Wenn es den Konjunktiv nicht gäbe, für Afrika müsste er erfunden werden. Im Grunde müsste der schwarze Kontinent ebenso entwickelt sein wie Südamerika oder Asien. Was an Edelmetallen und anderen Bodenschätzen wertvoll ist, findet sich in seinem Boden: Afrika hat 88 Prozent aller Platinreserven, 73 Prozent aller Diamanten und 60 Prozent allen Kobalts und Mangans. Die Landwirtschaft könnte blühen.
Müsste, könnte, würde - die Variationen des Konjunktivs beschreiben das Schicksal eines Kontinents und seiner 800 Mill. Menschen. Statt den Wohlstand zu mehren, ist Afrika weit hinter den Rest der Welt zurückgefallen. Trotz einzelner Fortschritte besteht sein Antlitz noch immer aus extremer Armut, Krankheit und Gewalt. Kenia und Simbabwe liefern gerade einen neuerlichen Beleg dafür, wie labil selbst die einstigen Musterländer des schwarzen Kontinents sind.

Kinder stellen sich zur Essensausgabe an, hier in Angola. Bei Staatszerfall in manchem Land bleibt den humanitären Organisationen und internationalen Partnern Afrikas nur noch die Option, auf nichtstaatlicher Ebene Hunger und Krankheit zu lindern.
Erfolge sind dünn gesät
Beide sind nur weitere Puzzleteile in einem düsteren Gesamtbild. In seinem Zentrum liegt der riesige Kongo, das kranke Herz des Kontinents. Gleich darüber, in Sudans Westprovinz Darfur, herrschen Bürgerkrieg und Anarchie, genauso wie in Somalia oder dem Tschad. In Südafrika, dem modernsten Staat, wird ein Mann zum Präsidenten des regierenden ANC gewählt, der wegen Korruption angeklagt ist. Und in Simbabwe ruiniert ein greiser Diktator seit Jahren das einstige Entwicklungsmodell und hat das Land mit seiner Weigerung, die Macht niemals freiwillig an die Opposition abzugeben, an den Rand der Anarchie geführt.
An dieser deprimierenden Bilanz ändern auch die ständigen Forderungen der Dritte-Welt-Bewegten nichts, die vermeintlichen „Erfolgsgeschichten“ doch stärker hervorzuheben. Ganz abgesehen davon, dass keine einzige von ihnen anderswo als Erfolg gelten würde, handelt es sich um wenig repräsentative Länder wie die Steppenstaaten Botswana und Mali oder die Inselrepublik Mauritius, die zusammen kaum zwei Prozent der afrikanischen Gesamtbevölkerung zählen.
Fünfzig Jahre nach Beginn der Entkolonialisierung stellt sich immer dringlicher die Frage, warum Afrika als einziger Kontinent seit Jahrzehnten auf der Stelle tritt und mit Ausnahme des bis vor vierzehn Jahren von Weißen regierten Südafrika fast komplett von der Weltwirtschaft abgekoppelt ist. Viele Menschen, besonders die Afrikaner selbst, machen noch immer den Kolonialismus für die Misere des Kontinents verantwortlich. Afrika, so heißt es, sei durch die Landnahme der Weißen deformiert und ausgeplündert worden. Dennoch sind Afrikas interne Strukturen offenbar derart brüchig, dass dem Kontinent, im Gegensatz zu Asien, kein Neuanfang gelingt. Längst ist der ständige Verweis der Afrikaner auf die Übel der Kolonisation zu einer bequemen Entschuldigung für das eigene Versagen geworden.
Mit den massiv gefälschten Wahlen in Kenia und in Simbabwe und den Versuchen der dortigen Machthaber, die Opposition an der ihr zustehenden Regierungsübernahme zu hindern, hat Afrikas langsame Annäherung an demokratische Verhältnisse einen weiteren schweren Rückschlag erlitten. Dass es auf dem schwarzen Kontinent ungleich häufiger als anderswo zu schwerem Wahlbetrug kommt, liegt zum einen in dem aus westlicher Sicht fehlenden Demokratiebewusstsein. Wahlen schaffen Zwietracht und passen deshalb schlecht in das geprägte Weltbild der Afrikaner.
Zum anderen werden in Afrika die speziellen Eigenheiten des (europäischen) Nationalstaates willkürlich mit den traditionellen Normen der afrikanischen Gesellschaft vermengt. Geprägt wird dieses Wechselspiel von einer fast unumschränkten Machtfülle der Staatschefs und einem Verständnis vom Staat, das diesen als reine Geldquelle betrachtet.
Diese unverfrorene Selbstbedienungsmentalität der Eliten in Afrika hat dazu geführt, dass sich immer mehr seiner Staaten in Auflösung befinden und die dünne demokratische Decke weiter erodiert. Schon aus Enttäuschung über ihre fortgesetzte Armut bleiben viele Afrikaner einem Stammesdenken verhaftet und kennen keine Loyalität gegenüber der neu geschaffenen Nation.
Selbstverständlich ist die Spaltung eines Staates entlang ethnischer Linien kein afrikanisches Phänomen. In Afrika ist der Prozess jedoch stärker ausgeprägt. Die Erwartung, dass Verstädterung und Industrialisierung auch da wie ein großer Schmelztiegel wirken und die Unterschiede zwischen den Volksgruppen am Ende verwischen, hat sich (noch) nicht erfüllt. Stattdessen scheint es so zu sein, dass viele Afrikaner in der unübersichtlichen Gesellschaft der Moderne nach einem emotionalen Anker suchen. Dabei verbindet der Rückfall auf die eigene Volksgruppe diese gefühlsmäßig mit einer handfest materiellen Komponente.
Die Möglichkeit, durch die Hinwendung zum eigenen Stamm an den Pfründen des Staates zu partizipieren, ist in der Regel nur bei Wahlen in Frage gestellt - und genau das fördert die Militanz und verleitet zum Betrug. Bei Wahlen steht, wie jetzt in Simbabwe, somit in Afrika sehr viel mehr auf dem Spiel als der Verlust der Macht: Wird der Präsident abgewählt, hat das Auswirkungen bis in die kleinste Verästelung des Landes.
Ebenso schwer wie die Verantwortungslosigkeit seiner Eliten wiegt in Afrika, dass die vier Triebfedern der westlichen Modernisierung kaum existieren. Dazu zählen das Privateigentum, ein über lange Zeit etabliertes Bildungswesen, die Bedeutung der Kernfamilie sowie eine politisch unabhängige Mittelklasse. Schon deshalb ist es zwecklos, dem Kontinent ein (westliches) Demokratiekonzept überzustülpen, das im afrikanischen Milieu fast keinen Nährboden hat. Weder Kultur noch Demokratie sind einfach exportierbar. Auch lassen sich tiefe strukturelle Veränderungen in einer Gesellschaft nicht von außen erkaufen. Sie müssen eigenständig erkämpft werden und aus dem jeweiligen Kontinent kommen.
Was ist zu tun, um den Abstand zu Afrika zu verringern? Ein guter Anfang wäre, der doppelten Heuchelei ein Ende zu bereiten: Auf der einen Seite steht die durch Kolonialschuld bedingte Unfähigkeit des Westens, den Afrikanern endlich zu sagen, dass sie ihre kollektive Selbstzerstörung wie in Simbabwe stoppen müssen. Auf der anderen die Afrikaner, die jedwede Kritik entrüstet zurückweisen, um bloß nicht die regelmäßigen Alimente zu verlieren, die aus dem Schuldgefühl des Westens resultieren.