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Regen in Namibia

 

Vom 17.02.2009

Ein Duft von Hoffnung im Gestank: Alltag in Simbabwe

© Doro Grebe
Von wegen Backwaren: In der Abteilung für Simbabwe-Dollar-Bezahler in diesem Supermarkt in Harare herrscht gähnende Leere. Erst um die Ecke gibt’s Brot für US-Dollar.
Es stinkt bestialisch in Greendale, einem Mittelklasse-Stadtteil von Harare. Man sieht nur eine herrlich blühende Bougain-Villa-Pflanze – bis man um die Ecke kommt: Tonnenweise liegt der stinkende Müll mitten auf der Straße, vegetiert vor sich hin, keiner holt ihn ab – Alltag in Harare. Dass die Müllabfuhr nicht mehr funktioniert, ist für den normalen Durchschnittsbürger noch eines der geringeren Probleme. Der Überlebensstress fängt schon viel früher am Tag an. Der morgendliche Toilettenbesuch wird zum Frühsport, da zunächst mit einem großen Eimer der Spülkasten aufgefüllt werden muss. Mit einem weiteren Eimer, gefüllt mit inzwischen angewärmtem Wasser, steigt man dann in die Dusche. Fließendes Wasser gibt es schon seit November nicht mehr, nur wenige haben das Glück, ein eigenes Bohrloch zu besitzen – oder nette Nachbarn. So wie Deon und Martha Theron. Der Vize-Präsident des kommerziellen Farmerverbands Simbabwes, CFU, und seine Frau wohnen in Greendale. Ohne Wasser. Mit vielen Eimern. Und mit einer netten Nachbarin, die den Therons jeden Morgen aus ihrem Bohrloch eine Badewannenfüllung abtritt. Im Gegenzug bekommt sie Milch von den Therons, die einst, also vor dem Enteignungsfeldzug Mugabes und vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, zu den größten Milchproduzenten Simbabwes gehörten. Nach dem Verlust von drei Farmen haben sie jetzt ihre Tiere auf dem Land von Deon Therons Mutter untergebracht, montags und freitags öffnen sie frühmorgens ihre Türen in Greendale und verkaufen Milch, Honig, Hühnchen und weitere Farmprodukte für US-Dollar. Das Geschäft läuft gut. Kein Wunder.
Die Supermärkte in Simbabwe sind leer. Zumindest in dem Gang, den man als ersten betritt. Frische Backwaren, verspricht ein Schild, zu sehen ist davon nichts. Man wird dann aber schnell in den nächsten Gang geführt – und tatsächlich, hier gibt es Waren in den Regalen. Vereinzelt zumindest. Im ersten Regal-Gang, so erklärt Martha Theron, sollten eigentlich die Waren stehen, die in Simbabwe-Dollar bezahlt werden, der Währung auf traurigem Inflations-Weltrekord-Niveau von offiziell 231 Millionen Prozent und inoffiziell wohl unermesslich viel mehr.
Brot gibt es hier für einen US-Dollar. Wenigstens ist es Brot, auch wenn es nicht gerade appetitlich aussieht. Ähnlich wie das wenige Gemüse, das seine besten Zeiten wohl schon hinter sich hat. Chips und Cracker aus Südafrika gibt es für unglaubliche 48 Rand, also rund vier Mal so viel wie in Namibia. Auch die Regale für frisches Fleisch und frische Milch sind leer. Milch aus Südafrika, homogenisiert, gibt’s hingegen für 13 Rand – billiger als in Namibia. „Es ist aber traurig, dass unserer einheimische Milch hier nicht mehr verkauft wird“, meint Martha Theron. Traurig ist auch, dass man sich kaum traut, etwas aus der Auslage zu greifen – von den meisten Produkten gibt es nur drei bis fünf Stück. Reichlich vorhanden ist dagegen Windhoeker Bier der namibischen Brauerei. Sogar erschwinglich.
An der Kasse wird es mit vier paar Tafeln Schokolade schwierig. 4,84 US-Dollar sollen die Kosten – dummerweise hat die Kassiererin kein Wechselgeld. Man darf also entweder nochmal in die Gummibärchen-Box greifen oder eine Schachtel Streichhölzer wählen. Gleiches Bild auch an einer Bar in Harare: Rand wird gerne als Bezahlung für das schlecht schmeckende Bier genommen, Wechselgeld gibt es aber nicht. Wer nur mit großen Scheinen hier hereinkommt, muss entweder viel trinken oder viele Freunde einladen.
© Doro Grebe
Die Müllabfuhr funktioniert genauso wenig wie die Wasserversorgung. Schon fast ironisch trotzt die blühende Bougain Villa dem stinkenden Dreck.
Genügend Leute dazu würde man ja auf der Straße treffen. Hier ist immer was los. Afrika, viel mehr als in Windhoek. Der öffentliche Jubel über den neuen Premierminister hält sich aber in Grenzen. Kaum einer traut sich, etwas Politisches zu sagen. Angeblich ist jeder vierte auf der Straße ein Spion der ZANU (PF) von Robert Mugabe. Freundlich sind die Menschen trotzdem, und mancher sagt auch an diesem Mittwoch, dem Tag der Vereidigung von Morgan Tsvangirai: „Heute beginnt eine neue Zeit.“
Danny ist einer von ihnen. Dabei würde man ihn als erstes für einen Spion halten. Er ist Grenzbeamter im Innenministerium. Von Amts wegen verdächtig. Offen zeigt er seine Freude über Tsvangirais Amtsantritt. Noch verdächtiger. Viele Gespräche und Intuition waren nötig, um herauszufinden, dass er es ernst meint. Er freut sich auf eine rosige Zukunft für sein Land, vielleicht auch für sich selber. Schließlich betreibt er noch eine Import-Export-Firma nebenher. Seine Tochter studiert in Windhoek.
Die Arbeiter auf der Farm der Therons sind auch zumeist MDC-Unterstützer. Auch sie haben Hoffnungen. Vor allem darauf, dass das Leben wieder erschwinglich wird. Nahrungsmittel und damit das Überleben ist viel zu teuer, sagen sie. Nach dem Händeschütteln mit ihnen kommt das Händewaschen: Martha Theron hat immer eine Sprühflasche Desinfektionsmittel in der Handtasche. So makaber es klingt, in Zeiten der Cholera ist es unerlässlich.
Aber dann gibt es auch noch das andere Harare: Die Innenstadt, wenn auch bei weitem nicht so sauber wie Windhoek, dafür fast ohne nervige Taxis, strotzt nur so vor modernen, glasverspiegelten Hochhäusern. Es sieht aus wie Klein-Johannesburg oder Klein-Frankfurt. Hier hat Präsident Robert Mugabe dick investiert. Trotzdem stehen die meisten Geschäfte leer. Noch immer gibt es mehrere 5-Sterne-Hotels in der Innenstadt, von der es nur wenige hundert Meter bis zum heruntergekommenen und stinkenden Rest der Metropole sind.
Wer es schafft, das Elend von Volk, Wirtschaft und Politik in Simbabwe auszublenden, ist im Stadtteil Avondale gut aufgehoben. Britische Aristokratie möchte man hier vermuten. Von außen und innen sind die Villen ein fast surreales Abbild britischer Kolonialzeit – und natürlich hat hier so gut wie jeder ein Bohrloch. Man flaniert durch die Lustgärten, isst Muscheln und Kaviar. Und nur manchmal, wenn man am Rand des Grundstücks an der Mauer steht, riecht man ihn: den Cholera-Kloaken-Verzweiflungs-Gestank, der Harare und seine Bewohner so fest im Griff hat.
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