„Hier ist Roy. Wie geht es Dir? Ich glaube, ich schulde Dir noch ein Interview.“ Ich traue meinen Ohren kaum, als ich die tief-sonore Stimme am anderen Ende des Telefons höre. Roy ist Roy Bennett, Simbabwes designierter Vize-Landwirtschaftsminister – und als er mich anruft, ist er seit wenigen Stunden in Freiheit.
27 Tage hat Bennett in Mutare, einem kleinen Ort an der Grenze von Simbabwe und Mosambik, in Haft gesessen. Und er hat Recht: Er schuldet mir noch ein Interview. Eigentlich wollten wir es schon damals führen, an jenem schicksalhaften Freitag, den 13. Februar. Wir saßen bereits zusammen im Flieger, der uns und sechs Freunde nach der Vereidigungsfeier von Premierminister Morgan Tsvangirai zurück nach Johannesburg bringen sollte. Doch es kam anders: Der Geheimdienst stoppte die Maschine auf der Startbahn und verschleppte Roy Bennett vor unseren Augen. Nach langem juristischem Kampf ist er endlich frei – zumindest auf Kaution in Höhe von 5000 US-Dollar. Mehrmals war die Staatsanwaltschaft gegen diese Entscheidung in Berufung gegangen, hatte tief in die simbabwische Justiztrickkiste gegriffen, um Bennett, seit Jahren im Regime von Präsident Robert Mugabe verhasst, hinter Gittern zu halten – und ihn möglicherweise als Faustpfand für einen polit-Deal zu nutzen: Er kommt frei, wenn seine Partei MDC einer Generalamnestie für Bosse in Geheimdienst, Armee und Polizei zustimmt. Die MDC, deren Schatzmeister Bennett ist, hatte immer von fabrizierten Anklagepunkten gegen den 52-Jährigen gesprochen, er selber bestreitet die Vorwürfe des Waffenbesitzes für eine Terrorakt, der Sabotage und der Verschwörung.
Jetzt ist er raus: „Ich bin so froh darüber“, sagt er immer wieder und lacht, als er hinzufügt: „10 Kilo leichter mindestens.“ Schnell ist er wieder ernst und es bricht aus ihm heraus: „In diesen Zellen spielt sich eine menschliche Tragödie ab, die Menschenrechte werden aufs Äußerste verletzt. Es ist eine Katastrophe.“ 360 Menschen sitzen in Mutare ein, in einem Gefängnis, das eigentlich für maximal 150 ausgelegt ist. Die meisten von ihnen, so berichtet Bennett, seien Untersuchungshäftlinge, damit also nicht einmal verurteilt und potenziell unschuldig, und trotzdem schon seit bis zu drei Jahren hinter Gittern.
„Einmal am Tag Pap“
„Die Zellen sind völlig überbelegt und versifft. Unser ramponierter Staat hatte offensichtlich kein Geld für die Instandhaltung. Einmal am Tag gibt es eine Handvoll Pap, mit viel Wasser und etwas Salz. Wenn Dir von außen niemand etwas bringt, stirbst Du. Einfach so.“ Und das geschah in seiner Zelle. Zwar war die Zahl der Insassen nach Bennetts energischem Einschreiten von zwei auf ein Dutzend verringert worden, trotzdem siechten fünf Menschen in den 27 Tagen dahin, bis sie starben. „Es ist wie in einem Konzentrationslager. Die Verantwortlichen haben keine Fahrzeuge, deshalb blieben die Leichen einfach vier Tage in der Zelle liegen, gammelten vor sich hin. Der ganze Raum war verlaust, die Insassen krank, es gibt kein Toilettenpapier, man kann sich nicht waschen. Eine Katastrophe“, betont er nochmals. Bennett selber hatte Glück: Seit er in Mutare war, hielten MDC-Anhänger Mahnwachen vor dem Gefängnis, aus Angst, Bennett könnte an einen unbekannten Ort verschleppt werden – wie es so oft mit unliebsamen Aktivisten geschehen ist. Sie gaben Essen für Bennett und seine Mitinsassen ab, sicherten damit ihr Überleben. Was hat ihn am Leben gehalten: „Ich wusste warum ich hier bin, wusste, ich bin Teil eines Spiels, das wir schon lange kennen – und ich wusste, ich muss stark und fokussiert sein, wenn ich durchkommen will. Und das wollte ich“, sagt Bennett, der vor drei Jahren nach Südafrika ins Exil geflohen war, um einer Verhaftung und Verurteilung wegen eines Putschversuchs zu entgehen, die die Todesstrafe bedeutet hätte. Er ist auch jetzt sicher, dass seine Verhaftung ein abgekartetes Spiel war: „Diese Aktion war einfach nur politisch motiviert und hat einmal mehr bewiesen, dass die Gewaltenteilung im Land nicht funktioniert.“ Ähnliches denkt er über die neue Einheitsregierung aus Mugabes ZANU (PF) und seiner MDC: „Da sind so viele Leute involviert, denen es ganz offensichtlich am Willen zur Veränderung fehlt.“ Trotzdem ruft er zur Versöhnung auf: „Ich habe den Menschen vergeben, die mich verfolgt haben. Das sollte zwischen allen politischen Parteien so sein, damit wir vorwärts kommen können.“
Vize-Landwirtschaftsminister will und wird er werden - trotz der Schikane und aller Versuche, ihn zu brechen. Der ehemalige Kaffeefarmer, seit fünf Jahren enteignet, hofft, schon Ende kommender Woche eingeschworen zu werden. „Erst sind die Gouverneure dran und dann ich.“ Das hat ihm auch Morgan Tsvangirai versprochen, den Bennett nur wenige Stunden nach seiner Freilassung in dessen Heimatort Buhera besucht hat, um seine Anteilnahe zu bekunden und der am 6. Februar bei einem Autounfall getöteten Susan Tsvangirai die letzte Ehre zu erweisen. „Morgan geht es den Umständen entsprechend ganz gut“, berichtet Bennett. Noch weiß er allerdings nicht so genau, was in seinem neuen Ressort auf ihn zu kommt, welche Aufgaben auf ihn warten. „Ich weiß eigentlich im Moment nur, dass ich eingeschworen werde“ Aber: „Der ganze Landwirtschaftssektor ist ein Trümmerhaufen, auch wegen der Invasionen auf den Farmen der Weißen. Aber mein Ressort hat mit der Landreform an sich nichts zu tun, ich will mich deshalb vor allem auch um die schwarzen Kleinfarmer kümmern und sie zu einem produktiven Teil des Sektors machen“, betont Bennett, der von vielen Schwarzen verehrt und „Pachedu“ genannt wird, auf Shona heißt das: Wir sind eins. Shona spricht Bennett mindestens so gut wie Englisch.
„Werde Dampf machen“
Auch wenn es nicht in sein neues Ressort fällt, will Bennett die furchtbaren Haftbedingungen in Mutare anprangern. „Ich werde beim zuständigen Ministerium Dampf machen und jede Gelegenheit nutzen, von dieser humanitären Katastrophe zu berichten.“ Gerne würde Roy Bennett auch seine Frau Heather und seine zwei erwachsenen Kinder in Johannesburg wiedersehen, wo die Familie zuletzt gelebt hat. Das Land verlassen darf er allerdings nicht, musste, so die Kautionsbedingungen, seinen Pass abgeben und sich dreimal wöchentlich bei der Polizei in Harare melden. Sein Prozess geht am 18. März in Mutare weiter. „Die haben einfach nichts in der Hand gegen mich“, zeigt sich Bennett zuversichtlich.
Am Abend hat ihn der deutsche Botschafter in Harare, Albrecht Conze, zum Essen eingeladen, der ihn schon in den Tagen vor seiner Verhaftung versteckt gehalten hatte. Ob er es schafft, weiß Bennett noch nicht, viele Interviewanfragen warten an diesem Donnerstagabend noch auf ihn – und er müsste vielleicht auch einmal sein T-Shirt wechseln: Er trägt das vom Tag der Verhaftung. Egal, er ist frei. Und zuversichtlich. Und bald Vizeminister. Und trotzdem immer noch einfach nur Roy, so wie beim Abschied am Telefon: „Auf bald. Bei einem Bier in Harare.“