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Vom 19.07.2010

Nelson Mandela feiert seinen 92. Geburtstag

Die Fußball-WM war für Marianne Thamm die Probe aufs Exempel: „Sobald der Name Nelson Mandela fiel, versetzte dies Besucher aus Übersee jedes Mal in einen Zustand höchster Verzückung“, schreibt die bekannte südafrikanische Zeitungskolumnistin.

Dies heißt nicht, dass Mandela im eigenen Land nicht tief geliebt und verehrt würde“, schränkt sie sofort ein. Doch zumindest im eigenen Land habe Mandela selbst längst eine gewisse Distanz zu den Menschen geschaffen. Seine eigentliche Leistung bestehe darin, dass er nur eine Amtszeit absolviert und sich gleich danach aus der Politik und dem öffentlichen Leben zurückgezogen habe. „Genau dadurch gab er uns zu verstehen, dass wir auch ohne ihn weiterleben können – ohne den symbolischen Kitt, den seine Führungskraft der jungen Demokratie in den ersten Tagen gab.“

Vermutlich hätte Mandela ähnliche Worte gewählt, wenn er gestern, an seinem 92. Geburtstag, die Lage der Nation beschrieben hätte. Doch der erste schwarze Präsident des früheren Apartheidstaates ist alt geworden – und äußert sich seit Jahren nicht mehr zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Auch zur Korruption im regierenden ANC schweigt er beharrlich. Bei den immer selteneren öffentlichen Auftritten wirkte Mandela zuletzt gebrechlich und bisweilen abwesend. Interviewanfragen werden von seiner Stiftung seit Jahren kategorisch abgelehnt, selbst internationale Berühmtheiten nur noch in Ausnahmefällen empfangen. Inzwischen lebt Mandela zurückgezogen in einer Villa im Johannesburger Nobelvorort Houghton im Kreis seiner Familie, mit der er gestern auch wie üblich seinen Geburtstag beging. „Bald müssen die Südafrikaner wohl ohne ihren Moses leben“, sagt der Politologe und Mandela-Biograf Tom Lodge.

Entgegen vielen Berichten in der internationalen Presse ist der in die Jahre gekommene Freiheitskämpfer aber nicht schwerkrank, sondern nur altersschwach. Auch bei der Abschlussfeier der Fußball-WM, zu der Mandela überraschenderweise auf der Rückbank eines kleines Golfwagens ins Stadion gerollt wurde, sah er nach Einschätzung vieler Beobachter in seiner schwarzen Wintermütze und dem warmen dicken Mantel ausgesprochen gut aus. Er lachte viel, winkte unentwegt – und verschwand nach zwei Minuten wieder.

Den WM-Auftakt hatte Mandela bereits wegen einer persönlichen Tragödie verpasst. Seine Urenkelin Zenani, erst 13 Jahre alt, war damals bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Es war ein weiterer Schicksalsschlag für einen Mann, der in seinem langen Leben viel Leid erfahren hat: 1948 starb Mandelas Tochter Makaziwe mit nur neun Monaten; sein Sohn Themikele kam 1969, als Mandela im Gefängnis saß, ums Leben. Und Makgatho, der letzte noch lebende Sohn, starb 2005 an Aids. Die Symbolik war bereits vor fünf Wochen unübersehbar: Ausgerechnet am WM-Eröffnungstag, der ein einziger Jubeltag werden sollte, wurde Südafrika erneut schmerzlich daran erinnert, dass das Spiel und Leben auch ohne Mandela weitergehen muss – und weitergehen wird.

Im Land selbst wurde der 92. Geburtstag der Freiheitsikone gestern so gefeiert wie die Nelson-Mandela-Stiftung dies ausdrücklich gewünscht hatte: 67 Minuten – eine für jedes Jahr, das Mandela dem Aufbau einer besseren Gesellschaft gewidmet hat, sollen die Menschen weltweit nun für eine gute Tat aufwenden – und etwas Besonderes für das Gemeinwohl tun. Südafrikas Präsident Zuma ging mit gutem Beispiel voran: Nachdem er Mandela am Vormittag zusammen mit dem Kabinett persönlich gratuliert hatte, flog er gleich danach in Mandelas Geburtsort Mvezo, um zusammen mit Mandelas Enkel Zwelivelile, der dort inzwischen Häuptling ist, den Grundstein für eine kleine Klinik zu legen und zwei Schulen zu streichen.
Die großen Tageszeitungen des Lands haben ihre Leser längst darauf vorbereitet, dass Mandela womöglich nicht mehr lange leben wird. Aber das war in den letzten Jahren nicht viel anders. Mandela hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sich die Südafrikaner viel stärker als das Ausland an diesen Gedanken gewöhnt haben.

„Wir können Nelson Mandela am besten dadurch ehren, dass wir auf unsere kleine Weise tun, was ihn stolz machen würde“, sagte Zuma gestern in Anspielung auf den am Sonntag zum zweiten Mal begangenen „Mandela-Tag“. Fortan soll der 18. Juli zwar kein Feiertag sein, aber die Menschen weltweit zu einer ehrenamtlichen Tätigkeit inspirieren.
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