
Heimaturlaub: Noch bis zum 13. Januar ist EeS in Namibia, verkauft sein neues Album und betreibt ganz nebenbei auch noch einen Radiosender.
Sommer, Sonne, Swakopmunder Strand. Aus den Lautsprecherboxen manches Fahrzeugs am Langstrand tönt ein satter Hip-Hop-Beat, dessen deutsche Texte nur Einheimische verstehen können: "Tafel in der Hand, und 'n Choppie auf'm Braai. Aber wo is die Coolbox?!?" - EeSy-Eric ist wieder zu Hause, und auch dieses Mal hat der in Köln wohnhafte Windhoeker Hip-Hopper ein Album mitgebracht, das die namibische Lebensart feiert.
Es muss das Heimweh sein im kalten Köln, das EeS und seine Musikerfreunde zu patriotischen Texten über namibischen Gerstensaft, Grillfleisch und Kühlkisten inspiriert. "Ohh Yes I wanna see the sun again, oh yes i wanna see my friends all of demma again. (...) Wir chill'n zusammen und reden lecker naai, is endlich wieder lecker, weil alle sind dabei", rappt EeS auf Song Nr. 9 seines neuen Albums. Kollege "The Hunta" alias Pierre Werner singt dazu auf einem fetten Reggaebeat von der bevorstehenden Heimkehr: Endlich wieder Sonne sehen, endlich wieder mit den alten Freunden sein. Also pack die Coolbox ein!
"Es ist herrlich, wieder zu Hause zu sein!", freut sich EeS, mit richtigem Namen Eric Sell. Seit zwei Jahren ist der 22-jährige Windhoeker als Tonassistent bei der Kölner Firma Cape Cross tätig. Der Job ist spannend und bring ihn täglich in Kontakt mit bundesdeutschen Musikern und Fernsehgrößen. Cape Cross arbeitet unter anderem für die Sender Pro7 und Sat 1. In zwei Jahren in Deutschland habe er dort mehr erreicht, als je zuvor, sagt EeS. Das Einzige, was ihm fehlt, sind die Namibier. "Die Leute hier sind meine Inspiration. Während der Ferien schreibe ich zwar keinen einzigen Song. Aber ich weiß genau, dass ich wieder genug Stoff haben werde für die nächsten drei Monate in Köln."
Ganz untätig war der deutschsprachige Hip-Hopper in seinem Sommerurlaub jedoch nicht. Bei der großen Silvesterparty im sogenannten Amphi's bei Swakopmund drehte er mit Musikerkollegen Dokta-J (Johan Heckmaier) und $Manni$ (Manfred Werner) einen Musikvideo zum Titelsong des neuen Albums, "Wo is die Coolbox?". "Richtig auf Nam-style mit Flagge im Hintergrund", erzählt EeS stolz. Und beim Schönheitswettbewerb Miss Palm Beach trat er gemeinsam mit $Manni$ auf. Dass sein Mikro für die ersten 30 Sekunden nicht funktionierte, war ein kleiner Schock. "In meinem Job in Deutschland darf soetwas einfach nicht passieren. Aber hier nehmen die Leute das ganz cool." Und als er dann ein paar Stücke seiner Hip-Hop-Designerklamotten "EeS-WeaR" verteilte, sei das Publikum erst richtig wild geworden.
Wie viele Alben er inzwischen unter die Leute gebracht hat, weiß Sell nicht so genau - er muss es an seinen Händen abzählen. Denn eigentlich ist das jüngst erschienene, "Wo is die Coolbox?", kein neues EeS-Album, sondern vielmehr unter dem Home-Label EeS Records veröffentlicht. Es soll vor allen Dingen ein Demo-Album sein, auf dem neben EeS auch andere namibische Musiker zum Zuge kommen. Mit Track 3, "Gimme Dat! Snoopy Love", hofft EeS, endlich in den deutschen Charts landen zu können. Immerhin hält einer seiner Gönner und Förderer in Köln den Song für so gut, dass er dazu ein Musikvideo produziert hat. Es ist Cape-Cross-Geschäftsführer Thomas Brügge. Er sei ein großer Namibia-Fan, der schon seit 15 Jahren regelmäßig das Land besucht und gesehen habe, "dass hier ein Nam-Boy versucht, etwas aufzubauen", erzählt Sell. "Ohne Thomas wäre ich niemals da, wo ich heute bin", schwärmt er. "Ich habe ihm viel zu verdanken."
Vielleicht läuft das "Snoopy Love"-Video irgendwann mal auf MTV, hofft der junge Musiker. Wirkliche Chancen in der deutschen Hip-Hop-Szene rechnet er sich trotzdem nicht aus. "Ich kann ja noch nicht mal richtiges Deutsch texten", meint er mit einem Achselzucken und lacht. Deshalb wolle er sich in Zukunft mehr auf englische Texte und seine namibische Herkunft konzentrieren, sich als "weißer Afrikaner verkaufen". Das "Coolbox"-Album lässt den Wandel spüren: Neben Rap und Hip-Hop, durchsetzt mit namibischem Slang und Südwesterdeutsch, enthält das Album auch eine ganz Reihe Reggaesongs.
Die Zukunft sieht EeS jedoch in der Zusammenarbeit mit schwarzen namibischen Musikern. So will er schon vor eineinhalb Jahren Kontakt mit Gazza aufgenommen haben, einem der heißesten Anwärter auf den Sanlam-NBC-Music-Award "Artist of the Year 2005". Gazza ist nach The Dogg der beliebteste Kwaito-Musiker Namibias und an einer Kooperation mit EeS durchaus interessiert. Nur: seine Einladung nach Deutschland im August vergangenen Jahres hat der Musiker dann doch nicht wahrgenommen. "Er hat uns beiden eine große Chance vermasselt", glaubt EeS, der mit dem Musikerkollegen ein Demo-Album aufnehmen und ein Musikvideo hatte drehen wollen.
Sell tut das mit einem Achselzucken ab. Er sei schon viel enttäuscht worden von afrikanischen Musikern, sowohl in Namibia als auch während seines Studiums in Südafrika. "Sie leben einfach in den Tag hinein. Ich muss das akzeptieren. Aber ich gebe trotzdem nicht auf", sagt er. Denn Musik sei das Einzige, was Schwarz und Weiß in Namibia verbinde. Und das ist eine von vielen Visionen, die Eric Sell hat: Ein harmonisches Zusammenleben der Bevölkerung Namibias.
Es gab Zeiten, da der ehemalige DOSW-Schüler mit dieser Einstellung auf erbitterten Widerstand gestoßen ist. So sehr, dass er nach Herausgabe seines Albums "Yes-Ja" (2004) mit dem Musik-Machen hatte aufhören wollen. Man hatte ihn "Nigger-Lover" genannt, man hatte ihm die Freundschaft gekündigt. Er hatte mit Schmähparolen in seinen Songs geantwortet. Und die Gefoppten hatten ihn verklagt. Sein Glück, sagt Sell, sei gewesen, dass er zu der Zeit schon in Deutschland wohnhaft war. Die Kläger hätten acht Monate warten müssen, um ihn vor Gericht zu bringen. Schließlich hätten sie die Anklage fallen lassen.
Für den damit verbundenen emotionalen Stress revanchiert sich EeS auf seinem "Coolbox"-Album. "Angeklagt", so der Titel des Songs, auf dem Musiker G-Brow mitwirkt, ist eine köstliche Parodie auf eine Gerichtsverhandlung, bei der nicht nur heftige Worte fallen, sondern auch Schüsse aus einer Automatik. "Die Einstellung 'Mama, der flucht mich, der mag micht nicht, ich ihn auch nicht, also nehm dich ins Gericht', find' ich lächerlich. Lächerlich", lautet der Text.
"Die nehmen meine Musik viel zu ernst", lacht EeS. Sogenannte "Diss"-Songs, in denen die Wiedersacher angepöbelt werden, gehören zum Rap wie das "One Love"-Gesülze zum Reggae. "Wie wurde Eminem groß? Indem er die Leute kack gemacht hat", erklärt EeS. Viele Rapper und MCs in Namibia hätten Diss-Songs auf ihn herausgebracht, so Sell. Er deute das als positives Zeichen: "Das heißt, dass ich bekannt bin, und es kurbelt meine eigene Kreativität an."
Doch heute sei er der Hassparolen müde. "Dieser agressive Junge ist nicht Eric Sell", findet der Musiker. "Ich wurde in der Schule Eesy-EeS genannt, weil ich alles easy nehme. Sollen die anderen ruhig weiter ihre Agro-Lieder schreiben. Ich bin viel zu laid-back und will jetzt Yes-Ja Reggaemusik machen."