Panafrikanismus als Mythos: Afrikas Einheit liegt in weiter Ferne
Der Traum von der Einheit Afrikas starb am Freitagabend vergangener Woche an der Querlatte des Tores von Uruguay. So schnell und unvermittelt wie er kurz zuvor geboren worden war.
Im Stadion von Soccer City in Johannesburg lief die letzte Minute der Verlängerung. Ganze elf Meter lagen zwischen dem Ghaner Asamoah Gyan und dem ersten Fußball-WM-Halbfinaleinzug einer afrikanischen Mannschaft. Es war die letzte Aktion des Spiels – eine historische Chance. Doch dann geschah es: Gyan knallte den Ball an die Oberkante der Latte und der Schiedsrichter pfiff ab – es blieb beim 1:1. Im anschließenden Elfmeterschießen unterlag Ghana Uruguay mit 2:4.
Genauso plötzlich wie ein ganzer Kontinent wenige Tage zuvor hinter Ghana als neuem Hoffnungsträger eingeschwenkt war, genauso schnell stob nun alles auseinander: In Rekordzeit leerte sich der Hexenkessel von Johannesburg. Aber auch in den Kneipen und Fanparks im ganzen Land zog fast schlagartig Stille ein. Es war bezeichnend dafür, wie dünn die Solidarität mit Ghana am Ende war. Nur Nelson Mandela, Afrikas berühmtester Sohn, spendete dem Team aus dem Westen Afrikas noch ein wenig Trost. „Sie haben unseren Kontinent würdig vertreten – und können erhobenen Hauptes nach Hause fahren“, schrieb er an die Spieler.
Immerhin hatte Ghanas unerwarteter Einzug ins Viertelfinale zur Halbzeit des Turniers dafür gesorgt, dass die erste WM auf afrikanischem Boden nicht schon nach der Vorrunde zu einem reinen Kräftemessen zwischen Europa und Lateinamerika wurde. Noch überraschender war jedoch, wie schnell Afrikas Nationen plötzlich hinter Ghana zusammenrückten, das 1957 als erstes Land in Schwarzafrika in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Ausgerechnet der krasse Außenseiter diente als letzte verbliebene Mannschaft des Kontinents nun plötzlich als Projektionsscheibe für all die von den anderen afrikanischen Teams enttäuschten Sehnsüchte und Erwartungen. Niemand am Kap sprach mehr von den schnell ausgeschiedenen „Bafana, Bafana“, wie die südafrikanischen Fußballer daheim heißen, sondern nur von den „Ghafana, Ghafana“. „Ghana kickt jetzt für ganz Afrika“, freute sich seine Fußballlegende Abedi Pele, aber fügte ein wenig fatalistisch hinzu. „Wir haben doch gar keine andere Wahl.“
Selbst Südafrikas seit Monaten abgetauchter Ex-Präsident Thabo Mbeki meldete sich plötzlich zurück und appellierte ungewöhnlich emotional an alle Afrikaner, sich hinter Ghana zu sammeln. Der Verfechter einer afrikanischen Renaissance forderte die FIFA gar auf, Ghanas „Black Stars“ in „Africa Black Stars“ umzubenennen. Und der in Südafrika regierende ANC ließ gratis Ghana-Fahnen verteilen, um die nach dem Ausscheiden von Gastgeber Südafrika abgeebbte WM-Partystimmung im Land neu zu beleben.
Überraschend kam der kontinentale Schulterschluss mit Ghana vor allem deshalb, weil die meisten Afrikaner mit dem Konzept des Panafrikanismus eigentlich noch weniger anfangen können als die Europäer mit dem inszenierten Patriotismus der EU-Fahne. Für gewöhnlich kümmert sich ein Südafrikaner keinen Deut darum, was etwa in Ghana oder Kamerun geschieht. Die allermeisten halten den übrigen Kontinent für rückständig und gefährlich – und ignorieren ihn, auch die Medien. Nur wie jetzt beim Fußball ist für ein paar Tage alles ganz anders, nicht zuletzt wegen des medialen Hypes.
Umgekehrt ist die Sicht der Dinge kaum anderes. So sehr die FIFA und Südafrika auch beteuern, die Weltmeisterschaft im Auftrag eines ganzen Kontinents auszurichten, so wenig haben diese Plattitüden in Afrika Widerhall gefunden. Otto Pfister, der seit Jahren als Trainer in Afrika aktiv ist, wundert dies gar nicht. „Wenn eine EM in Rumänien ausgetragen wird, sagt ja auch keiner in Berlin: Toll, dass wir daran beteiligt sind!“ Südafrika habe mit den anderen Ländern Afrikas nichts gemein, außer, dass sie alle auf dem gleichen Kontinent liegen, sagte Pfister kürzlich in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“.
Statt die Einheit Afrikas zu fördern, ist bisweilen sogar das Gegenteil der Fall: Insgeheim fürchten die Südafrikaner nämlich nichts mehr, als dass der schlechte Ruf des Kontinents auch auf die Kap-Republik abfärbt. Sichtbar wurde dies bei dem Anschlag auf das togolesische Team beim Africa-Cup in Angola zu Jahresbeginn. Damals versuchte Südafrika alles, um ja nicht mit dem übrigen Kontinent in einen Topf geworfen zu werden. Bezeichnend für diese Ambivalenz ist auch, dass Südafrika der eigenen Bevölkerung bei den Eintrittspreisen einen Preisnachlass gewährt, aber nicht den anderen „afrikanischen Brüdern und Schwestern“.
Mit dem Einschwenken hinter Ghana ist der vom ANC beschworene „Panafrikanismus“ zum ersten Mal in der Bevölkerung am Kap auf eine gewisse Resonanz gestoßen – auch wenn nicht viel dafür spricht, dass er die WM überdauert. Denn der Fußballpatriotismus überschminkt nur die vielen politischen und wirtschaftlichen Probleme Afrikas – verschwunden sind sie darüber nicht. Der Misserfolg liegt vor allem daran, dass der ANC bislang eine sehr einfache Form des Panafrikanismus verfolgt. So steckt Südafrikas Regierung Unsummen von Geld in die völlig ineffiziente Afrikanische Union (AU) und finanziert nebenher das kaum minder träge panafrikanische Parlament bei Johannesburg. „Es handelt sich hier um Projekte, die Steuergelder verschleudern und die, genau wie ein kranker alter Elefant an seinem Lebensende, eigentlich auf die Gnadenkugel warten“, konstatiert der frühere Politikprofessor und Kolumnist R.W. Johnson.
Entgegen dem Hype über Ghana gibt es politisch nämlich kaum Fortschritte beim Zusammenwachsen des Kontinents. Zwar tritt die AU zweimal im Jahr mit großem Brimborium zusammen, aber Entscheidungsbefugnisse für den Kontinent hat sie keine. Auch die Einführung des Afro als Gegenstück zum Euro oder der Aufbau einer dringend notwendigen afrikanischen Eingreiftruppe sind ein ferner Traum. Selbst einen innerafrikanischen Handel gibt es kaum. Mit einem Anteil von rund zehn Prozent am Gesamthandel liegt er im Schnitt extrem niedrig. Statt durch die Senkung von Zöllen den innerafrikanischen Warenaustausch anzukurbeln, exportieren fast alle Länder wie zu Kolonialzeiten einen einzelnen Rohstoff nach Übersee. In Ghana ist dies Kakao, in Sambia Kupfer, in Nigeria und Angola Öl.
Nichts könnte die tiefe Kluft zwischen Anspruch und Realität besser offenbaren als die bedrohlichen Gerüchte, die seit Wochen in Südafrika zirkulieren: Demnach könnte es gleich nach der WM mit all ihren völkerverbindenden Elementen wieder zu ausländerfeindlichen Pogromen gegen Migranten aus Afrika kommen, genau wie vor zwei Jahren. Im Mai 2008 wurden in Südafrika in einem Monat landesweit 62 Afrikaner getötet und über 600 zum Teil schwer verletzt. Der Grund: Südafrika wirkt wegen seines vergleichsweise hohen Wohlstands seit langem wie ein Magnet auf den verarmten Rest des Kontinents – und die Schwarzen am Kap glauben, dass ihnen die Zuzügler die wenigen Arbeitsplätze und Wohnungen stehlen. Erstmals seit dem Ende der Apartheid 1994 musste die Regierung damals die Armee im Inneren einsetzen.
Erst vor wenigen Tagen rief auch Erzbischof Desmond Tutu angesichts der immer zahlreicheren Berichte über ausländerfeindliche Übergriffe am Kap die Menschen in den Townships ausdrücklich zur Ruhe auf. Tutu hatte die Township Masiphumelele südlich von Kapstadt besucht. Vor zwei Jahren waren auch hier zahlreiche schwarze Zuzügler aus anderen Teilen Afrikas attackiert worden. Tutu erinnerte daran, nicht zu vergessen, dass Afrika einst den südafrikanischen Freiheitskämpfern Unterschlupf gewährte. „Viele von euch wissen offenbar nicht, dass unter der Apartheid viele Südafrikaner ins Exil gingen – und in Afrika eine neue Heimat fanden“ sagte er. Umso schändlicher seien die brutalen Übergriffe auf jene, die nun hier eine neue Zukunft suchten.