Der Countdown läuft: In zwei Wochen beginnt die WM
Nur noch 14 Tage bis zur Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika – der ersten WM-Endrunde auf dem afrikanischen Kontinent. Doch wie ist es um die Atmosphäre im Ausrichterland bestellt? Die AZ liefert ein Stimmungsbild.
Jeden Freitag streift sich Amu Nkwinika, wie Tausende ihrer Landsleute auch, das goldfarbene Trikot der „Bafana Bafana“ über, der südafrikanischen Fußballnationalelf. Politiker, Manager, Piloten, Lehrer und Busfahrer – sie alle tragen seit ein paar Wochen jeden Freitag das nationale Jersey, um ihren Kickern zu zeigen, dass Südafrika zur Fußball-WM geschlossen hinter seinem Team steht. Die Bafanas können den Zuspruch brauchen: Nach einer Reihe schlechter Spiele sind sie inzwischen auf Rang 90 der Fifa-Weltrangliste abgerutscht - und bei der Heim-WM nur krasser Außenseiter. Die Hoffnungen, die sich mit dem Team der Gastgeber und der WM im eigenen Land verbinden, sind dennoch riesengroß. Alle Probleme soll das Fußballfest auf einmal lösen; die Kriminalität und Armut, die krassen sozialen Unterschiede, die hohe Arbeitslosigkeit und am besten auch noch gleich die Aids-Epidemie.
Wie fast alle Südafrikaner ist auch Nkwinika mächtig stolz, dass in nur zwei Wochen die ganze Welt auf den Süden Afrikas schaut. „Stolz aber auch etwas ängstlich“, wie sie sagt, weil ja niemand wisse, was das Land genau erwarte. Schließlich hat es ein Event in der Größenordnung einer Fußball-WM in Afrika noch nie gegeben. Ich hoffe nur, dass wir die Welt nicht enttäuschen werden und gute Gastgeber sind“, sagt Nkwinika.
Zumindest um die Stimmung im Land braucht sie sich nicht mehr zu sorgen: Es hat etwas gedauert, aber die knallgelben Trikots mit den grünen Streifen und die südafrikanischen Flaggen, die inzwischen aus vielen Autofenstern wehen, lassen erahnen, dass die WM in den Herzen der Menschen am Kap angelangt ist. Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise, trotz Besucherzahlen, die weit hinter den Erwartungen liegen, und trotz der kommerziellen Tyrannei der Fifa, die ihre Markenrechte gnadenlos verteidigt, wartet ein ganzes Land voller Ungeduld auf den Anpfiff des größten Sportsereignisses in der Geschichte des schwarzen Kontinents.
Vorfreude versprüht auch das gigantische Stadion Soccer City mit seinen fast 100.000 Plätzen, wo am 11. Juni mit dem Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko alles anfängt - und vier Wochen später mit dem Finale alles zu Ende geht. Wie ein Puffer schiebt sich das in der Form einer Kalabasse, eines traditionellen afrikanischen Trinkgefäßes, erbaute Stadion zwischen die riesigen schwarzen Townships im Süden von Johannesburg und den glitzernden Hochhäusern des Stadtzentrums.
Das Stadion selbst ist in seinem dunkelroten Design atemberaubend schön. Hier hielt Nelson Mandela 1990 vor Zehntausenden die erste Massenkundgebung nach seiner Freilassung aus 27 Jahren Haft – und viele hoffen, dass der 91-Jährige das Eröffnungsspiel seiner Bafanas in zwei Wochen besuchen und mit seiner Madiba-Magic für Südafrika entscheiden wird. In gewisser Weise ist Soccer City die in Stahl und Beton gemeißelte Erklärung, dass sich Südafrika mit den Ausrichtern früherer Turniere erfolgreich messen kann.
"Nation branding“ heißt eines der Ziele dieser WM, die Neudefinition der Marke Südafrika. „Wir wollen nicht mehr als ein vom Verbrechen geplagtes Land gelten, das zu zerfallen droht“, sagt Danny Jordaan, der Cheforganisator der WM, „sondern als erstklassiges Reiseland und Investitionsziel.“ Doch auch Jordaan weiß: ein einziger schwerer Zwischenfall und alle großen Hoffnungen wären zerstört – trotz der enormen Anstrengungen, die das Land unternommen hat, um das Turnier zu einem Erfolg zu machen
Ein neues Image für Südafrika, ja für den ganzen Kontinent - es ist ein ehrgeiziges Ziel und es gibt viele Gründe, den von Jordan unaufhörlich zur Schau gestellten Optimismus zu hinterfragen. Doch wer die Leidenschaft und Lebenslust der Menschen am Kap sieht, spürt irgendwie, dass es hier, anders als in Deutschland vor vier Jahren, um mehr geht. „Wir haben mit der vielen Kritik und den Sorgen vor der Gewalt leben gelernt“, sagt Jordaan. „Seit wir uns beworben haben, ist das so gewesen. Es gibt viele Pessimisten und das Gewaltthema wird uns sicherlich bis zum Ende begleiten. Aber wir werden alles geben, um die Kassandras am Ende eines Besseren zu belehren.“