele Deutschnamibier schicken ihre Kinder auf englische Schulen, andere sind zufrieden, wenn die Kinder einige Jahre lang Deutschunterricht erhalten", prangerte Dieter Esslinger von der Arbeits- und Fördergemeinschaft Deutscher Schulvereine in Namibia schon vergangenes Jahr an, "An die Niederschrift einer Mitteilung wagt man sich nicht mehr heran. [...] Deutsche Literatur gilt als unzugänglich."
Für die "Felsgraffiti"-Redaktion eine dramatische Entwicklung. Ihre Leser, ihre Autoren und sie selbst sind größtenteils Rentner. Die Jugend wächst kaum nach. "Sport wird in Namibia groß geschrieben und ist für viele Jugendlichen wichtiger als die bildenden Künste", vermutet Ursula Dahlet. Gibt es dann doch ein begeistertes Talent, verließen diese fast immer das Land, um in Deutschland oder Südafrika zu studieren. Ein Teufelskreis.
Die Redaktion versucht Anreize zu bieten: Einmal im Jahr findet eine Schreibwerkstatt in Arandis statt, Anfang des Jahres gab es einen Poesie-Workshop in Elisenheim. Und regelmäßig schreibt die "Felsgraffiti" einen Wettbewerb aus, um Hobby-Schriftsteller aufzuspüren. Dieses Jahr wurden 24 Beiträge eingereicht.
Die Schreibwerkstätten sind beliebt. Hier kommen Bücherwürmer aus dem ganzen Land zusammen. In einem kleinen Projektraum rauchen dann ein Wochenende lang die Köpfe über Papier und Laptop. Die Leidenschaft ist das eine, aber wie bleibt der Leser am Text? Die Hobbyautoren arbeiten sich gemeinsam durch ihre Geschichten, bis sie zu kleinen Kunstwerken werden, das trockene und heiße Klima des Landes auf Papier gebrannt ist. "Die Sonne Namibias scheint aus den hiesigen Texten", sagt Schriftstellerin Inki Kubisch. Umso trauriger, dass die landeseigenen Autoren oft in der Versenkung verschwinden. Auch deutsche Muttersprachler lesen meist Bücher aus dem Ausland. Die Literaturzeitschrift versucht dagegen anzukämpfen mit Rezensionen, Interviews und landestypischen Themenschwerpunkten wie der Jagd. "Wir arbeiten umsonst und in unser Freizeit", sagt Redaktionsmitglied Heiko Denker, "wir lieben einfach Geschichten."
Die Besonderheit Namibias ist die Dreisprachigkeit der Autoren. In einem Land in dem viele Afrikaans, Englisch und Deutsch sprechen webt sich ein seltsamer Sprachteppich zusammen. "Das fließt deutlich in Satzbau und Syntax ein", sagt Helgard Huber. Auch neue Wortkreationen und Slang-Ausdrücke verbreiten sich. Vorreiter in diesem Gebiet ist der Sänger "EES", der sogar ein eigenes Wörterbuch erfunden hat. Doch ist das Kunst oder einfach nur falsches Deutsch? "Wir haben Schwierigkeiten, das einzuordnen", sagt Dahlet, "viele Texte müssen korrigiert werden." Doch die Weiterentwicklung der Sprache könnte auch eine Stärke sein, durch die Namibias Autoren ein liebe- und humorvolles Alleinstellungsmerkmal erhalten. Es ist einzigartig, es ist Kult und es ist Lebensrealität.
Die Redaktion wühlt sich durch die eingesandten Texte auf ihrem Schreibtisch. Eine Auswahl muss getroffen, das Besondere herausgearbeitet werden. Denn: Viele namibische Autoren tappen schnell in die Klischee-Falle: "In vielen Büchern geht es immer nur um Natur und Wüste, eine andere Fraktion beschäftigt sich mit historischen Romanen", sagt Kubisch, "Vielen fehlt der Mut etwas Provokatives zu schreiben."
Die deutschsprachige Gemeinde ist klein, keiner will jemandem auf die Füße treten. "Also kratzen die meisten Autoren an unverfänglichen Themen herum", so Ursula Dahlet. Die Frage ist: Kann sich eine Literaturszene, die sich auf Landschaftsbeschreibungen und Geschichte ausruht, durchsetzen? "Wir sollten mehr in die Tiefe gehen, in unsere eigene Gesellschaft gucken", sagt Dahlet. Nicht mehr nur Literatur über, sondern mitten aus Namibia.
An Material mangelt es nicht. Drastische Beispiele dafür, liefert Schriftsteller Helmut Sydow, dessen Kurzgeschichten von Rassismus, Sextourismus und Aids handeln, schnörkellos geschrieben sind und dadurch eine ungewöhnliche Wucht erhalten. "Ich verniedliche nur ungern", sagt er bei einer Buchvorstellung 2010, "leider bereitet eben diese Deutlichkeit manchen Lesern Ungemach."
Natürlich geht es nicht darum, das Heimatland literarisch in den Dreck zu ziehen, aber große Literatur lebte schon immer von Zündstoff und gesellschaftlicher Reflexion. Bücher sind eine Plattform der freien Gedanken, Wörter die Werkzeuge, die direkt am Herzen arbeiten können wie Chirurgie-Besteck. Am Operationstisch der "Felsgraffiti"-Redaktion ist man erschöpft, aber stolz: Die 14. Ausgabe ist fertig und wird am Montag, den 25. Juni, um 19 Uhr im Goethezentrum vorgestellt und dann im Kiosk erhältlich sein.
Julia Dombrowsky














