Südafrika im Fokus des Fußballs – „Das ist eben Afrika“
So früh wie in diesem Jahr hat der Südwinter am Kap schon lange nicht mehr Einzug gehalten: Fast horizontal peitscht der Nordwester den Regen an diesem Morgen über den Green Point Common, ein mit Sportplätzen gefülltes Grün zwischen Kapstadts Atlantikküste und der nahe gelegenen City. Dem nasskalten Biss des Windes merkt man deutlich seine antarktische Herkunft an.
Die Arbeiter in der gleich nebenan gelegenen Betonschüssel scheint dies jedoch kaum zu stören. Unverdrossen wird hier gehämmert und gebohrt. Während ein Teil in luftiger Höhe mehr als 11.000 Glasscheiben für die komplizierte Dachkonstruktion verlegt, sind andere im Untergeschoss bereits mit dem Einbau der Toiletten und Umkleidekabinen beschäftigt.
Kein Zweifel: Spätestens im Dezember wird auch das Kapstädter Stadion pünktlich fertig sein – als letztes der insgesamt zehn WM-Stadien. Sechs davon wurden neu gebaut, vier komplett renoviert. „Wir sind dem Zeitplan sogar zwei Monate voraus“ freut sich Robert Hormes, der deutsche Projektleiter des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner, das neben Kapstadt auch die Stadien in Port Elizabeth und Durban entworfen hat. „Der Zeitrahmen war zwar eng aber durchaus realistisch, sonst hätten wir uns niemals auf so ein Abenteuer eingelassen“ sagt der 34-jährige Mönchengladbacher.
Für viele deutsche Besucher ist das Stadion in Kapstadt seit seinem Baubeginn vor zwei Jahren zu einer Art Messlatte für das Vorankommen der WM am Kap geworden. Ungezählte Fernsehteams und Promis sind vor Ort gewesen, zuletzt Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann, der im ersten Kinofilm zur WM einen Fußballtrainer spielt. Aus dem schlammigen Bauloch ist in den letzten beiden Jahren eine Arena gewachsen, an der sich die anfangs äußerst kritischen Kapstädter heute kaum satt sehen können. Majestätisch erhebt sich der für 68000 Zuschauer konzipierte Prachtbau nun zwischen Atlantik und Tafelberg.
Die erbitterten Proteste der Anwohner sind längst verstummt, genauso wie die Kassandrarufe vieler WM-Kritiker. Selbst der noch im Vorjahr von Fifa-Präsident Joseph Blatter in die Diskussion gebrachte WM-Entzug ist längst vom Tisch. „Ich denke, dass Südafrika gut vorbereitet ist“, resümiert auch der deutsche WM-Berater Horst R. Schmidt. Arroganz gegenüber Südafrika und dessen WM-Vorbereitung sei ohnehin fehl am Patz. Schließlich habe selbst Deutschland ein Jahr vor der WM noch das eine oder andere Problem gehabt, gibt einer der Macher des Sommermärchens zu bedenken.
Zum Confederations Cup will Südafrika nun zwischen dem 14. und 28. Juni den Ernstfall für das nächste Jahr proben. Allerdings ist Kapstadt beim Confed-Cup ebenso wenig vertreten wie die beiden anderen Küstenmetropolen Port Elizabeth und Durban. Stattfinden wird die Generalprobe statt dessen ausschließlich im Norden des Landes: in der Hauptstadt Pretoria, der nahegelegenen Wirtschaftsmetropole Johannesburg sowie dem knapp zwei Autostunden davon entfernten Rustenburg. Einziger Ausreißer ist das immerhin 500 km von Johanensburg entfernte Bloemfontein in der Landesmitte.
Vor allem die Ausrichter der WM strahlen inzwischen eine fast schon übertriebene Gelassenheit aus. Eine echte Panne können sie sich allerdings auch schon deshalb nicht leisten, weil Confed Cup und WM für Südafrika weit mehr sind als große Sportereignisse. 15 Jahre nach dem Ende der Apartheid will der jahrzehntelang isolierte Rassenstaat am Kap aller Welt beweisen, dass er nun zu den aufstrebenden Wirtschaftsnationen zählt und sogar einen organisatorischen Kraftakt wie eine Fußball-WM stemmen kann.
Für die im Gegensatz zu Deutschland dreizehnmal kleinere südafrikanische Wirtschaft ist die Fußball-WM ohnehin von großer Bedeutung. Mehr als 3,5 Mrd. Euro hat Südafrikas Regierung deshalb auch in Großprojekte wie die WM-Stadien und den Staßenbau gepumpt. Parallel dazu läuft bis 2012 ein bereits vor der globalen Finanzkrise beschlossenes Infrastrukturprogramm der Regierung in Höhe von 70 Mrd. Euro. Ein Teil davon ist der prestigeträchtige Hochgeschwindigkeitszug Gautrain, der bis zur WM den internationalen Flughafen von Johannesburg mit dem vornehmen Stadtteil Sandton verbinden und ein Jahr später bis in die Landeshauptstadt Pretoria verlängert werden soll.
Doch gerade der marode und oft gar nicht vorhandene Nahverkehr bleibt das große Sorgenkind des Landes. Die im Fifa-Katalog eigentlich geforderten Straßenbahnen und U-Bahnen gibt es am Kap jedenfalls nirgendwo. Symptomatisch für die fehlende Entschlossenheit ist, dass Johannesburg sein zuvor großspurig angekündigtes Schnellbus-System unter dem Druck der schwarzen Sammeltaxi-Fahrer nun doch nicht zum Confed-Cup in Betrieb nehmen wird. Dies ist vor allem deshalb deprimierend, weil es bereits jetzt an der Tagesordnung ist, dass Autofahrer selbst an Wochenenden mehr als zwei Stunden für die kaum 50 km lange Strecke auf der Stadtautobahn zwischen Johannesburg und Pretoria brauchen. „Wenn die Baustellen nicht bald verschwinden, wird hier im nächstes Jahr Chaos herrschen“, sagt der Sportjournalist Marc Gleeson.
Auf die Frage wie die Fans in die Stadien kommen, ernten Fragesteller meist nur ein müdes Schulterzucken. Niemand weiß es genau. Alles werde aber im nächsten Sommer schon irgendwie klappen, beruhigt ein Sprecher des Organisationskomitees. „Das ist eben Afrika“, sagt er – und schmunzelt.