Deutlicher konnte die Antwort nicht sein: „J‘y suis, j‘y reste!“ – „Hier bin ich, und hier bleibe ich!“, erwiderte Laurent Gbagbo, damals noch Staatschef der Elfenbeinküste, als er Anfang des Jahres, kurz nach der verlorenen Präsidentschaftswahl, von seinen westafrikanischen Kollegen zum Rückzug von der Staatsspitze aufgefordert wurde.
Es war nicht leicht, den früheren Geschichtsprofessor in den folgenden Monaten aus dem Amt zu drängen. Denn der sah hinter dem internationalen Druck auf ihn und sein Regime eine Verschwörung von Franzosen und Amerikanern. Zumal er überzeugt war, die Wahl gegen seinen Erzrivalen Alassane Ouattara deutlich gewonnen zu haben. Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie, dass Gbagbo am Ende tatsächlich erst mit Hilfe der Franzosen gewaltsam von der Staatsspitze entfernt wurde. Doch bis es so weit war, kam es landesweit zu Massakern und anderen Gewalttaten. Mehr als 3000 Menschen kamen dabei ums Leben.
Genau für diese, ihm nun zur Last gelegten Verbrechen ist Gbagbo diese Woche dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag überstellt worden. Denn dessen Chefankläger Luis Moreno-Ocampo ist überzeugt, dass die Gewalt damals nicht spontan erfolgte sondern geplant war. Gbagbo wird deshalb einer Reihe von Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, die zwischen Dezember 2010 und seinem Sturz im April dieses Jahres begangen wurden. Letzte Woche hatte der ICC als Folge seiner Ermittlungen einen Haftbefehl gegen Gbagbo erwirkt, der dem früheren Präsidenten am Dienstag überstellt wurde. Menschenrechtsgruppen begrüßten die Anklage, warnten jedoch ausdrücklich vor einer Siegerjustiz. Schließlich wird auch Gbagbos Rivale Ouattara zahlreicher gravierender Menschenrechtsverstöße bezichtigt, die bislang kaum untersucht wurden.
Gbagbo ist der erste ehemalige Staatschef, der von dem 2002 gegründeten Gericht angeklagt wird. Der ICC hatte erst im Oktober mit der Untersuchung der Verbrechen nach den Wahlen begonnen. Bis zu seiner Festnahme und Überstellung nach Den Haag hatte Gbagbo im Norden der Elfenbeinküste unter Hausarrest gestanden, der Hochburg seines Rivalen Ouattara. Gbagbos erbittertes Festhalten an der Macht hatte damals umso mehr überrascht, als er einst selbst ein Kämpfer für mehr Demokratie war und hehren Idealen folgte. In den 1970er Jahren wurde er von dem ivorischen Gründervater Felix Houphouet-Boigny ins Gefängnis geworfen – und ging später zwischenzeitlich nach Frankreich ins Exil. Dennoch gab Gbagbo nicht auf, sondern feierte nach der Rückkehr und dem Tod des übermächtigen Gegners im Jahre 1993 ein Comeback als Gewerkschaftsführer.
Diese neue Machtbasis half ihm auch, sich bei den umstrittenen Wahlen vor zehn Jahren gegen General Robert Guei und den heutigen Präsidenten Alassane Quattara durchzusetzen. Tatsächlich veränderte Gbabgo das Land zunächst zum Besseren. So gab es keinen Personenkult um den Präsidenten mehr, weder im Staatsdienst noch in der Presse. Doch dann kam alles ganz anders. Zermürbt von dem langen Bürgerkrieg und einem schweren Zerwürfnis mit der alten Kolonialmacht Frankreich ließ Gbagbo die Präsidentschaftswahlen mehrmals verschieben – und regierte ab 2005 sogar ohne Mandat. Erst Ende 2010 fühlte er sich sicher genug, den Urnengang doch abzuhalten. Zu Unrecht, wie das Wahlergebnis und seine Auslieferung nach Den Haag nun zeigen.