
Er lächelt, aber sieht müde und abgespannt aus: Ben Freeth im Interview in Harare. Er ist erschüttert über die trotz Einheitsregierung verstärkten Übergriffe auf weiße Farmer. Auch seine Familie ist erneut ins Visier von Schlägertrupps gerückt.
Nicht einmal drei Monate ist es her, dass 79 weiße Farmer vor dem in Windhoek tagenden SADC-Tribunal einen schon fast historischen Sieg über Präsident Robert Mugabe gefeiert hatten. Das Gericht erklärte ihre zumeist gewaltsam oder unter Drohungen durchgeführten Enteignungen durch den Staat für ungültig. Diskriminierend gegen Weiße sei das Vorgehen des Mugabe-Lagers. Es verstoße gegen geltendes SADC-Recht. Den Farmern sei der Zugang zu Gerichten, um ihre Enteignung anzufechten, genauso verwehrt worden wie Entschädigungszahlungen.
Ben Freeth, der erste Kläger in dem Prozess, ist heute die Begeisterung über das Urteil nicht mehr anzusehen. Müde sieht er aus, ausgemergelt, verbraucht. „Geändert hat sich nichts seit der Vereidigung von Tsvangirai. Im Gegenteil, es ist sogar noch schimmer geworden“, sagt er, als wir uns vor drei Wochen in Harare treffen, und verweist auf zahlreiche Beispiele von „Tribunals-Farmern“, die in den vergangenen Tagen belästigt, angegriffen oder gar verhaftet wurden. Es sind Dutzende. Beim kommerziellen Farmerverband CFU gehen die gebeutelten Farmer ein und aus, berichten von der Schikane. Manche weinen. Sie sind hilflos. Stehen sie vor Gericht, haben sie kaum eine Chance: Ihnen wird ein fairer Prozess verweigert, ihre Anwälte dürfen nicht sprechen, sich nicht vorbereiten, das Verfahren wird im Schnellgang durchgedrückt.
Freeth hat jetzt eine Interessengruppe gegründet: SADC Tribunal Rights Watch. In schöner Regelmäßigkeit prangert er die vom Tribunal eigentlich untersagten Übergriffe auf durch das Urteil geschützten Farmer an. Dass diese drastisch zugenommen haben, ist aber nicht nur seine persönliche Meinung. Es ist eine Tatsache. Ihm und der AZ liegen Protokolle von Sitzungen der Magistratsrichter und Polizei vor, in denen klipp und klar festgelegt wird: Besonders bei Tribunals-Farmern sind die Enteignungen unerbittlich voranzutreiben. Das Urteil des Tribunals sei bewusst zu missachten, gelte es doch für Simbabwe nicht. Immer wieder fragt Freeth in seinen Rundschreiben, warum. Gehört Simbabwe nicht mehr zur SADC? Warum und in welche Position nimmt das Land dann an SADC-Sitzungen teil, will Geld vom Staatenbund? Antworten bekommt er nicht.

Da waren sie noch in Feierlaune: Ben Freeth (l.) und der Vize-Präsident des kommerziellen Farmerverbandes CFU, Deon Theron, bejubeln Ende November 2008 den Erfolg am Windhoeker SADC-Tribunal. Verbessert hat sich für sie seitdem nichts.
Der Auftrag zu den verstärkten Übergriffen kommt vom Generalstaatsanwalt Johannes Tomana. Den hat Mugabe noch schnell vor Inkrafttreten der Machtteilung ins Amt gehievt. Linientreu ist er – wie so viele Repräsentanten in der Justiz. Neben den weißen Farmern hat Tomana auch die politischen Häftlinge im Visier, Oppositionelle und Menschenrechtsaktivisten: bis zuletzt wehrte er sich vehement gegen ihre - zumindest laut Morgan Tsvangirai - von Mugabe abgesegnete Freilassung.
Zu spüren bekam die Staatswillkür einmal mehr Peter Etheredge. Seine Farm Stockdale hat die ZANU (PF) schon lange im Visier, beheimatet sie doch eine der größten und produktivsten Orangenplantagen im Land. Etheregde und seine Familie sowie seine Eltern wurden bereits mehrmals überfallen, beraubt, vertrieben. Im November 2008 musste er in einem geliehenen Jackett zur Urteilsverkündung am SADC-Tribunal kommen – seine eigenen wurden bei einem Beutezug der Schergen gestohlen.
Seit Wochen campierte jetzt wieder 70 Eindringlinge auf seiner Farm, die einem hohen Senatsbeamten zugesprochen worden war. Immer wieder versprach die Polizei deren Vertreibung, nichts geschah. Etheredge erwirkte eine Verfügung des Obergerichts, Stunden später war die Miliz zurück, drohten, schüchterten ein. Anfang vergangener Woche kam es dann zur offenen Konfrontation, Feuerholz war gestohlen worden. Etheregde feuerte Warnschüsse in die Luft, um für Ruhe zu sorgen. Jetzt war die Polizei schnell da. Etheredge wurde verhaftet, bis vergangenen Donnerstagabend weggesperrt und das zunächst illegal, ohne Anklage. Als ihm dann Kaution gewährt wurde, erfuhr er, was ihm vorgeworfen wird: Versuchter Mord. Am 13. März geht sein Prozess weiter. Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe. An die AZ schreibt er nach seiner Freilassung hoffnungsvoll per SMS: „Sie wollen mich unbedingt kriegen, aber haben nicht einen Beweis. Ich habe hingegen fünf Zeugen auf meiner Seite.“
Etheredge ist nur einer von mehreren Farmern, die in Blitzaktionen vor Gericht gestellt wurden. Auch Freeth, vor acht Monaten entführt und brutal misshandelt, war wieder ins Visier der ZANU(PF)-Milizen geraten, vergangene Woche kam per SMS ein Hilferuf an die AZ: Sei seien da, binnen 10 Minuten sollten Freeths Schweigereltern Mike und Angela Campbell die Farm verlassen. Zu wenig Zeit, sagte das Ehepaar. Um 17 Uhr nachmittags wollten die Schläger wiederkommen, dann mit Gewalt. Campbells, beide über 70, flüchteten sich an einen sicheren Ort. Freeth blieb, die Schläger kamen nicht – die Angst blieb auch. Wie bei so vielen seiner Kollegen. Die Folge: Investieren will kaum einer der Farmer, die meisten geben laut Freeth nur noch Geld für Sicherheitsvorkehrungen auf ihrem Grund und Boden aus.
„Simbabwe fehlt der Motor“
Dabei war die Landwirtschaft einst, vor Mugabes Feldzug gegen die weißen Farmer, der seit 2000 von 6000 nur noch rund 450 übriggelassen hat, der Sektor, dem das Land seinen Wohlstand zu verdanken hatte. Laut Freeth machte er einmal 53 Prozent der Wirtschaft aus, heute, so sagt der Farmer, ist nicht nur der ganze Wirtschaftskuchen fast halbiert, sondern die Landwirtschaft trägt auch nur noch 12,5 Prozent dazu bei – und das hat weitreichendere Folgen, kann der Sektor nun nicht mehr wie früher beispielsweise das Bildungs- und Gesundheitswesen unterstützen. „Simbabwe“, sagt Freeth, „ist wie ein Auto, dem der Motor herausgenommen wurde, nämlich die Landwirtschaft. Jetzt wird krampfhaft versucht, das Auto zum Laufen zu bringen, aber ohne Motor geht das nun mal nicht.“ Die Farmer, so fordert Freeth, müssten dringend ihre Grundbuchpapiere bekommen, dann könnten die Farmen wieder aufgebaut und produktiv gemacht werden. Enttäuscht ist Freeth darüber, dass die MDC, die Partei von Morgan Tsvangirai, das für die Enteignungen zuständige Landministerium nicht bekommen hat, ihr die Verantwortung für das Landwirtschaftsministerium in letzter Sekunde wieder genommen wurde und sie dort nur noch den Vizeminister stellen soll, der allerdings in Person von Roy Bennett noch immer in Haft sitzt. „Diese Idee wird nicht funktionieren Der Minister kommt aus der ZANU (PF), will uns zerstören und verhaften, Roy will wieder aufbauen – wie soll das bitte zusammengehen?“, fragt Freeth, der sich sicher ist: „Unsere Lage wird trotz neuer Regierung nicht besser, zumindest noch nicht jetzt und so lange der Landkonflikt nicht gelöst ist.“
Dabei ist Freeth einer von denen, der durchaus die Notwendigkeit einer Landreform sieht. Er spricht mit den Schwarzen, auch den unbelehrbaren Anhängern von Mugabe und fordert: „Das Feudalsystem in unserem Land muss abgeschafft werden. Auch Landlose und Arme müssen beteiligt werden und damit Teil des Motors Landwirtschaft werden.“ Rache für die brutalen Übergriffe auf weiße Farmer will der streng gläubige Christ nicht, aber „die Kultur der Straflosigkeit für die Täter muss endlich ein Ende haben. Dinge, die uns in der Vergangenheit angetan worden sind, dürfen einfach nicht wieder passieren.“
Schon wenige Tage später ist die Hoffnung dahin. Die weißen Farmer sind weiter und noch stärker im Visier der Mugabe-Milizen. Und der Präsident selber hat bei seiner Geburtstagsparty nochmals seinen Standpunkt klipp und klar gemacht: „Die weißen Farmer müssen sofort ihr Land verlassen. Für sie ist hier kein Platz mehr.“