„Ma Ellen“ - Hoffnungsschimmer für viele Menschen in Liberia in Liberia
Für Ellen Johnson Sirleaf hätte die Nachricht zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können: Am Dienstag wurde in Liberia ein neuer Staatschef gewählt. Die Ergebnisse der Wahl sollen frühestens heute feststehen. Doch wenn es noch Zweifel an Ellen Johnson Sirleaf Wiederwahl gab, sind diese durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an die amtierende Präsidentin des westafrikanischen Landes nun wohl endgültig zerstoben. Zumal „Ma Ellen“, wie sie im Volk liebevoll genannt wird, den Rückenwind aus Oslo prompt zur Eigenwerbung nutzte: Dank ihrer Präsidentschaft, erklärte sie jubelnden Anhänger in der Hauptstadt Monrovia, habe Liberia eine „neue Grundlage“ gefunden und sei von der Welt „neu entdeckt“ worden. Dabei geht der Preis weit darüber hinaus: Als erste Präsidentin in der postkolonialen Geschichte Afrikas ist die 72-jährige zum Leitbild für einen ganzen Kontinent geworden: Ihr Erfolg dürfte das Selbstvertrauen vieler Frauen stärken, die in den extrem patriarchalisch geprägten Gesellschaften Afrikas bislang kaum Aufstiegschancen haben. Ihr Hauptkonkurrent bei der Wahl am Dienstag, der 70-jährige Winston Tubman, gab sich verbittert: der Preis für seine Rivalin sei „inakzeptabel“ und „unverdient“.
Tatsächlich ist Johnson-Sirleaf in Liberia keineswegs so unumstritten wie viele im Westen meinen. Ihre Gegner sehen in ihr noch immer eine Vertreterin der amerikano-liberianischen Elite - Abkömmlingen befreiter Sklaven aus Nordamerika, die den kleinen Staat in Westafrika 1847 gründeten und bis zu einem Militärcoup im Jahre 1980 quasi unter Ausschluss der Bevölkerung regierten. Angekreidet werden ihr zudem anfängliche Sympathien für den Despoten und Kriegsherren Charles Taylor, der Liberia nach seiner Wahl 1997 in die blutigste Phase seines 14-jährigen Bürgerkriegs stürzte - und dafür gerade vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auf sein Urteil wartet. Sie selbst hat diese zumindest anfangs vorhandene Verbindung zu Taylor später immer wieder bedauert.
Nachdem Johnson Sirleaf 1997 noch erfolglos gegen Taylor angetreten war, hatte sie im zweiten Anlauf um die Präsidentschaft 2005 mehr Erfolg: Mit Hilfe des Frauenvotums und einer engagierten Wahlkampagne gelang es ihr im zweiten Wahlgang doch noch, den Fußballer Charles Weah auf der Zielgeraden zu schlagen. Seitdem regiert sie ein fast völlig zerstörten Landes: Zwischen 1989 und 2003 kamen im Zuge des Bürgerkriegs rund 250.000 der 3 Mill Liberianer um Leben, mehr als die Hälfte aller Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, die Infrastruktur fast vollkommen zerstört.
Zwar hat sich die desolate Lage seit ihrem Machtantritt verbessert, doch wäre es verfrüht, von Liberia als einem Staat zu sprechen. Dies erklärt auch, weshalb die Präsidentin ihr einst gegebenes Wahlversprechen gebrochen hat und nun doch für eine zweite Amtszeit kandidiert. Sie bräuchte sechs weitere Jahre um das Begonnene zu vollenden, sagt sie. Allerdings hat sie die Korruption bislang oft nur verbal bekämpft - und ihrerseits Familienangehörige und Freunde in Machtpositionen gehievt .
In einem offenen Buch, das letztes Jahr unter dem Titel „Mein Leben für Liberia“ auf Deutsch erschien, hat die 72-jährige Einzelheiten ihres Lebens enthüllt: Ihre vergleichsweise helle Hautfarbe stammt demnach von ihrem Großvater mütterlicherseits, einem deutschen Händler. Sie selbst heiratete früh mit nur 17 Jahren, hatte vier Söhne und zog dann mit ihrer Familie in die USA, wo sie am Madison Business College in Wisconsin Wirtschaft studierte und Jahre später führende Position bei der Weltbank und Uno innehatte. Nach der zeitweiligen Rückkehr in die Heimat erhielt sie einen Job im Finanzministerium und trennte sich von ihrem zunehmend gewalttätigen Mann.
Mit ihrem schnellen Aufstieg in der Regierung des Militärführers Samuel Doe, der sich 1980 blutig an die Macht putschte und 1990 ermordet wurde, wuchsen ihre Vorbehalte gegenüber den dominanten Liberianern amerikanischer Herkunft – und deren Weigerung, die Macht mit dem Volk zu teilen. Dies dürfte sie im langen Bürgerkrieg vor dem Tod bewahrt aber auch entscheidend dazu beigetragen haben, dass sie ein Gespür dafür entwickelte, was Liberia bei seinem Aufbruch aus dem Nichts nun braucht.