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Zerstörung

 

Vom 18.07.2008

Er hat sein Werk verrichtet – zum 90. Geburtstag von Nelson Mandela

Vor wenigen Wochen gab es in London bereits ein großes Konzert zum Geburtstag Nelson Mandelas. Sein Ehrentag ist allerdings erst heute: Südafrikas Ex-Präsident wird 90 Jahre alt.

Pressefotograf Jean du Plessis wird den 12. September 1995 nie vergessen – den Tag, an dem der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zu seinem ersten und einzigen Staatsbesuch ans Kap der guten Hoffnung kam. Ein Jahr zuvor, im April 1994, war Nelson Mandela zum ersten schwarzen Staatspräsidenten des einstigen Apartheidstaates gewählt worden. Nun reiste die ganze Welt an die Südspitze Afrikas, um dem Freiheitskämpfer ihre Aufwartung zu machen. Als die beiden Staatsmänner an diesem Tag von einem kurzem Gang durch den Garten in Mandelas Amtssitz zurückkehrten, erkannte Du Plessis seine Chance: Ohne zu fackeln, platzierte er sich direkt vor den beiden Politikern und schoss im Rückwärtsgang eine Reihe von Fotos.„In der Hitze des Gefechts vergaß ich völlig den Springbrunnen“, erinnert sich du Plessis „Ehe ich mich versah, war ich kopfüber in den kleinen Teich gestürzt.“ Während Kohl rasch abdrehte, eilte Mandela dem Pechvogel zur Hilfe. „Noch Jahre später“, schmunzelt du Plessis, „stellte er mich Besuchern als seinen privaten Poolfotografen vor“. Auch bei Staatsbesuchen erhielt du Plessis auf Anweisung Mandelas fortan einen Platz in der ersten Reihe.

Es gibt Dutzende solcher Anekdoten über Südafrikas großen Versöhner, der am heutigen Freitag seinen 90. Geburtstag zelebriert. Über seinen außergewöhnlichen Sinn für Humor, über seine Demut, vor allem aber seinen Respekt für die einfachen Menschen. Kaum etwas dürfte das Wesen Mandelas jedoch besser beschreiben als die Szene an einem klaren Wintertag im Juli 1995 in Orania, einer kleinen Siedlung am Oranjefluss, die burische Fundamentalisten zur Keimzeile eines eigenen „Volksstaates“ erklärt haben. Betsy Verwoerd, die damals 94-jährige und inzwischen verstorbene Witwe von Hendrik Verwoerd, dem Architekten der Apartheid, müht sich verzweifelt, eine handgeschriebene Erklärung zu verlesen. Vergebens kramt sie nach ihrer Brille. Mandela, damals Präsident des Landes, beugt sich zu ihr herunter und souffliert ihr leise in Afrikaans: „Möge der Präsident die Einrichtung eines Volksstaates mit Wohlwollen erwägen. Möge er über die Zukunft der Buren mit Weisheit entscheiden...“ Vermutlich liegt genau in dieser menschlichen Größe das Geheimnis von Mandelas Charisma – und der Schlüssel dazu, warum er über alle Grenzen hinweg, bei Jung und Alt, Schwarz und Weiß, in Südafrika wie im Ausland zum weithin bewunderten Zeitgenossen und in vieler Hinsicht zum Symbol für Frieden und Versöhnung geworden ist.

Wer nur seine Vita liest, wird Mandela nie verstehen. Nirgends findet sich darin ein Anhaltspunkt, dass ausgerechnet dieser Hüne und Hobbyboxer eines Tages zu einer Ausnahmegestalt des 20. Jahrhunderts werden sollte. Als Anwalt war er keine Größe. Als Chef der Befreiungsarmee des Afrikanischen Nationalkongress (ANC) tendierte seine Wirkung gegen Null. Als Redner ist er hölzern. Selbst als Denker hat er wenig Originelles produziert, auch wenn seine Autobiographie weltweit zum Bestseller wurde.

Um Mandelas Popularität wirklich zu verstehen, muss man tiefer schürfen – und einen Blick auf seine Kindheit in seinem Heimatdorf Qunu im Ostkap werfen, wo er am Sonnabend im Kreis der Bewohner auch sein eigentliches Geburtstagsfest feiern wird. Die Hügel, auf denen der junge Nelson hier einst die Rinder hütete, sind heute kahlgefressen und tief erodiert. Selbst die Hütte, in der Nonqaphi Nosekeni Mandela ihren Sohn einst zur Welt brachte, steht längst nicht mehr. Sie wurde eingerissen, als seine Mutter 1969 starb.

Wenn Mandela ein traditionsbewusster junger Mann gewesen wäre, wäre er, genau wie sein Vater, ein Häuptling der hier ansässigen Tembu geworden. Stattdessen rebellierte er gegen die alten Stammessitten, eine arrangierte Heirat, – und schließlich auch gegen  das Apartheidsystem der weißen Machthaber. Mandela war gerade zehn, als sein Vater starb und er aus der Missionsschule von Qunu in den königlichen Sitz der Tembu kam, wo ihn sein Onkel, Häuptling Jongtintaba, unter seine Fittiche nahm. Es waren prägende Jahre: Auf den Zusammenkünften der Tembu, bei denen Jongtintaba den Vorsitz führte, lernte Mandela früh, dass ein Führer nicht einfach Entscheidungen fällt, sondern diese formt. Mit 19 wechselte Mandela  auf das schwarze Elite-College Healdtown, eine Art afrikanisches Oxford. „Unser Vorbild war der gebildete britische Gentleman“, schreibt er in seiner Autobiographie, „wir strebten danach, schwarze Engländer zu werden“. Bis heute ist Mandela im Herzen ein solch viktorianischer Gentleman geblieben. Vielleicht sind es aber gerade seine etwas altmodische Art und die tadellosen Manieren, die ihm die Bewunderung der Welt verschaffen: Etwa die Bescheidenheit, sich als Führer auf Zeit zu sehen und deshalb auch, ganz anders als Simbabwes Diktator Robert Mugabe, nie der Versuchung der Macht zu erliegen. Oder die fast übermenschliche Größe, nach 27 Jahren Haft kein Gefühl der Bitterkeit gegenüber seinen Peinigern zu empfinden.

Inzwischen ist Mandelas Gang gebrechlich geworden, fast immer muss er sich auf den Arm seiner Frau Graca stützen, der Witwe des mosambikanischen Staatspräsidenten, die er vor zehn Jahren an seinem 80. Geburtstag heiratete. Die Arthrose nagt an seinen Kniegelenken. Doch zumindest im Gesicht sieht man Mandela sein langes Leben nicht an: Er hat noch immer heitere, unbesiegte Augen.

Vielleicht zum letzten Mal ehrt Südafrika ihn nun mit einer zum Geburtstag in Umlauf gebrachten neuen 5-Rand-Münze und zwei Briefmarken. Doch irgendwie ist die Stimmung bei allen Lobpreisungen gedrückt. Die Pogrome schwarzer Südafrikaner an schwarzen Zuwanderern im Mai haben viele am Kap schockiert – und gezeigt, wie zerbrechlich Mandelas Traum heute ist. Der Titel eines von mehr als 500 Büchern über Mandela – „Kein einfacher Weg zur Freiheit“ – scheint nicht nur auf ihn persönlich zuzutreffen, sondern auf ein ganzes Land. „Jenseits der Abschaffung der Apartheid“, so warnte bereits vor Jahren der regimekritische weiße Schriftsteller Breyten Breytenbach, „fangen die wirklichen Probleme erst an“.

Liberias Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf brachte Mandelas historische Leistung zuletzt auf den Punkt: Er habe den Menschen weltweit Hoffnung gegeben, sagte sie – Hoffnung, ohne Angst in die Zukunft zu blicken. Nicht wenige drängen ihn, ob der wenig guten Lage am Kap und im übrigen Afrika, sein Schweigen zu brechen. Doch Mandela bleibt stumm. „Sie sollten ihn lassen“, meint der angesehene Kommentator Barney Mthombothi. Mandela habe sein Werk verrichtet. Und: „Es ist an der Zeit, dass Südafrika und seine Menschen endlich ihren Teil spielen. Denn einen wie Mandela wird es nie wieder geben.“
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